Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 24 (12.6.1925)
- Date
- 1925-06-12
- Page
- Seite 413 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Lektin, 72. Juni 1925 IV. Jahrgang * Nr. 24 Einzelnrrmmsr 10 Gol-pfenn!g / •3 Aj> V-«. *3 i / SPfconatsGbo-nneinent O Soldpfennig zuzügNH D-eftellgeld Allgemeine Zeiiun^ des judeniums Srrlag und SchrMrrtung: Trrl!«8V kL Lindriist^.IS. .-. F-rnsprechrr: «mt Dönhsfl sro«. SAö. .'. DauNonto: Lr-Sdn-c Dank. Wechi-Iflubk G, Berlin SV cz, Lliidenftr. 1 LKeirrige Ln eigenannahmr: Knnmcai. Crrpeöition SNrdolf Mossr. Berlin SW 19, imb deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 ©olbmart für die 7 gespaltene Zeile nach KLdots Moffer NorMLlreilcr'.nrrffer Nr. < Fannlienarrzeigcn und StrLengesrrche s-Lr MitgUrder des LenrrLl.LereinL 0.15 &olbntorf, die 90 mm breite Neklamcze-.ie 430 vö^lCmiöri 233 ffw GschMAkN Alle großen Tageszeitungen berichteten in den letzten Wochen über umfangreiche judengegnerische Ausschreitungen o n den Wiener Hochschulen. Nachdem diese zu einem gewissen Abschluß gekommen sind und einen eindringenden Uebcrblick somit erlauben, veröffentlichen wir von besonders unterrichteter deutsch österreichisch er Seite einen lehrreichen Bericht über die bedauerlichen Geschehnisse. Die Schristleitung. I>r. We, In den letzten Wochen konnte der unbefangene Beobachter merk würdige Veränderungen an den Wiener Hochschulen feststellen. In Hallen und Gängen starren ihm eine große Anzahl aufreizender judenseiudlicher Plakate, die zum Teil mit dem Hakenkreuz geschmückt sind, entgegen. Eine Reihe von Ankündigungen aller Art in den Anschlagkästen deutfchnationaler und nationalsozialistischer Hochschulverbindungen ist zu bemerken, in welchen in aus-! fallend großen Lettern, offenbar mit Bewilligung des Rekj torates — denn j e d er An s chla g b ed a r f d es Vis um s j des Rektors — das Judentum schimpflich beleidigt, und ' offen ^um Rapenkampf aufgerusen wird. Das als antisemitische Fälschung entlarvte Pamphlet „D ie Pr o t o k o l l e d er - Weisen von Zion" wird durch verschiedene, an aussallen- > den Stellen angebrachte Plakate den Studenten „zum e£nj Lium der Iudensrage" empfohlen und in den akademischen Wirt sch astsü mtern offen verkauft. So wird unverantwortlich die Seele der studierenden Jugend Wiens vergiftet und eine sh st e m a ti sch e Hetze gegen die jüdische Religionsgemeinschaft im allgemeinen und die ihr angehorigen Studenten im besonderen betrieben. Von außerhalb der Hochschule stehenden fi r e i f c n wird sie ständig genährt und v o n d e n Hochschulbehörden leider nicht verboten. Dabei darf nicht übersehen werden, daß die Wiener Hakenkreuzlerer n u r ei n Ableger der deutschen nationalsozialistischen Bewegung ist, und daß die Wiener hakenkreuzlerischen Studenten in ständiger Verbindung mit den reichsdeutschen und vor allem mit den Münchener Hakentreuzlern stehen. Die Folgen dieser Hetze gegen alles/ was jüdisch ist, sind nicht ausgeblieben. An allen Hochschulen Wiens sind judenseindliche Studenten, die zum größten Teil aus dem Lager der Nationalsozialisten stammen, zum geringeren deutschnationalen Derbindungen angehören, f a st z u g l e i ch e r Z e i t z u r G e n e r a l o s f e us i v e gegen ihre jüdischen Kommilitonen übergegangen. Diese Gleichzeitigkeit der Ausschreitungen macht es zur Gewißheit, daß sie von einer zentralen, den Hochschulen fernstehenden Stelle a n b e f 0 h l e n und organisiert werden. Hierdurch soll ein Druck auf die Negierung für die Bewilligung der verschiedenen „völkischen Belange" ausgeübt und insbesondere gegen den mißliebigen Unterrichtsminister D r. Schneider demonstriert werden, da dieser die Pläne der Hakenkreuzler zur Einführung des K um er us clausus ablehnt und auch die versuchte S ch a s f u n g v 0 n „S t u d e n i e n n a 11 o n e n* zwecks Benachteiligung der „nichtarischen" Hörer entschieden mißbilligt. Der Skandal begann an der H o ch s ch u l e f ü r Bodenk u l t u r, wo der Boden für die antisemitische Kultur besonders gut „gedüngt" zu sein scheint. Tortselbst traten,die deutschnationalen Hörer in einen achttägigen Protestft r e i k, weil sie mit der A u f h e b u n g des Partie l l e n Numerus clausus, der sich nur gegen die ausländischen Hörer jüdischer Konfession richtet, nicht einverstanden waren. Diese Aktion hatte die Einstellung aller Vorlesungen an der genannten Hochschule zur Folge. Da nun die Protestler einsahen, daß sie ans dem Wege des Streiks zwar eine Unterbrechung des Studienbetriebes, nicht aber eine Ausschließung jüdischer Hörer erreichen konnten, riesen sie die „arischen" Techniker zu Hilfe. Und so kam es an der Technische n Hochschule zu wüsten Ausschreitungen gegen die jüdischen Studenten. und zu unglaublichen Gewalttätigkeiten. Den „äußeren Anlaß" für diese von den Hakenkreuzlern als „R e p r e s s a l i e it" bezeichnten Angriffe gegen ihre jüdischen Kommilitonen bildete folgender Vorfall: In einer Vorlesung über theoretische M a s chinenk u n d e machte Hofrat Prof. Kobes verschiedene Bemerkungen über Pazifismus, Republik und die „g e w i s s e R a s s e", Äeußerungcn^die wohl nicht in den Rahmen einer technischen Borlesung paßen, und auch nachträglich vom Rektor der Technik, Hofrat Prof. Dr. S a l i g e r, als „derb und burschikos" bezeichnet wurden. Einige Wiener Zeitungen erlaubten sich nun, diese merkwürdigen Auslassungen zu glossieren, und deshalb mußten selbstverständlich die — jüdischen Techniker (wer denn sonst?) „bestraft" werden. Am 19. Mai besetzten bereits frühzeitig antisemitische Studenten die Aula der Technischen Hochschule und forderten die Einlaß heischenden Studenten auf, sich als „Arier" zu legitimieren. Wer sich der frechen Anmaßung dieser eigentümlichen „Behörde" nicht fügen wollte bzw. sein Ariertum nicht einwandfrei Nachweisen konnte, wurde in rüdester Weise und unter schwerer! Beschimpfungen an dem Eintritt in die Hochschule gehindert. Bewaffnete Hakenkreuzler suchten Hörsäle, Lesezinuner und Laboratorien nach jüdischen Studenten ab, und, wo sie solche trafen, spielten sich haarsträubende Szenen ab. Jüdische Studenten wurden tätlich angegriffen, durch die Gänge geschleift, gevhrfeigt und schließlich mit Gewalt aus der Hochs ch ule v e r trieben. Der Rektor stand diesem Treiben machtlos gegenüber und sah sich schließlich gezwungen, die T e ch n i s ch e H o ch s ch u l e z u s p e r r e n. Nunmehr verlegten die Hakenkreuzler den Kriegsschauplatz in das Gebäude der U n i v e r s i t ü t. E i n e m i t S t ö ck e n, T o t s ch l ä g e r n u n b G u m m iknüttelu bewaffnete Horde von „Studierenden" besetzte die Rampe der .Lima m a t e r it rt b verweigerte den u ichtarischen Studenten den Eintritt. Die Hakenkreuzler streiften durch alle Gänge. Hörsäle und Bibliotheken und mißhandelten roh Studenten, ja sogar