Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 20 (15.5.1925)
- Date
- 1925-05-15
- Page
- Seite 355 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Z55 Geschichten aus alter Feit von Ulla Wolff-ßrankfurLer. Ein sprechend lebenswahres Bildnis, das Hermann Strucks Meisterstichel zu ihrem fnnfunLsiebzigsten Geburtstag geschaffen hat. Ein getreuer Lichtdruck daneben, der ihr Antlitz mit den charalteristischeu Zügen aus der Mitte ihrer fünfziger Jahre zeigt. Und zur Er» gänznng dieses doppelten Buchschmuckes die persönliche Erinnerung an die „lustige Rebbezin" vor bald einem halben Jahrhundert. Damals. wer hätte damals geahnt, daß ihr Name einst denen der besten Schilderer jüdischen Lebens angereiht werden sollte, wie es schon Gustav Karpeles getan hat: Ulla Wolfs-Frankfurter ebenbürtig neben Leopold Kompert, Aron Bernstein. Karl Emil Franzos. Doch es bildete ein Talent sich in der Stille, nicht ohne daß der Kampf ums Dasein einen Charakter stählte. Nicht immer streute ihr das Schicksal Rosen auf den Pfad; mitunter wurde ihr Fuß von Dornen verwundet. Sie hat lange ringen und schassen müssen. Aber „seid fröhlich in der Arbeit", dieses altjüdische Mahnwort der Wcishert war ihr Leitwort allezeit, und darum Segen ihrer Mühe Preis und freudig ihr Herz bis ins hohe Alter. Am 5. Juni 1924 fchlos; Ludwig Fulda seinen Nachruf an die Siebenundsiebzigjäbrige mit den Worten: „Tein Gedächtnis wird leuchten und wärmen fort und fort und wird gesegnet sein immerdar." Sie war in Wöllstein im Posenschen geboren, als Tochter des Rabbiners Dr. H i r s ch f e l d, der bald nach Gleiwitz berufen wurde. Sie war stolz auf ihre Ahnen, auf den „Jiches", den geistigen Adel, von dem sie oft in ihren Werken spricht. War doch ihre hochbegabte Mutter die Tochter des Oberlandesrabbincrs b ü l o m o n Eiger in Posen, also eine Enkelin seines Vaters und Amts-Vorgängers, des weitberühmten, selbst von Goethe anerkennend erwähnten Reb Akiba Eiger, dessen Nachkommen in einem Familienverband zusammenzusasten ihr Plan war. der Ausführung ganz nahegebracht, als der Ausbruch des Weltkrieges ihn rauh zerstörte. Im Gelchrteuhause ausgewachsen, reichte sie ihre Hand wiedev^eiuem Gelehrten, dem Rabbiner Dr. L. Frankfurter in Bielitz, um nach depen Ableben, im Jahre 1874, nach Berlin überzusiedeln. Hier galt es für die jugendliche Witwe, sich eine selbständige Existenz zu sichern, da sie mit irdischen schätzen nicht gesegnet war. Und sie griff zur Feder, und siche da, schon 1876 ging ihr ,st!)ampyr" über die „weltbedeuLenden" Bretter des Breslauer Lobe-Theaters. wo ihm Karl Sonntag einen vollen Erfolg verschaffte. Es folgten noch zwei Bühnenstücke: „Aus Paris" und „Ter Herr Kollege"; doch empfand die Dichterin bald, daß es sie mehr zur erzählenden als zur dramatischen Kunst zog, und bewies ihre hervorragende Befähigung in der Folgezeit durch eine große Reihe Skizzen, Novellen und Romane, die auf den verschiedensten Gebieten spielen. Ihre oturm- und Drangperiode fand einen glänzenden Abschlusi in dem Berliner Roman „Der Kampf ums Glück", der großen Beifall erntete und solches Aussehen erregte, daß er sogar — 1838 — auch im Reichstag erwähnt wurde, nämlich vom Hofprediger Stöcker gelegentlich eines Angriffs auf die Berliner Zeitungen. Eine ähnliche Wirkung hatte drei Jahre später der Roman ..Rechtsanwalt Arnau", der zu lebhaften Debatten über das geistige Proletariat Anlaß gab. Doch welche Beobachtungsgabe und Darstellungskrast bei fruchtbarer Phantasie auch die große Anzahl erzählender Schöpfungen — rund zwei Dutzend — beweisen: einen besonderen Rang und Reiz beanspruchen unter ihnen die spezifisch jüdischen Novellen, die von einer bewundernswerten Kenntnis des äußern und inuern Lebens des Ostjudentums. von inniger Glaubenstreue und von echter Gemütstiefe beredtes Zeugnis oblegen, köstlich zumal sind die Zwiesprachen in gemischtem Jargon, und alles verklärt jener echte Humor, der die lachende Träne im Wappen führt. Das schöne Buch, das die Liebe ihrer Kinder — es sind Clara Frankfurter, die Gattin des Bankdirektors Alfred' Frankf u r t e r, Nechtsamva.lt Dr. N. O. r a n k? u r t e r, und aus zweiter Ehe Rechtsanwalt Tr. Arthur Wolfs — der Heimgegangenen Dichterin gewidmet hat, enthall von den jüdischen Novellen nur eine Auswahl: „Der krumme Jopel", „Kol Nidre", „Die Cisenbergers", „Mischpoche", „Mirele". „Das Haus". Tie meisten sind seinerzeit im „Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur" erschienen. Sie vereinen Berichte über eigene Erlebnisse mit der Schilderung einer nun weit zurückliegenden Knltnrepoehe. Tie meisten der dargestellten Menschen sind, oft bis irr genaue Einzelheiten, nach Vorbildern gezeichnet, die durch das Leben der Verfasserin geschritten waren, sei cs diesseits, sei es jenseits der Grenze. Versteht sich, daß vor allem Oberschlesien der Schauplatz ihrer Erzählungen ist; in den „Eisenbergers" wird die Entwicklungsgeschichte diese? Bezirks und seiner Industriekapitäne mit Plastischer Anschaulichkeit dargestellt. Natürlich fehlt es nicht an Anseinarrdersetzungen über Jndentansen. „Verächtlich" nennt sie der junge Eisenberger. „Die Renegaten haben sich nie großer Achtung erfreut; nicht bei den Juden v.ud nicht bei den Christen." Wie es Israel und Mali Löwenberg, die „strenggläubige Christen" geworden waren, ergehen sollte, ist erschütternd in der Novelle „Mischpoche" zu lesen. Für Abtrünchgkeir gibt es in diesen Novellen keine Entschuldigung, keine Nachsicht. In dem Brief, den Ulla Wolfs-Frankfurter iljrcn Kindern vnd Enkeln Hinterlagen hat, mahnt sie: „Liebet euch und haltet fest und treu zusammen, bleibt gut; seid sröhlich und zufrieden und geistig hochgemutet. Achtet die Tradition! Mein Bekenntnis vom Sinn des Lebens ist: Die höchste Güte ist die tiefste Weisheit!" ' ~ ' ‘ “ ' “ So war die gute Jüdin, die gute Deutsche, der gute Aten sch treu'ihrem Stamm, ihrem Glauben, ihren Freunden, ihrem Vaterland. Ihr Ansehen, heute schon weithin anerkannt, wird wachsen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, je mehr ihre Dichtungen immer weitere Kreise gewinnen. Einige sind noch nicht einmal in Buchform erschienen, andere nur als Manuskript gedruckt. Auch das Werk, das die beiden Bildnisse, den biographischen Aussatz aus der Feder von Karpeles und die Gedächtnisrede F u l d a ß neben den jüdischen Novellen enthält, ist nur in einer handschriftlich numerierten Auslage von zweihundert Exemplaren hergestellt. Ter Wunsch muß berechtigt erscheinen, dieses von der Liebe geschiftete Buch werde allgemein zugangli ch gemacht, auf daß au der Dankbarkeit, die die nächsten Anverwandten betätigen, ungezählte Leser mit deutschem Geist und jüdischem Herzen teilnehmen dürfen. So wird sich an der bedeutenden Dichterin, zu der sich die „lustige Rebbezin" gewandelt hatte, bewahrheiten, daß ihr Gedächtnis leuchten und wärmen wird fort und fort, und wird gesegnet sein immerdar. Dr. jur. I. Levh (Berlin). J H. Stern, Angriff und Abwehr. Ein Handbuch dev Jnderrfrago. Zweite, verbesserte und vermehrte Auslage, 1924. Phiro-Berlag G. nu b. H., Berlin HHV 68. Wenn irgendein Werk der in den letzten Jahren leider so notwendig ge-' wordenen Abwchrlillealur in geradezu vorbildlicher Weise diese Aufgabe der Aufklärung und Abwehr löst, so ist es die Schrift von H. Stern, die nun — wenige Monate nach dem Erscheinen der ersten Auflage — in zw eiter Auflage vorliegt. Schon' diese letztere Tatsache bestätigt den Wert dieses Werkes, das jeden Leser durch die Fülle seines Stoffes und dessen ausgezeichnete Bewältigung geradezu verblüfft. Mit zwingender Beweiskraft und unerbittlicher Logik wird hier . gezeigt, wohin uns die wilde Judenhetze unserer Tage geführt hat und wohin sie uns noch zu führen gedenkt. Ausgehend von der G e s ch i ch t e d e r Juden i n D e u t schl and, übergehend zu deren Anteil an d eutsche r Kultur, deutscher Wisse n f ch af t und deutschem G e i st e s l e b c n führt uns der Verfasser in all die Irrlehren unserer Gegner ein, zergliedert Anklage um Anklage. Ob es sich nun um die E i d e S s ä h i g k e i t der Juden, um Nitualmordlegendcn, um die berüchtigten „Weisen von Zion", das Lieblingskmd der Völkischen, um Angriffe auf Talmud und S ch u l ch a n - A r u ch handelt — überall ist der' Verfasier mit Aufklärung und Widerlegung bei der Hand. Er zerpflückt das Märchen von der jüdischen Drückebergerei, der indischen Weltherrschaft, des jüdischen Materialismus und Kapitalismus, er widerlegt die angeblich judenfeindlichen Aussprüche berühmter Männer, wie G o e t h e, B i s m a r ck, M o l t k e usw.; er zeigt uns d-en Rassen antise m i t i s m u s in all feiner Verlogenheit und beschäftigt sich ausgiebig mit dem politischen, de m eschäfts - und K u l t u r a n t r s e m i t i s m u s. Besonders interessant sind die Einblicke, die wir in die Werkstatt unserer Gegner werfen können; man muß gerade diese Kapitel lesen, um mit Entrüstung und Abscheu die hetzerische und gefährliche Tätigkeit der antisemitischen Verleumder kennenzulernen. ' Wir empfehlen unseren Freunden dringend, dies JBitdj von Hand zu Hand gehen zu lassen, es in Stadt und Land möglichst zu verbreiten und damit beizutragen zu dem Werke, dem wir alle unsere Kräfte weihen: Aufklärung zu schassen über den wahren Wert des zu Unrecht angegriffenen I u d e n t u in § n n d über W e s e n und Art der so oft verleumdeten und befehdeten I u d e n h e i t. ' E. D. Gruft Puschel: „Die Juden von Krön bürg." Verlag: Puschel, Neudietendorf rrud Leipzig. In der Geschichte der „Juden von Kronburg" gibt uns Ernst Puschel ein charalleristisches -Stück Zeitgeschichte. Die antisemitische Verseuchung einer kleinen Provinzstadt, deren Leben abseits von den großen Strömungen der Tagespolitik in stärkerer Bindung an tradllionelle und persönliche Einflüsse abläuft, bildet den Gegenstand des Romans. T-er bis ins einzelne gehenden Sachkenntnis des Verfassers sowie seiner bcmerkenswert-en Darftellnngsknnst auf dem Gebiete politischer Diskussion und Intrige ist es zu danken, daß diese Ausgabe mit viel Geschick gelöst wird. Dev.i Leser bietet sich ein eindrucksvolles Bild von der Krankheitsgeschichte der Stadt Krön.bürg: Gesundheit, Erkrankung und das allmähliche Fortschreitcn zur strich die Krise selbst und das Einsetzen der Gesundung — dies alles wird mit gutem Blick für gesellschattUche Jusammenhänge durchgesübrt. Weniger gealückt ist die Darstellung der handelnden Persone:., die uns säst durchweg etwas blutleer und doktrinär anmuten. Da cs dem Verfasser daraus ankommt, Woltanschanungen in voller Wucht gegeneinander ins Tressen zu führen, wird die p sich Noch sch o Vertiefung, die Kleinmalecei menschlicher Alltäglichkeit daneben vernachlässigt. Was der Roman dadurch an unmittelbarer Lrb-ensnäho oinbüßt. gewinnt cr an sittlichem Gehalt und ethischem Pathos. Ernst Püschal, denen streun dentscknmtionale Gesinnung ihn gegen den Verdacht, „Judengenosse" zu sein, hinreichend v-orwahren dürfte, hält nicht nur Abrechnung mit den menschlich minderwertigen Führern der völkische!: Bewegung. sondern legt darüber hinaus ein programmatisches Bekenntnis ab für seine höhere Auffassung von deutscher untwlraler Politik. ' Die warme Entschiedenheit seiner Stellungnahme macht das Buch zu einer erfreulichen Lektüre, deren Dcrbrci-tung wir auf das wärmste empfehlen, ' .. —nu.