Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 40 (2.10.1925)
- Date
- 1925-10-02
- Page
- Seite 661 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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661 Tat aber, die nicht Lüge und nicf)t Schwärmerei ist, sondern dem Können entspringt; dies Können, dies jüdische L e b e n können gibt dem Instinkt die Sicherheit, mit der wir. hellsichtig genug für alle Gefahr des Mitschleppens toter Lehren und toter Ballungen, zu unserem jüdisch-eigenen Leben Heimkehrern Wieder schließt^Rosenzweig, wie schon in seinen beiden früheren Briefen, mit keiner Formel, die einer getrost nach Hanse tragen könne, aber mit etwas, das hier noch unendlich ernster ist und das gerade seinem Wort die Kraft des Ursprungs gibt: mit dem Vertrauen. Die kleine Schrift ist kein Buch, dessen „Inhalt" man referieren kennte, denn gelebte Wirklichkeit soll von ihrer Frage aus, als einem Auhebeu, sich gestalten. Vielleicht wird sich dereinst Herausstellen, das; Roscuzweig eine neue — die nötige — Definition des wahrhaftigen Liberalismus gegeben hat, und die jüdischen Geschlechter der kommanden Zeit werdet! es ihn; danken. Der Referent mag nur sagen: es ist ein Brief für Glich da; kein „Prospekt", den Ihr ungelesen in den Papierkorb werft; ein Brief, den Ihr lesen und — beantworten müßt. Eduard Ttrarrsi (Frankfurt a. M.) Man erlebt Daß Arthur in den Kamps „Berlin ohne Juden." in der heutigen Zeit mancherlei Ueberraschungen. Landsberger die Feder ergreifen würde, um gegen die völkische Bewegung eiuzugreifeu, hätte wohl lamn einer erwartet. Denn gerade Landsberger ist es gewesen, der durch seine Nomane nicht dazu beigetrageu hat, das Ansehen der deutschen Juden 51t heben. Jeden; anständigen delitschen Juden überkam bei der Lektüre der Laudsbergerschen Nomane der Ekel, wenn er sah, wie hier jüdische Charaktere in den Schmutz gezogen wurden. Und nicht nur das. Die Art und Weise, wie Landsberger Frauengestalten schuf, war auch nicht dazu angetan, ihn; die Achtung der anständigen Kreise zu sichern. Als man nun gar von ihln in einer Berliner Zeitschrift^ die Worte las. daß die „Kokotte der Volleildetste Frauentyp der Schöpfung" sei, da muhte man sich bitter schämen, das; ein Jude es lvagte, derartige Worte über die Frau zu sagen; denn gerade das Judentum hat von jeher die Achtung vor der Frail seine Anhänger gelehrt. Soll man sich nun darüber freuen, daß Landsberger in den Kampf gegen den Judenhaß*) cingreijt? Nach alledem, was vorher von ihn; bekannt geworden ist, kann man wirklich über diesen Streiter nicht recht glücklich sein. Gefreut hätten wir uns, wenn wir in seinen; Buch das klare'und deutliche Bekenntnis gelesen hätten, daß seine bisherige Nussassung jüdischer Gestalten und der Frauengestaltet; überhaupt ein bedauerlicher Irrtum gewesen wäre. Dieses Bekenntnis fehlt. Dazu fommt, das; der Gedanke, den antisemitischen Wahnsinn in einem Noinan ml absurdum zu führen, der au sich nicht schlecht ist, nicht mehr neu und auch nicht unbedingt geschickt ansgeführt ist. Bet Lauer hat den Versuch in seinem Buch „Tie Stadt ohne Juden" nnternonunen. Ter Roman Landsbergers ist nach Anlage und Ziel One Wiederholung dessen, was Bettauer geschrieben hat. Landsberger gibt in seinem Vorwort selbst zu, daß er durch das Bettauersche Buch angeregt worden sei. Nicht recht verständlich ist dann aber, weshalb Landsberger, nachdem er dieses erste Werk kannte, beinahe haarscharf in "die Fußtapsen seines Vorbildes getreten ist. Wie Vettaner die Folgen schildert, die die Ausweisung der Inden ans Wien haben würde, zeichnet Landsberger die deutsche Reichshauptstadt, nachdem die Inden kraft eines Regierungsbeschlnsses sie verlassen mußtet;. Dort wie hier eine vollkonnnene Ertötung allen wirtschaftlichen, geistigen und geselligen Lebens, dort wie hier erst der Jubel der Bevölkerung denen gegenüber, die bte Inden vertrieben haben; dann kehrt sieh der Jubel um in Wut, als nian die Folgen erkennt; dort wie hier begeisterter Empfang der schließlich'zurückgeruseuen Juden. Daß eine Ausweisung der Juden aus irgendeinem Kulturkaude heute die furchtbarsten Folgen für dieses Land haben würde ist jedem, der weiß, wie s e h r d i e I u d e n n; i t d e r K u l t u r d e s Landes, in dem sie leben, verwoben sind, begreiflich. Ob aber diese scharfe Heranshebnng der Bedeutung der Stellung der Juden, wie sie bei Landsberger noch erheblicher ist als bei Bottauer, von Nutzen ist, erscheint nur fraglich. Genuß! Landsberger versteht es^ ausgezeichnet, bic Tölpelhaftigkeit u n d die Politische Unfähigkeit der a n t i s e m i t i s ch e n F ü h - rer zu geißeln. Ebenso wirft er grelle Schlaglichter auf die U n s e l b st ä n d i g k e i t der Nt a s s c n, die sich von jeden; Schlagwort aufputschen lassen. Aber dennoch erscheint cs mir im höchsten -.cnße zweifelhaft^ ob derartige Bücher, so gut sie gemeint sind, geeignet sind, das Schicksal der deutschen Juden und der Inden überhaupt nur in irgendeiner Weise zu beeinflussen. Dafür schmecken diew Bücher doch zu lehr nach Kiuoromau. ^.Immerhin, eines darf gesagt werden: In den Gestalten der Mugueder der F-amilie Oppenheimer verkörpern sich die de st e n Eigenschaften der dent s ch e n I n d e n. Gerade mese Darstellung läßt in Verbindung mit der Tatsache, daß Laads. <.rger überhaupt dieses Buch geschrieben hat. die schwache Hoffnung auslommen, daß er nun doch deinnächst einmal mit aller Deutlichkeit Nch von den; abkehrt, was cr bisher geschrieben hat. Bei den; großen Schaden, den er früher angerichtet hat, wäre das nicht mehr als Dr. Kurt Alexander (Krefeld). seine Pflicht. - *) „Berlin ohne Juden." Vteegemann, Hannover. Roman von Arthur Landsberger. Verlag Paul ,,Der naLwnalVeutsche Jude", das ^Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden, gefällt sichln der Septembernummer in maßlosen Angriffen gegen den Eentralverein wie gegen eine Anzahl von Hauptvorstandsmitgliedern. Die Angriffe sind nach Ton und Inhalt so gehalten, daß wir es abtehnen müssen, an dieser Stelle geziemend zu antworten. Wir sind der Zustinuuung unserer Freunde sicher, wenn wir derartige Entgleisungen mit verdientem Schweigen behandeln. Nabbirrcr Tr. Ticrrcmann (Tsscnbacs) a. M.) 50 Jahre alt. Unser verehrter Freund und langjähriger geschätzter eifriger Mitarbeiter, Förderer unserer Bestrebungen. Herr iKabbincr Xx. Sienetnattn in Dsfe ubach (Main) feierte am 23. September seinen 5 0. Geburtstag. Tr. Dicnemann, ein cnolgreillur Arbeiter aus jüdisch-wisiewchastlichem Gebiet, beliebt und hochgeschätzt in den Cemeiudeu, wo er bisher sein hohes Amt innehatte, ist unseren; Ecutralvcreiu seit altershcr herzlich und treu ergebet;. Wir wünschen vot; ganzen; Hetzen, daß Herr Dr. Dienemann auch in den nächsten Jahrzehnten seines gesegneten Lebens seine Arbeit an; deutschen Judetllunr u; bewährter vr;sche und mit reichem Segen wcitersühre. Tr. Leopold Auerbach gestorben. Bor kurzem verstarb im gesegneten Alter von 73 Jahren Dr. p h i 1. Leopold Auerbach, ^ehemals Schriftsteller, .zu Berlin. Zwei seiner zahlreichen Werke, die stch ]ün]t meist mit politischen, nationalvkvnomischen und juristischen^ Problemen befaßten, legen uns die Pflicht aus, an dieser Stelle des Verstorbenen zu gedenken — war cr selbst auch schon seit längerer Zeit von der Bühne össentlichen Geschehens abgetreten. „Das Judentum und ferne B e k e n n e r in Preußen unt) den anderen B n n des - floaten" (1890) behandelte in apologetisch-wnsi nschasUicher Weist die deutsche Judenstage in allen ihren Teilen nach dem Stande der Zell. In glänzenden; 2tU wird der geschichtliche Verlaus der „Berliner Bewegung" seit 1875 dargestellt und untersucht, die Parallele Cnt- Wicklung der Gesetzgebung und Verwaltungs-Praxis unter eingehender Schilderung der parlamentarischen VerbäUniist und der Tenden.zvrozesie verfolgt und schließlich — was erst jetzt Ereignis geworden -7 die Notwendigkeit der einheitlichen Organisation des^ Judentums bcwieseru An reinem der Probleme und der Vorwürfe, die seit Jahrhunderten in ihrem Wesen ja immer die gleichen geblieben sind, geht Auerbach vorüber: das Streben nach der Weltherrschaft, der Internationalismus, der „jüdische Wucher", d;e Fremdheitsstage, die SLellu.ng zun; „chri'tlichen Staat", die Mischehe — all das wird mit warmem Oerzen, aber kühlem Verstand erörtert. Recht und Unrecht klar aufgezeigt und jede Verleumdung mit wissenschaftlicher Gründlichkeit widerlegt. Eine umfassende geschichtliche Darstellung der Rechtsstellung der Juden in allen deutschen Bundesstaaten erhöht den bleibenden Wert des umfangreichen Bandes. , Auf Interesse darf auch heute noch die 1893 erschienene Streitschrift rechnen: ,W i c i ft die I u d e n h e tz e mit Erfolg zu bekämpfen?" Gewiß ist diese aus den Kämpfen des Tages geborene Brosistüre in manchem von den Ereignissen überholt worden. Beachtenswert bleibt aber immer die Auseinaudersttzcurg mitten religiös-politischen Prinzipien der christlich-konservativen Waats ansiasstlng. Mögen diese Zeilen dazu dienen, die Erinnerung an einen frühen Vorkämpfer unserer Idee;;, an eine von hohem sittlichen Ernst getragene Persönlichkeit w a ch z u h a l l e n. Tic Synagoge mit den: G-locheniurnr. Das Bild der Synagoge m B 11 ch a u am Fcderste wgl. „E. V.-Ztg." Nr. 39) hat uns zahlreiche Znschristen aus unseren; Leserkreise eingetragen, die das Interesse an dieser kulturgeschichtlichen Merkwürdigkeit beweisen. Wir heben aus den Zuschriften nur folgende heraus: Herr Samuel Gel ln er aus Essen macht uns daraus aufmerksam, daß nufere Behauptung, die Spnagoge in Buchau sei die einzige mit einem Glockeuturin, ein Irrtum sei. „In So borten, einen; Dörfchen am Fuße des Erzgebirges, etwa eine Stunde von D e plitz in Böhmen/ so schreibt cr, „sah ich vor mehr als 0! Jahren eine Synagoge unt Glockenturm, die deshalb schon weit und breit als Seltsamkeit galt." Und von mehreren Seiten werden wir darauf hingetoiesen, daß auch die verhältnismäßig große Spnagoge der Jacobson-Schule zu S e e f e n am H a r z mit einem Glockenturm versehen ist. Dieser befindet sich, wie Herr Emil Gattcl (Breslau) schreibt, über der Mitte des kuppet artigen Daches, und die Glocke wurde in den erste;; Jahren nach der Erbauung 0810.) geläutet. Aus der Spitze des Turmes ist, wie uns der Versitzende unterer LrtsgruPPe Goslar, Herr Steinberg, mitteilt, eine Wetterfahne mit der Inschrift ,,BAh Jakob" angebracht. Der erste taubstumme Abiturient in Dcutschlaud, Am 2-1. September 1925 hat der taubstumme W. Zcitlin, Zögling der eiuztgeu jüdischen TaubstummcuaustalL tn Deutschland, im Alter von 18;/. Jahren seit; Abiturieutenerautcu als erster Taubst u m mer i n Deuts ch l a n d und vermutlich in ganz Europa bestanden. Zur mündlichen Prüfung war als Fachmann neben den; Prüfungsausschuß des Weißenseer Reformrcalgymuasiums der Direktor der jüdischen Taubstummenanstalt Weißeusce. Dr. F. Reich, zugezogen. Der Dezernent des Taubstummeuwestris in Preußen, Herr Ministerialrat Stolze, erschien ebenfalls. Tie Prüfung wurde durch die hervorragenden Leistungen des Abiturienten im Schriftlichen wie in; Mündlichen zu einem Ereignis. In nicht weniger als fünf Fächern erhielt er in der mündlichen Prüfung das Prädikat sehr gut. In den ersten sechs Fächern, in denen er geprüft wurde, gab cr die Antworten laut und deutlich, wahrend in den letzten drei Fächern seine Stimme so angestrengt war, daß die Antworten nur für die Danebensitzenden verständlich waren. Aus diesen; Grunde mußte Tr. Reich die Antworten laut wiederholen. Das günstige Ergebnis der Prüfung verdanken wir neben der außerordentlichen Begabung Zeitlins' allen denen, die sich in den Dienst seiner Ausbildung gestellt haben: dein