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Central-Verein-Zeitung · 1925-03-13 · 11 (13.3.1925) · p. Seite 196

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
11 (13.3.1925)
Date
1925-03-13
Page
Seite 196 (sequence 15)
Language
German
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ISS „Möische Gestalten". Ein Buch George 6 le mene ca u~. Man rühmt den Franzosen größer-e Beweglichkeit, Lebendigkeit und Wirllichkeitstreue in der Darstellung von Vtenschen und Land-- schasten und schärfere Beobachtungskrau als uns Deutschen nach und begründet ihren Hang zu stärkerer Gegenwartsnahe mit ihrer unromantischen, Witz und Ironie liebenden, wolkenft-rnen Träumen abholden Art. Die Gallier geben die Seele gern in germanische Erbpacht, beanspruchen dafür aber, als Thronwächter des Geistes, freilich nicht im tiefen faustischen Sinne, eher in dem des Geistreichen an sich zu gelten. Georges Sleincnceait jedoch erweist in seinem bereits vor Jahrzehnten in Paris veröffentlichten Buch ..Au Pied de Sinai“, befien ursprünglichen Titel sein sonst sehr gewissenhnster UebersctzerJ Schiller Marmorek aus Furcht vor Mißdeutungen in „Jüdische Gestalten" umwandelte, seine Mischling glücklicher Fähigkeiten, ebenso eindringlich schauen wie suhlen und deuten zu können, und er folgt mit dem Weitblick des Kosmopoliten, Weltreisenden, und mit dem an den Quellen der Aevolutionsgeschichte genährten sozialen Sinndes Historikers und späteren Staatsmanns sowie leider auch zuweilen mit der U e b e r k u l t u r des allzu „guten Europäers" in diesen Geschichten und Berichten aus Rußland, Polen, Galizien und — Karlsbad in einzelnen Menschenbildern den Schicksalen unserer „tragischen Rasse". Hierbei entfaltet er seine journalistischen und zuweilen auch dichterischen Tugenden: der geborene Journalist in ihm spürt fesselnde Milieus, Gestalteu, Erlebnisse auf, der heimliche Dichter in ihm aber feiert Feste seiner Feder in ihrer farbig und anschaulich malenden Zeichnungslraft. Da aber der Kulturmensch Clemenceau den gleichnamigen Menschen in sich mit seinen gesellschaftlichen Forderungen bedroht, werden schließlich beide in ihren Bewertungen von Personen und Verhältnissen unsicher; denn Zivitisatiousgeste und Mitleid kämpfen hier ständig miteinander. So kann sich der sonst so vergünstige und in seinem Witz durchaus imseierliche Alltor über den schrecklichen Schmutz in den Behausungen der Juden, dessen Ursachen er folgerichtig in der wirtschaftlichen Trostlosigkeit der Ghetto- Menschen seststellt, gar nicht beruhigen, aber sein hierbei zuweilen grell anklägerisches Pathos klingt doch oft weit . *) Rhombus-Verlag, Wien, Leipzig-. stärker als die Verteidigungsrede dieses sonst so berühmten Verteidigers der Unschuld, und die nicht hinreichende Stufung seiner Worte in ihren Stärkegraden konnte gewiß wider Willen C l e m c n c c a u § das W a f f e n a r s e n a l manches törichten Judengegners, der geflissentlich Ausgleichsworte und -werte unterschlägt, fürchte ich, stärken. Ueberhaupt tritt in diesem Buch der Physische Jude zu überstark in die Erscheinung, der P s y ch i s ch e zll sehr in den Hintergruild, und der metaphysische, dessen Lauterkeit und Seelenmajestät doch selbst im schmutzigsten Kaftan unanfechtbar bleibt, wird kaum angedeutet. Clemeucean ist eben durchaus u n m y st i s ch, hauptsächlich V e r n u n f t m e n s ch, und erlvartet alles Weltheil von der Lösung der sozialen Frage. Groß und sittlich erhebend aber bleibt sein Bekennerdrang und sein K ä m p s e r m u t, wenn er ebenso Jlldeli wie Christen die Wahrheit sagt: „Nein, weniger Freiheit dein Egoismus, mehr Platz dem Mitleid! Gebt der Gerechtigkeit freie Bahn und verrammelt die breiten Wege, die allzu bereitwillig den übermächtigen Unterdrückern geöffnet wurden!" Und eben weil der G r n n d z u g dieses B n ch e s ein rein ethischer ist, die künstliche Haßatmosphäre zwischen den Nassen zu entgiften, mch eben weil der unerschrockene Wahrhcitssrennd und Menschheits» kümpfer nicht wie viele andere etwa ästhetisch schöne oder lediglich durch Spannung wirkende Begebenheiten erzählen wollte, erschien es mir nicht angebracht, den Inhalt seiner Geschichten hier wiederzugeben. Man lerne sie deshalb selbst lesend kennen, und obwohl sie dem Verfasser als Anlässe zu moralischen Ausdeutungen gewiß am wesentlichsten dünkten. dürften sie auch den Literaturfreund durch ihre Anschaulichkeit in der Darstellung von Menschen und Milieus sowie durch ihre sprachliche Sorgfalt erfreuen, zumal da der Rhombus-Verlag ihren Wert durch festliche Gewandung und erlesenen Typcudrnck auch äußerlich betonte. Arthur Silbcrglert. Wunderbare Erfolge bei rfluttenrnlchmangel ü. 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