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Central-Verein-Zeitung · 1925-06-19 · 25 (19.6.1925) · p. Seite 436

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
25 (19.6.1925)
Date
1925-06-19
Page
Seite 436 (sequence 15)
Language
German
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43G der geschundene Goethe Von Arthur Eloesscr. Heinrich Teweles, ehedem verdienstvoller Leiter des Deutschen Theaters in Prag, das uns die Tschechen mit wenig Umständen abgenommen haben, benutzt eine tvürdige Vlnße zu kleinen literarischen Arbeiten, ohne damit einen Platz in der wissenschaftlichen Forschung beanspruchen zn wollen. Nachdem er Lräthcheu Echönkops, „Goethes erstem Mädchen", ein hübsches Erinueriingsbuch gewidmet hat, wagt er eine größere Darstellung, die der Verfasser vielleicht bescheidener Zusammenstellung genannt haben null, unter dem Titel „Goethe und die Jude n". (Verlag W. Geute, Hamburg l9-5.) Mit diesem Thema zählt Herr Teweles zwei Vorgänger. den Urarier Houston Stuart E h a m b c x I a t n , der mit seiner unwissenschaftlichen Nassentheorie eine Menge Köpfe. wenn es Kopfe waren, verwirrt, und den Völkischen Mar Vkanrenbrecher, der eine Sammlung „Deutschlands führende Männer und das Judeutuur" heransgegeben hat. Mit welcher Tendenz, braucht wohl üicht erst gesagt zu werden. Der eine, der immerhin Geist.hat, Geist genug, um alle Tinge ans die Spitze, aus die falsche Spitze zu stellen, sieht seinen Goethe als einen entschiedenen Christen an, der die religiösen Fundamente der europäischen Kultur gegen die Drohung des Judentums hütet. Ehamberlain bemächtigt sich mit Vergnügen eines Wortes von Victor Hehn, das; das jüdische Zeitalter angefangen habe, als Goethe die Angen schloß. Man kann darüber hinaus sagen, daß der rasende Nassentheoretiker schon dem lebenden Goethe die Augen geschlossen habe, der sich zu Spinoza bekannte, der den „Westönlichen Diwan" schrieb, der sich von den Romantikern, j>ic er zu nutzen wie zu meiden verstand, das alte Indien ausschließen ließ', und der gewiß keinen Menschheils-, keinen GoUesgedanken im abschließenden Besitz irgendeiner Nasse Privilegiert lassen wollte. Es gibt keine größerer! Jrrtümer, sagt Goethe, als die von geistreichen Leuten, wenn sie unrecht haben. Womit er gewiß nicht gesagt haben wollte, daß Leute ohne Geist vor Jrrtümeru verschont bleiben mühen. Mar Maurenbrecher, der weiter nichts will als das deutsche Volk von jüdischen! Geist, Geld, Blut entgiften, halbes schließlich auch nicht gewagt, Goethe als Antisemiten heutigen Zinnes für die moderne Bewegung anzuwerben, er hat Aussprüche von Goethe über Judentum und Judenfrage gesammelt, die für die völkische Bewegung Munition zu liefern versprechen. Dieser Maurenbrecher entschuldigte sich in seinem Schriftchen wegen der Ünvollständigkeiten. die er begangen haben sollte, lind wegen einer Unsicherheit die man einem Nichtliteraten Nachsehen mühe. Wenn au seinem schriftchen etwas sicher ist, so wird es allerdings diese Unsicherheit sein, nicht wegen eines Mangels an Vollständigkeit, sondern wegen eines Mangels an Bildung, sagen wir an derjenigen Ererziertheit, ohne die mim sich auf literarftchem Gelände nur schwer zurechtfinden kann. Man wird außerdem mit Goethe nicht richtig verkehren, wenn cs nur der Juden wegen und ans gar keiner anderen inneren Neigung geschieht. *?etv Maurenbrecher zeigte sich Zucker anderem unfähig, mit dem mnnor in dem schönen Esther-<opiel Zu verkehren, den der junge Koethe in sein ..Iahrmarktsfest Zn Plnndersweilern" eingelegt hat. Zch werde mich hüten, unseren großen Dichter als Philosemiteu ans- Zugeben und ihn überhaupt auf ja oder nein zu stellen in einer Frage, die seinerzeit noch gar nicht anfgegebcn war. Wenn es aber einen Antisemitenspiegel gibt, so ist es dieses Fastnachtsspiel, in dem sehr lustig dargetan wird, daß immer die Inden schuld haben, wenn irgendwo schlecht Wetter ist, daß man sie ans jeden Fall spießen, pfählen und verbrennen soll, damit sie die Verbrechen der anderen ühnen. Indessen Herr Maurenbrecher mußte das alles nicht vertehen, da er wahrlich nicht zu den von Ehamberlain verdanunten üdischen Goethe-Philologen gehört. Nach einer unwiderlegbaren Ueberlieferrmg ist die große Goethe-Verehrung aus den Berliner -jüdischen Salons hervorgegangen, noch dazu in einer Zeit, da wenigstens die ältere Generation"der deutschen Nomantik recht heftig gegen seine Herrschaft rebellierte und auch die Einsetzung einer Nebenregierung versuchte. An dieser Stelle empfiehlt es sich, eine Anekdote aufzubewahren. Als die Kleist-Gesellschaft begründet wurde, verlangte ein hoher Offizier, der mit diesen! Dichter mehr blntsals geistesverwandt ist: Aber Juden dürfen hier nicht rein. Worauf man ihn erinnerte, daß das nach den um Kleist bemühten und auch verdienten Schriften von Otto Vrahm, Otto Pniower. A. Etoesscr und manchen anderen wohl nicht ginge. Worauf der Hohe sich damit entschuldigte, daß er nur die Biographie von Wilhebn Herzog gelesen habe. Das Völkchen spürt den Teufel nie . . . Um auf Goethe zurückzukommcn. das Büchelchen von Teweles ist eine Sammlung aller Aenßerungen Goethes über das Judentum 'sowie eine Ausrechnung aller seiner Beziehungen zn jüdischen Zeitgenossen. Es ist immer gut, wenn man so etwas beisammen hat. Aber wir müssen an der Schrift doch mehr die Ehrlichkeit rühmen, die kein SGSort tendenziös entstellen oder inubiegen wollte, als die - Fähigkeit einer Organisation, die das Thema ans den Fnndamentcn von Erlebnis und Gedanken auf baut. Aus demselben Material hätte sich leicht ein übersichtlicheres Buch machen lagen; cs hätte an einigen Stellen auch anders beleuchtet werden müssen, da der Scheirnverser; das Stichwort „Juden" häufig zu stark isoliert und schon die nächsten; Zusammenhänge im Dunkeln läßt. Wenn sich Goethe im Briefwechsel - mit Bettina für das Bürgerrecht der Juden in seiner Vaterstadt - durchaus nicht begeistert, so muß man sich vergegenwärtigen, daß er ' auch für andere Emanzipationen wenig übrig hatte, daß er an Stelle von Forderungen innner lieber Bestrebungen sah. Andere politische Fortschritte, wie Stimmrecht und Pressefreiheit, haben ihn genau so kühl oder ablehnend gelassen. Suchen wir ein Symbol für sein gesamtes Verhältnis znin Jndentinn, so findet! mir es in „Dichtung und Wahrheit", noch dazu unter den! Gesichtspunkt, daß KindheiGcindrücke in gewissem Sinne gebietend geblieben sind. Die Judengasse war dein Knaben fremd" unheimlich, aber auch geheimnisvoll anziehend. Als da eine Fenersbrnnst ausbrach, half der Jüngling löschen, und der Greis verzeichnet mit ruhiger Mißbilligung das Verhalten von jungen Burschen, die zn dem Schaden noch den Spott fügten. Bewahren wir das Bild dieses Hel senden. Die berühmte Vorschrift des Lenardo in den „Waiiderjahrcn", wonach die Inden, weil die moderne Kultur christlich ist, aus allen Aemtern, ans allen höheren geistigen oder künstlerischen Funktionen ausgeschlossen werden sollen, ist im genauen Sinn nicht eine Aeußerung Goethes, der nie abschließend abslrc,viert, der im Leben überhaupt nur praktische Standpunkte hatte. Lassen wir seine Beziehungen zu geistreichen oder schönen Jüdinnen, sei es zn Nahet, sei es zn der Frau v. Ehbenberg geb. Bi eher, der er eine besonders zärtliche Freundschaft widmete. Frauen sind innner privilegiert. Wenn Lenardo in den „Wahlverwandtschaften" die Juden nicht nur ans der Laufbahn des Offiziers. Beamten. Richters, sondern auch des Künstlers und gar Journalisten ausschließen will, so hat sich Goethe wahrlich nicht an diese Berordnnng gehalten. Ob er mit David F'riedländer und seinen! Dohne Benoni in Berlin Münzen tauscht, ob er ans die dramatischen Entwürfe von Michael Beer, dern Bruder Meherbcers, mit besonderer Wärme eingeht, es ist innner die Leistung, die Persönlichkeit, die er ohne Vorbehalt gegen die andere Nasse einschätzt. Ten Maler des jüdischen Familienlebens, den Frankfurter Moritz Oppenheim, der sich ihm respektvoll näherte, hat Goethe gefördert und für seine biblischen Kompositionen mit eingehenden Ratschlägen unterstützt. Wenn man sich gar fragt, welches'Geschöpf, von Frauen abgesehen, den alten Goethe am meisten entzückt hat, so kann nur Felir Mendelssohn genannt werden, der ihm sogar den von Zelter eifersüchtig vorcnthalieuen Beethoven Vorspielen'durfte. Der Kuß, den der kleine Felir. Enkel von Moses Mendelssohn, bekam, kann durch leinen Ehamberlain, durch keinen Maurenbrecher von Goethes Lippen abgewischt werden: seine Zärtlichkeit hat für den Jüngling nicht aufgehört, über den er an die Eltern mit einer ungewöhnlichen Herzlichkeit schrieb, als ob er initsorgcnd und mitliebcnd sich ein wenig zur Familie rechnete. Goethes praktisches Verhalten gegen die ihm begegnenden Inden, es waren nicht wenige, ist das völliger Vorurteilslosigkeit und menschlicher Unbefangenheit. Will mau sein geistiges Verhalten gegen die historische Erscheinung des Judentums durchaus ans eine Forme! bringen, so kann man sagen, daß „das Volk Jehovas" ihrn durch Zähigkeit und Tapferkeit imponiert hat, ohne daß er es liebte. Man vergehe vor allem nicht, woran unsere Völkischen ungern erinnert sein mögen, daß Goethe in mehreren Aenßerungen deutsches und jüdisches Schicksal verwandt gesunden hat, daß er beiden dieselbe Erhaltnngskraft aus der Stärke der Individualitäten nachrühmt. „Die Deutschen wie die Inden lassen sich wohl unterdrücken, aber nicht vertilgen. Sie lasten sich nicht entmutigen und werden stark geeint bleiben, selbst wenn es ihnen bc- . schieden sein sollte, kein Vaterland mehr zn besitzen." Das Büchlein von Teweles soll keine Kampfschrift sein. Es würde der Sache auch gar nichts helfen, wenn etwa Goethe, übrigens ein großer Bewunderer des „Nathan", die Erzählung von den drei Ringen selbst geschrieben hätte. Was liegt unseren Völkischen, die über den Antisemitismus zum Antichristianismus gelangt sind, an einem Goethe, der gar lein Verhältnis zu Wotan hatte, der lieber mit den Göttern Griechenlands liederlich verkehrte. Was kann ihnen noch an cineu! Goethe liegen, seitdem die Wissenschaft den Mann mit den schwarzen Haaren, mit den dunklen Augen, den schönsten seiner Zeit, zn der alpinen Nasse rechnet! Teweles verzeichnet hierein völkisches Urteil, das den Mann „mit den vorgneckenden dunkelbraunen Augen, mit der an der Spitze gekrümmten Nase" und anderen verdächtigen Merkmalen gar der Raste Sems überläßt. „Seine glühende Sinnlichkeit, seine unsittliche Lebensweise, seine Feigheit gegenüber kriegerischen Ereignincn seiner Zeit" bestätigen die Vermutung. das; Goethe nicht die Ehre hat, sich zum Germanentum rechnen zn dürfen. Diese Lenke begreifen nicht, wie sic vieles nicht begreifen, daß die Idee dev Nation sich nicht mit der Nasse deckt, daß die Nation eine Genmtsgeweiuschast gleicher geschichtlicher Erinnerung, eine geistige Gemeinschaft gleicher Erhebung, eine sittliche Gemeinschaft gleicher Verpflichtung und also gar eine Knlturgcmeinschast bedeutet. Houston Stuart Ehamberlain glaubte noch den friedlichen Genius unserer Literatur für einen Haßgedanken mobil machen zn können, während seine heutigen Söhne ans solchen verdächtigen und offenbar schlappen Bundesgenossen gar keinen Wert mehr legen. Durchaus mit Recht; denn wie sollte der Mann, der von sich selbst sagt, das: er in Jahrtausenden gedacht habe, und der nie weniger als das Geschick der Menschheit im Herzen trug,, im Lager der Dummheit und Beschränktheit Platz finden. Wie Goethe sich zn der ungeheuren Erscheinung des Judentums verhalten hat. kann mit einem Wort und selbst mit einem kleinen Buch nicht jo einfach abgemacht werden. Wie er sich aber zu unseren Völkischen verhalten würde, und seinerzeit tatsächlich verhalten hat, das läßt sich mit einen! Wort erledigen. Hm eines von den mildesten anzuführen, er hat diese waldursprüngliche Völkerschaft „ans den untersten Stufen der Kultur" sitzen sehen.

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