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Central-Verein-Zeitung · 1925-09-04 · 36 (4.9.1925) · p. Seite 600

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
36 (4.9.1925)
Date
1925-09-04
Page
Seite 600 (sequence 15)
Language
German
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600 ßrauengeZankea un- RAigionsunLerrichL. Don Nosi Gractzcr (Krischanowitz b. Breslau). Begleiten Sie mich ttt das Studierzimmer des Oberhirten einer Lroßstädtischen evangelischen Geineinde. Ein Brieftvechsel hat diese Bekanntschaft angebahnt, es war mir Bedürfnis, dem Herrn Dekan sür seine wundervolle Bnßtagsbetrachtung in einer sonst antisemittsch orientierten großen Zeitung zu tvanfen! Er sorderte baviii „S e l b st e r k e n n t n i s statt S e I b st g e r e ch t i g k e i t", um aus dieser Basis zuur Verständnis und zur echten Humanität gegen die Bekenner anderer Religion zu gelangen! Ich hatte den Geistlichen gebeten, an der Hand seiner theologischen Kenntnisse vom Inhalt unserer Thora, die Verlenmdungen gegen unsere heilige Religion zu entkräften, damit endlich die Verhetzung treuer deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens anshöre. °Seine umgehende Antwort, die von hoher Achtung vor dem Werte nnseves Judentums zeugte, erbat meinen Besuch, um noch eingehender über religiöse Fragen mit ihn; zu sprechen. Es war eine Freude, den weißhaarigen Herrn, dessen markige« Eharakterkopf von gütigen Angen beseelt war, so ehrfurchtsvoll unsere Religion und deren beste Vertreter, mit denen ihn Freundschaft verband, wnrdigen-zu hören, lim so mehr st niste ich, als er mir Pl östlich erzählte, wie oft er schonjunge Juden für das christliche Bekenntnis vorbereitet habe. War ich an einen Proselytenmacher geraten, dessen jnden-sreundliche Aenßernngen nur Mittel zum Zweck gewesen? Ich konnte nur die empörten Worte nicht versagen: „Und Sie, Herr Dekan, hätten. Wohlgefallen an Menschen, die ihre angestammte Religion wechseln wie ein Kleid?" „Solche würde ich unbedingt ablehnen/ meinte er ernsthaft, „aber wenn junge Juden aus Ueberzengnng nach meinem Glauben verlangen, darf tri) ihnen denselben nicht vorenthallen!" Ich preßte die Lippen aufeinander, uni ihn durch eineu ungläubigen Einwand nicht zu verleben. „Wie viele haben mir nach den Reliaionsstunden, welche der Taufe vorangehen, mit tränenden Augen gesagt, wie schön es sei, endlich zu wissen, was Religion bedeutet." Ein schneidender Schmerz durchzuckte mich — Angehörige unseres erhabenen Glaubens kettneu dessen Schalle nicht und greifen nach anderen! Ich ries: „Dann, sind sie eben im Elternhanse absichtlich der Vertiefung in unsere Religion serngehalten worden, um ihnen den aus Zweckmäßigkcitsgründen erwünschten Uebertritt zu erleichtern!" „Das weiß ich nicht", sagte der Dekan ernst, „aber die Ueberzengung gewann ich, das; Ihre Jugend wohl nicht den rechten Neligionsunterricht hat. Die jungen Leute erzählten mir, sie wären nie in ein näheres Verhältnis zu ihrem Religionslehrer getreten, der sie weder zu fesseln, noch zu erwärmen verstand!" — Die bittere Beschämung dieser Stunde, sie soll meinen Worten die Resonanz geben, soll und muß anfvüttelnd wirket; für Elkernwie für Lehrerherzen! Wo durch ein religiöses Elternhaus der Boden für die Aufnahme jüdischen Wissens gut vorbereitet. ist. da wird auch bei minder gutem Religionsunterricht eine Emp'änglicbkeit für jede Belehrung stattsiuden. Doch, leider Gottes, wie viele Kinder sind — daheim ohne Tradition erzogen — einzig aus die Religionsstnnden in den höheren Lehranstalten angewiesen, um olwas Judentum zu bekommet). Gern gebe ich zu, es ist eine bitter schwere Aufgabe für den gewipenhaften Lehrer, den gewaltigen- Stoff in die spärliche Unterrichtszeit zu pressen, und für. den weniger gewissenhaften ein Grttnd, solch säst unmögliches Beginnen ztl unterlassen, und sich auf schematische Aenßerlichteitcn n: beschränken. Es liegt mir fern, den Stand der Religionslehrer, die sich wie keine anderen in gewissenhafter Hingabe an ihren Berns w-nndreiben, verunglimpfen zu wollen. Rur zu gut weis; ich, daß von religiös indifferenten Eltern diesem Lehrer ihrer .'linder geradezu entgegongearbeitet wird, indem die Aufgaben für die Retiaionssinnde gewöhnlich zugunsten der anderen Schu-mcler als unwichtig an die letzte Stelle rücken müssen Uttd im Zeugnis die Rote in Rcligion kaum Beachtung findet. Aber gerade diese Gea/mströmungen verlangen t r a. s t v o l l e Führer der jungen, ihnen a n - vertrauten Inden, um sie dennoch vorwärts zu bringet:, sie für unser heiliges Rcliaionsbelenntnis zu retten. Wenn im Lehrkörper eines Gymnasiums der größte Teil als „Pauker" und nur ein geringer Prozentsatz als „Pädagoge" bezeichnet wird, so ist es doch auch begreiflich, wenn unter den zahlreichen Religionslchrerir viele berufen und nur wenige „auserwählt" sind, das bringt schon die Lebensnot, die geringe'Besoldung mit sich. Und dennoch! Sollte nicht von den verantwortlichen Stellet: ans, die mit so viel edlem Eifer die Beseelung unserer Jugend sür beit jüdischen Gedanken anstreben. - unentwegt und opferwillig dahin gewirkt werden, ein auserlesenes Lehrermaterial zusammeuzustellen für. die religiöse Erziehung unserer Kinder. Wer aber immer cs versteht, den .Kindern Anleitungen. Freude und Berstän'dtiis sür unseren erhabenen Glauben beizitöringen, der kommt sich gewiß selbst so reich beschenkt vor wie ein Goldsucher, dorn es gelang, ans dem wertlosen Sand einen echlm, goldenen Riederschlag herattszmvaschen. Und die .Kinder, die, gefesselt von dem Ernst und der Würde ihres Lehrers, bereit sind, ihm zu folgen „in das gelobte Land, das er ihnen zeigen will", gehen gleichfalls beschenkt, mit Ewigkeitswerten heim, oft imstande, die gleichgültigen Eltern durch die eigene Wärme und Ueberzeugung vott der Schönheit der angestammten Religion ans ihre Seite zu ziehen. Man muß die strahlenden Augen des Knaben sehen, dem es gelungen ist, der: Vater zum bisher gemiedenen Gottesdienste zu geleiten/oder die Mutter zur Jnnehaltung der Freitagabeudseier mit dem ,chstch!erzünden" zu bewegen. Wie stolz c:nd beglückt erzählten mir einige junge Schüler, oaß sie beim Herrn Rabbiner, ihrem Lehrer, znm Chanutkasest eingeladen seien, und ein anderer, daß er bei den Eltern dett Varmizwohtmterricht durchgesetzt habe, weil er sich dock) vor betit Herrn Rabbiner schämen müsse, nicht eingesegnet zn werden. Und wenn cs auch selbstredend das Vorrecht der ber-chenen Stellen bleibt, den Inhalt des Religionsunterrichtes sestzuietzeu. so darf ich mit dem Frei mute der religiösen Frau nitd Mutier, die sich zur Erziehung junger jüdischer Seelen berufen fühlt, doch vielleicht darauf Hinweisen, das; sie daritt auch über die Wichtigkeit des Gottesdienstes belehrt werden. Bedeutet doch der Gottesdienst die sichtbare Form für die religiösen Ideen, Hl nt für die Kinder muß „Fronntn sein und bet eit" ein und dasselbe sagen. Es geht eilt wundervoll^ Sehnen nach religiöser Erneuerung, nach lebendigem Indentnm durch unsere Gesamtheit, und auch unsere Jugend muß davon ergrüben werden. Wer kamt ihr wohl besser als der verslänG nisvolle Lehrer den Weg dazu bahnen: der indische Schüler muß die hohe Bedeutung unserer Lehre, die im Mittelpunkte des Gottesdienstes steht, begreifen lernen, muß in der Teilnahme an die sein das Mittel sehen? sieh aus dem Staube des Alltags zu erheben, muß so dnrch'onnt werden mit Freude an feinem Judentum, daß er es nimmer verlaßen möchte. Und keine junge jüdüche roeclo darf uns fürderhin enw.leiten, weil wir. v e r a n t tv o r t tt 11 g s l o s _ wie Kain, der Geächtete, etiva zu sagen wagten: „Bin ich der Hüter meines Bruders?" Zum Gedächtnis von Dr. Ezechiel Zwier (pleß). In Breslau üarb im Alter von 57 Jahren der Fürstlich Plesnsche Archivdirektor Dr. Ezechiel Ziviler. Mit ihm ist ein Mann dal>i:tgegangen, der. gleichzeitig als Gelehrter und als Wtrtnchastspratti'ber bewährt, einen bedeutenden Ruf in all den Krenen genoß, die fiel) wisiemehchtlich. organisatorisch und handelspolitisch mit den Oftfragen, bewnders Oberschlesiens und Polens, zu befassen hatten. Hmniu'.euiri) wohl jüdisch-theologischen SIndien zngewandt, war er durch seine Kenntnis der slaivischen Sprachen in Beziehung znm Fürsten von Pkeß gekommen imd dann dessen Archivar geworden. Es gelang ihm, das Archiv in Pleß zn einem modernen, ja man kann tagen für speziell obersthleststhe Verhältnisse maßgebenden Institut anszubanen, zu einem Archiv, dessen schätze die interessierte Forsthung gern in Anspruch nahm. Rachdem er bereits mit mehreren Arbeiten'zur Geschichte des schlesischen Bergrechts und des Fürstentums Pleß llervoraelrcstcn war. wurde er nach^dem Tode Jakob Earos vom Berlage Perthes in Gotha mit der Forlsühnu'.-g der to eit ans ladenden ..Geschichte Polens" beantragt, die einen neii der enzyklopädischen Sammlung der „Europäischen Staarenge'chichte" darstellt. Er hat dies Werk, das Richard R o e p i?l l 'chon 1d!0 begonnen und dann, während der Jab re 1S03 bis lssU, Jakob E a r o. der aus Gunsten gebürtige, vielseitige, lemttnis- und gedankenreiche Ordinarius der Breslauer lliiincufitat. so rüg Gent Hai. bis zum Ende der Iagellonenzeit weitergesührt und damit eine Aniga.be bewältigt, der nur ein so genauer Kenner der reichlich oerwinklen polnischen und der mit ihr verzahnten Universalgesthtch-e gemausten war. Voll Abgeklärtheit überschante cr at:ch den Kompler der spezifisch jüdischen Fragen? den das Leben in Gr ob erich lest sehen Grenzmark darbot. " Die Monatssthrisi ..Im Deutschen Reich" hat eine Reihe von Auüäuen ans feiner Feder gebracht, in denen er in besonnener, ge'chichtsgesthnlter Weise zu diesen Fragen Stellung nahm. -Ham doch auch hier seine Vernautheit mit der Historie des ob erschien st! pen Landes und feiner Juden --- uoie ne z. B. in dem Aufsatz „Tie jüdischen Gemeinden Oberich-esiens im Anschluß an das GBamwrustv der deutschen Juden" niedergelegt ist — seiner Tagespv.blizist i' zngnte. In Vorl ragen, besonders im Ra hüten der BttcHstriLi-Loge. hat er sich für die Verbreitung dieser jüdisch-heimakgesthichttichen Kenntnisse eingesellt, 'und bei einer ähnlichen Gelegenheit, durch eilten Vortrag, in der Los ring-Le ge zn Bres.au, erging von ihm die Anregung gttr Schaffung einer wissenschattciehen Anstalt, die durch Sammlung der GcmeiudeaAen solche Kenntnisse urkundlich fimdamemiercn soltre. Diese Anstalt, das von iHut schon IBA geforderte und nach einer von ihm i'.T'l nuternommeneit „archivalischen Insonnatien-reise" gegründete Gesamt arch.iv der deutschen Juden in Berlin, hatte von Anbeginn bis noch in jüngste Zeit seiner eifrigen Propaganda viel ztl dauleu und hak feinen Rennen iveik über Obersehlesicu. lgnatw auch in Kreise getragen, die feinem sonstigen Wirten fern, naudeu. Milieu ans Plänen und Entioüc'en und ans großen. leider :mvvllende: bt. je enden Arbeilen riß dett in bescheidener Stille unermüdlich Wirtenden der Tod. Was er geschaffen und gefördert, wird sein Andenken roeit ertragen und )o ach erhalten in den Bereichen, denen seine LebetwarGtk gehörte. Dr. I. Jacobson. (sictvcebcrcn Gu;il P Latte gcskndctr. Int Alker Von GZ Jahren starb ain 30. August Gewerbe rat Emil Platte (Berlin). Der Verstorbene war ein Manu von tiefer Religiosität und reich an jüdischem Wissen. Lange Jahre beteiligte er sich als Vertreter des liberalen Judentums im Dienste der Gemeinde. Er gehörte iictcn verschiebenett Verwall:tg.sa11^fchüsse11 auch der Berliner Repräscillankenversammlung an, die ihn zci einem ihrer Vorsitzenden wählte.

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