Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 39 (25.9.1925)
- Date
- 1925-09-25
- Page
- Seite 646 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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t>46 Hegner. Es soll eine Zahl deutscher Juden geben, die meinen, wenn nicht täglich in München, Nürnberg oder Berlin Juden drangsaliert werden, gäbe es keine I u d e n f e i n d s ch a f t mehr. Sie werden hossentlich umlernen und^sich verpflichtet fühlen, zum angekündigten bencralsturm auf die Schanzen zu steigen, mindestens aber unserem C. V. treue Gefolgschaft zu bewahren und jegliche Unterstützung zu gewähren. vier irae. Bemerkungen über das Hauptgebet des Neujahrs- und V e r s ö h n u n g s ta g e s. Von Medizinalrat Tr. Heinrich Haasc (Wien). Daß unsere Psalmen eine „heilige Poesie, die alle Stimmungen, die das religiöse Gemüt bewegen und durchzucken, die Tonleiter der Empfindungen von ihrer tiefsten Niedergeschlagenheit bis zur anfjauchzenden Lust" zum Ausdruck bringen, das loird und must auch von den grössten Judenfeinden in unserem deutschen Vaterland schon darum zugestanden werden, weil sie den Hauptinhalt der protestantischen Liturgie bilden. Unkenntnis, leider auch in unseren Reihen, dürfte heutzutage den Ausspruch Jacobis gewagt oder mindestens befremdlich erscheinen lassen: „Die Juden beten Philosophie und singen Metaphysik." Und doch bedarf es bloß eines Hinweises, zum Beispiel aus jenen Psalm, der anläßlich der Gedächtuisandacht für unsere Lungeschiedenen rezitiert wird, um seine Richtigkeit^ zu begründen: mehr als in ihm enthalten ist, gibt auch Shakespeare nicht in der Friedhossszeue im „Hamlet" an vielben'underter Weisheit über die Vergänglichkeit alles Irdischen. Ich möchte im folgenden aus Grund von Feststellungen, die in dem Werke „?eniatoueh" von Allanrice Fkuegel (Baltimore. IOOn enthalten sind, einige Bemerkungen über den „Guayana bauüal" bringen, welche meiner Meinung nach allgemeines Interesse verdienen. Dr. A. H. Sahce, Professor der Archäologie an der Universität Oxford, hat 1902 ein Werk unter denn Titel „Die Religionen des alten Aegypten und Babylonien" herausgegeben. Es behandelt den möglichen Einfluß derselben aus die Bibel und die Evangelien, ein Thema, das bekanntlich durch Friedrich D c l i tz s ch ' „Bibel und Babel" seinerzeit eine große kontroverse heransbeschworen hat. Nach Professor Sayce begann das alte kauaanitische Jahr mit dem Herbst; im späteren Babylon des Hanunuravi wurde das Neujahrsfest in den 'Frühling verlegt. Das kann eine Erklärung dafür abgeben, warum der Pentateuch das Frühjahr (Nissan) als ersten Monat bestimmt: er erwähnt niemals „Neujahr", sondern den Ersten des siebenten Monats als Erinnerungstag, und die Synagoge feiert ihn als Neujahrs- und Gerichtstag mit dem Hymnus „lckno8san6 laukef". In Babylon war das Neujahrsfest dem B e l - Nt e r o d a ch geweiht, wo er zu Gericht saß in einer mystischen Kammer und das Schicksal und die Bestimmung aller Sterblichen anordnete. Allein er vermochte aus den Tafeln des Schicksals, die er als Symbol seiner Oberhoheit an der Brust trug, nur die Zukunft für jedes Jahr voransznsagen, nicht sie zu ändern. Tie Auffassung von dem Gesetz, welches das Weltall beherrscht und unmöglich gebrochen werden kann, liegt tief im babylonischen Geist — eine Auffassung, welche eigentlich aus dem Hindu stammt und vage von den Kabbalisten und präzis von Spinoza reproduziert wird: „A l l e s ist Gesetz u n d N o t - Wendigkeit; es gibt feine Freiheit im ganzen K o sm o s." Auch die griechischen Götter konnten die Beschlüße des Fatum bloß ausleaen und entschleiern, sie ausführen, aber nicht beeinflussen. Auch die Synagoge betrachtet den Neujahrstag zugleich als Gerichtstag. Das diesbezügliche Gebet sagt: „Du, o Gott, gedenkest der Bestimmung der Welt, alle Geheimnisse liegen offen vor dir . . . kein Geschöpf entrinnt deiner Vorsehung:'du gedenkst aller Geschlechter ... du beschließt für alle Länder, welches dem Hunger, welches dem Ueberslnß (überantwortet): was dem Krieg und was dem Frieden (bestimmt) und für alle Geschöpfe, welches'von ihnen zum Leben oder zum Tode (geweiht), alles ist heute vorausbestimmt. Am Neujahrstage wird es niedergeschrieben, am Versöhnnngstage wird es besiegelt, wie viele hinwegschreiten werden, wie viele geboren werden, wer zum Leben, wer zum Sterben (erkoren), wer durch Wasser, wer durch Feuer, wer durch das Schwert, durch wilde Tiere, durch Hunger, Durst, Pest oder Erdbeben (umkvmmt), wer gesteinigt, wer gedrosselt, wer zur Verarmung, wer zum Neichwerdeu (bestimmt ist), wer erhöhet und wer erniedrigt werden loird." Und nach der Aufzählung der beklemmenden Möglichkeiten des Verhängnisses erhebt sich der Hymnus zu dem befreienden Satz: „Aber Reue, Gebet und gute Taten können das bittere Schicksal abwenden, andern!" Hier sehen wir den schattenhaften und hilflosen Bel- Merodach seinen Platz an JHV abtreten. Ja, noch mehr, JIIV allein ist Herr und Meister auch des Schicksals, während Del so wie Jupiter vor dem Schicksal zittern. Kein blindes Geschick, Neue und gute Werke bringen ihren Lohn. In der Synagoge heißt Neujahr der Tage des Gedächtnisses, an dem Gott das Geschick eines jeden Wesens selbst entscheidet. Hier ist die völlige S u p e r i o r i t ä t Judas über Babylon gegeben, des Monotheism u s ü b er das Heidentu m. Was dort müßiger Mythos, hier wird es eine Lehre der Moral, groß und wirksam, welche den .Menschen nicht zur Verzweiflung, sondern zur Reue und Besserung Die fehlende Kenntnis des nachbiblischen Judentums. Eine f o l g e n f ch w e r e Lücke deutscher Bildung Von Privatdozent Lic. Ficbi^ (Leipzig). Sieht man unsere religionsgeschichtlichen Textbücher, zum Beispiel dasjenige von Lehmann-Haas, ferner unsere Lehrbücher der Religionsgeschichte, zum Beispiel dasjenige von Thiele-Heiler, nach Angaben und Texten über die Geschichte und Literatur des Jndeutums, vor allem der jüdischen Religion vom Anfang der christlichen Zeitrechnung bis zur Gegenwart, durch, so ist man erstaunt, nichts oder doch so gut w i e nichts da r. ü der z u finde n. Stellt man dieselbe Frage etwa an Lehrbücher für den Religionsunterricht höherer oder anderer Schulen, etwa an ein Buch wie R. Scherwatzky „Erziehung zur religiösen Bildung" (Duelle n. Meyer, 1925, Leipzig), so sieht man: Talmud, Mischna. Allaimonides, Kabbala nsto. werden nicht einmal m i t eine m einzigen W o v. t c e r w ä h n t. Daß christliche Schüler und Schülerinnen höherer Schulen auch nur die elementarsten Kenntnisse über rabbinische Dinge von der Schule mitbrächten, kommt äußerst selten vor. Vorlesungen an den Universitäten über jüdische Geschichte, Philosophie und Religion sind sehr spärlich oder gar nicht vorhanden. Woher sollen bei dieser Lage der Dinge in weiteren Kreisen Kenntnisse, auch nur die elementarsten, über jüdische Tinge kommen? Man studiert die Religionen aller Völker, nur die jüdische Religivnsentwicklung von der neutestalncntlichen Zeit bis zur Gegenwart loird ignoriert. Fragt man in weiteren Kreisen Gebildeter nach Begriffen lvie Midrasch, Hayna da. Mekiiilta. nach den „Sprüchen der Väter", Schema, Geniara, Kncldiscli, Schmu :ie <\-re usw., kurz nach irgendwelchen, jedem Juden ganz geläufigen. Begriffen, so stößt inan ans völlige Unkenntnis. Und lvie könnte das anders sein, da diese ganze jüdische Welt so gut wie völlig an denjenigen Stellen nicht beachtet wird, die weiteren .Kreisen die Bildung vermitteln' Allan mag zum Judentum und seiner Religion und Geschichte stehen, wie mau will, es genügt keinesfalls, sich nur über die Zeit bis etwa zur Allakkaväerzeit zu orientieren, da das Judentum seit der Zerstörung des zweiten Tempels wichtige Erlebnisse zu verzeichnen hat. Es ist durchaus möglich, der Allgemeinheit die wichtigsten, gaiiz objektiven Tatsachen über Talniud. jüdischen Gottesdienst usw. zu übermitteln, ohne deren Kenntnis jedes Verständnis für unsere jüdischen Zeitgenossen fehlt. Sowohl der Geschichtsunterricht als der Religionsnulerricht könnte und inüßte hier Wandel schassen. Allan sollte an maßgebender Stelle bei der Schaffung neuer Lehrbücher auf diese folgenschwere Lücke der bisherigen Lehrbücher und damit der deutschen Bildung achten und sie sachlich und objektiv ein für allemal beseitigen. Geschichtliche und religiöse Bildung ist ja doch dann mit einer empfindlichen Lücke behaftet, wenn sie von der mitten unter uns lebendigen jüdischen Religion und Geschichte nichts weiß, während sie etwa über innerasialiiche uitd afrikanische Völler und deren Religion und Geschichte g e u a u u n t c x r i dj t c t ist. Leider ist es aus religiösem Gebiet vielfach Tatsache, daß hier ohne genügende Kenntnisse geurteilt wird. Dasselbe ist auf denn Gebiet der jüdischen Religion der Fall. Und doch gibt es Hilfsmittel genug, sich über die ans das Alte Testament folgende Entwicklung zu orientieren. Ticje Hillsmittel bleiben aber mnoirlsam, wenn der Religions- und Geschichtsunterricht der deutschen Schulen davon schweigt. Allanches ist gegen früher schon dadurch bcsicr geworden, daß für das Verständnis der Evangelien jetzt rabbinische Stoffe, zürn Beispiel für die Gleichnisse Jesu, herangezogen werden. Das geschieht jedoch noch immer inehr innerhalb der neutestamenUichen Wissenschaft der Universitäten als innerhalb des Religionsunterrichtes der Schulen. Schon mancher Gebildete, der nach seiner Schulzeit von den rabbinischen Gleichnissen, dem KaddiVeh im Verhältnis zum Vaterunser, den rabbinische Aussprüchen gehört hat, hat sich dann gewundert, daß er aus der Schule von alledem nichts gehört hat. Möchten diese Zeilen dazu anregen, daß diese folgenschwere Lücke deutscher Bildung beseitigt wird! In meinen „Dil'lathesten" (Verlag Adolf Bonz in Stuttgart) habe ich das für den Religionsunterricht bereits vor Jahren versucht, ähnlich in dem Heft der chlleligiousgeschichtlichen Volksbücher" (Verlag I. E. B. Mohr in Tübingen), betitelt: „Das Judentum von Jesus bis zur Gegenwart". juj. v\k xjpintKU'.mTi oco i^uocntumcv l.uao Borlc IN' Dcraetljuis sur das SaJuiieriemeftcc ift erschiene'.,. Die Herren ^o;cn Dr. A a e ck, Prof. Dr. D a n e t h, Prof. Dr. (5 ( b o n c n, Pros. Dr ecku ' manu, Dr To rczy n e r, Dr. Freund halten eine Reihe von * lesungen. Wir heben daraus hervor: Dr. Bactt: Pädagogik des gicliaic Unterrichts; Prof. Dr. El bogen: Einleitung in die Wissenschaft des gut rums; Jüdisch-gottesdienstliche Literatur: Prof. Dr. Er u t t m a n n (firn »üge der Ethik; Dr Torcznner: Der Prophet Ezechiel; Db. Isr Freund: Dre Stellung des Judentums in Deutschland nach der Rei Verfassung. Anmeldungen nimmt der Vorsitzende des vchrcrtolleginms. $ Prof. Dr. Elbogen, am Donnerstag, 22. Dtlobcr, und grcitagW:; Oktc d. I., vornuttags 10 Uhr, im Hochschulgebäude, Artiücricsttaße 141, Bimmc: