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Central-Verein-Zeitung · 1925-06-12 · 24 (12.6.1925) · p. Seite 418

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
24 (12.6.1925)
Date
1925-06-12
Page
Seite 418 (sequence 11)
Language
German
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Das zweite Heft öes,Margen". ' r' EiueBesprechung. Don Professor Tr. Erik Nöltlng (Frankfurt a. Main). Die von Professor Julius Goldstern (D-armstcrdL) begründete Zweimonatsschrift „Der Morgen" legt, wie vom Herausgeber ausdrücklich betont wird, ihr zweites Heft einem stetig loachsenden Kreise von Freunden vor. Wenn die Eröffnungsnummer einer literarischen Unternehmung der Kritik noch eine gewisse Fieserve auserlegt, weil erst abgewartet werden muß, ob das anac-strebte Niveau behauptet werden kann oder ob es in einmaliger Glanzleistung verpufft, so darf nunmehr mit größerer Berechtigung Anerkennung gezollt werden, um so eher, da auch die für die dritte Nummer vorgesehenen Autoren und Beiträge bereits mitgeteilt werden. Für den nichtjüdischen Leser hat das zweite Heit sogar einen erhöhten Wert, weit mit verschiedenen Beiträgen (Frick, Oppenheimer, Hausenstein, I. Baö), stärker als es beider ersten Nummer der Fall war, in ein allgemeineres Interessenbereich vorgestoßen wird, ohne daß die Bestirnmtheit der Konturen verschwindet. Im Mittelpunkt des Interesses steht ein von Professor Franz Oppenheimer beigesteuerter Beitrag: „Der Antisemitismus im Ächte der Soziologie", der die Judenfeindschaft als einen <wnderfall des jedem Soziologen wohlbekannten primitiven Fremdenhasses zu begreifen lehrt, womit u. E. an die Wurzel des Problems gerührt wird. Als Städter, Händler und als Angehöriger einer in die Unterklasse heraögedrückten ehemaligere Herrenschicht war der Jude in dreifacher Weise von seiner Ununelt abgeschieden und damit seinerseits gegen die bestehende Ordnung gestimmt: wirtschaftlich ein „Störer der Nahrung" und politisch ein „Revolutionär", Leides eine Folge seiner besonderen Konstellation innerhalb der großen Nahmengruppe, iu die ihn sein Schicksal verschlug, nicht aus angeborenem Nevolutionarismus und kapitalistischem Groin stinkt, die nur in der geistreichelnden Phantasie eines Werner Sombart bestehen. Der Jude von heute trägt das Stigma einer lange Jahrhunderte unter härtestem Druck stehenden Menschenschicht, die oft wenig erfreulichen „Eigenschaften des Hasen, des Fuchses und der Schlange", die schlinunen Spuren der Atomisierung und der Zerpulverung, da er nach der Sprengung seiner natürlichen Gemernschaftszellen stärker als die anderen in die gänzliche Haltlosigkeit hinausgestoßen wurde, besonders wenn rhm rm industrialisierten Großftadtmilieu die letzte Bürdung, die Religion, abhanden kam. Ernste Worte spricht in diesem Zusammenchang der über den Soziologen unversehens hinauswachsende VolkspLdagog zu beiden Lagern herüber, Worte, die wert sind, nicht nur intellektuell ausgenommen, sondern in das moralische Bewußtsein versenkt zu werden. *r Von den sonstigen Beiträgen sei in erster Linie verwiesen auf den das Heft einleitenden Aufsatz des Cießeuer Universitatsprofessors Heinrich Frick, der den Gründen nachspürt, die in Deutschland die vorhandenen Konfessionen trennen und einen. Ein verschärftes Eruppenselbstbewußtsein, damit eine Verschärfung der Gegensätze ist wahrnehnrbar und aus dem historisch-organischen Lebensgefühl des 19. Jahrhunderts verständlich. Es gilt jedoch auf Der Grundlage der Toleranz und der Achtung der fremden Eigenart ohne Schwächung und Verdunklung der bestehenden wescnhasten Unterschiedlichkeiten die nicht weiter auflösbare Differenz überzuleiten in fruchtbare Auseinandersetzung, wofür beachtenswerte praktische Winke gegeben werden. Julius Bab vertritt die Ansicht, daß auf die seelische Existenzfrage des Juden weder Politik noch Wissenschaft die endgültige Antwort zu geben vermögen, daß vielmehr der mit der Hemmungslosigkeit des Genies waltende Künstler allein berufen ist, die seelische Situation des Judentums in der abendländischen Welt Zu bestimmen. An Shylock, Nachan und Judith wird der Wert der von chm empfohlenen Betrachtungsweise^ zu zeigen versucht. Wertvoll erscheint insbesondere eine in die sonstigen Betrachtungen verstreute Bemerkung, die man etwa dahin erweiternd formulieren könnte, nicht der jüdische Mensch als Einzelfall ist zu emanzipieren (genau so wenig wie auf einem andern Gebiet der einzelne Proletarier), sondern das jüdische Menschentum als kollektive Wesenheit, seine Eingliederung in das Abendland und seine Harmonisierung innerhalb der europäischen Empfindung^- Welt ist das Problem, nicht banales Nivellement, wie eine über das Ziel hinausschießende judenfterrndliche Propaganda vielfach in falschem Uebeveiser fordert. Judenfreundliche Propaganda — das ist der große Gewinn dieser neuen Zeitschrift, der besonders dankbar gerade von deul empfunden wird, der mit in den Reihen des Abwehrkampfes steht, der von dem und für das Judentum heute geführt werden muß, daß sie uns endlich einmal wieder über das Nur-Propagandistische hinaushebt; daß in ihr die Dinge einmal wieder angesehen werden können, wie sie in Wirklichkeit sind, ohne daß die vorhandenen Trennungsstriche vertuscht zu werden brauchen und ohne daß die^gemeinschastlickeu Konturen überzeichnet werden müssen, weil nicht Gehässigieit und böswillige Entstellungssucht am Wege lauern, sondern überall der gute Geruch freimütiger Wissenschaftlichkeit und freundschaftlichen Nahseins verspürbar ist. Darin liegt vorzüglich der Wert dieser jungen Unternehmung begründet und nicht im klangvollen Namen des einzelnen Autors und der Gewichtigkeit seines Beitrags, worüber ansonsten noch vieles in bezug auf das vorliegende Heft zu sagen untre, wenn der knappe Raum nicht Schweigen geböte. „Mafse6LiKwanöLrung"unö„<§LburLsz:ffLe" Rückblicke zur bevorstehenden Volkszählung. Nach dem erfolgreichen Kriege von 1870 setzten in Preußen-Deutschland Zeiten h o ch g e h e n d e r 11 n t c r it e I) m lt n q. § l u ft ein. und in diese Periode fallen die schlcchtbelemndelen G r ü n d e r j a h r e, in denen^viele faule Gründungen ins Leben gerufen wurden und infolgedessen das Wort „Gründen" mit dem Nebenbegrisf des Unsoliden und Betrügerischen zusammensiel. Großes Aussehen erregte damals am 7. Februar 1878 der bekannte jüdische Abgeordnete Eduard Laster durch seine Rede über die schwindelhaften Gründungen, wodurch er sich den Ruhm erwarb, das eiternde Geschwür an der deutschen Wirtschaft ausgestochen zu haben. 50 Jahre spater, nach dem Niederbruch des deutschen Heeres, begann eine Scheinblüte des deutschen W irisch a f t s l e b e n §. Ungesunde Spekulationen machten sich breit und ergriffen den gesamten deutschen Bolkskörper, der an tausend Wunden blutend zu stamme ubrach, und unter dessen Zusammenbruch wir heute noch genugsam leiden. Aber die Allswirkung dieser beiden Perioden ist für d-as deutsche Judentum fast dieselbe geblieben. Damals sowohl wie heute proklamierte man die jüdische M a s s e n w a n d e r u n g als Quelle ewiger Gefahr für das deutsche Volkstum, und es ist interessant, wie der noch vielen älteren Berlinern bekannte Sanitätsrat Dr. S. Neu mann die Unwahrhaftigkeit dieser Behauptung durch das vorhandene statistische amtliche Material entkräftete. Dieftm aufrechten Juden hat der Städtestatistiker Professor R. Boekh im 23. Jahrgang der ^Statistischen Jahrbücher der Stadt Berlin" ein bleibendes Denkmal gesetzt. Geradezu klassisch zu nennen ist die Broschüre Neumanns über „2)ie Fabel von de r jüdischen Nt asse nein w andern n cf, die im Jahre 1880 erschien. Ter Gelehrte saßt seine Untersuchungen siir die Zeit von 1841 bis 1871 dahin zusammen: Solange und soweit die preußische Bevölkerung überhaupt auch durch Einwanderung sich vermehrt hat, war die jüdische Bevölkerung an der Einwanderung genau in demselben Verhältnisse wie die Eesamtbevö lker un g, nicht mehr, wie nicht rveuiger, beteiligt. An der stärkeren Vermehrung der jüdischen Bevölkerung dagegen ist die Einwanderung absolut unbeteiligt. Zlveitens, seitdem und soweit die preußische Bevölkerung durch Auswanderung gehemmt wird, hat die jüdische Bevölkerung in ihrer Vermehrung durch Auswanderung eine verhältnismäßig viel stärkere Beeinträchtigung erlitten als die Gesamibevölkerung. Die Auswanderung der Juden aus Preußen in den Jahren 1840 bis 1871 ist übrigens keine isolierte Erscheinung. Während desselben -31jährigen Zeitraums hat Bayern eine vergleichsweise noch viel größere jüdische Auswanderung gehabt. Dieselbe hat 20 000 bis 25 000 Seelen betragen. Durch diese Umstände ist die jüdische Gemeinschaft in Deutschland in ihrer Gestaltung und Entwicklung bedeutsam beeinflußt worden. Die tatsächliche Vermehrung der jüdischen Bevölkerung bezifferte sich in Preußen während bcr betrachteten. Zeit ( von 50 Jahren im jährlichen Durchschnitt um etwa ein Viertel Prozent höher als die Gesamtbcvölkerung und das £nN rcfiiltat des halben Jahrhunderts bestand darin,'daß unter je 100 000 Einwohnern tm Jahre 1871 hundert Inden m ehr wohnt e n als im Jahre 1822. Jul Gegensatz zur tatsächlichen Vermehrung, bei welcher das Uebergewicht .zwischen den beiden Devöllerungskategorien wechselte, bleibt bei dem Geburtenüberschuß das Uebergewicht, ohne Unterbrechung, auf der Seite der jüdischen Bevölkerung. Aber das liebergewicht des Geburtenüberschusses der jüdischen Bevölkerung sank von 1855 bis 1871 irr fast r e g e l m ästiger Folge jährlich von 0,72 Prozent auf 0,24. Die Verhältnisse haben sich in Preußen-Deutschland hinsichtlich der natürlichen Vermehrung wesentlich verschlechtert, und der Krieg hat sein Uebrigrs Ackan. In welck^m Ausmaße die Einwanderung seit dem Frieden erfolgte, wird d!e Volkszählung 1925 ergeben, aber man hüte "sich, wie bei d-er Kriegszählung von 1916, Vergleiche der Ergebnisse der jüdischen Bevölkerung zu ziehen, ohne sie der Entwicklung der Gesamtöevvlkernug gegenüberzustellen. Dr. Julius R o t h h o! z.

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