Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 12 (1851)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1851)
- Date
- 1851-05-03
- Page
- Seite 281-282 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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281 282 Die profanen Wissenschaften unter den Juden. M. wollte dieses bei seinen Kindern abwenden und übersetzte j die 5 Bücher Mose ins Hochdeutsche, , und gab sie zu dem doppelten Zweck herausden alten Jargon unter den Juden zu vertreiben, und ihnen den einfachen Sinn des göttlichen Wortes beizubrmgen, zugleich sollten sie einen Vorgeschmack von einer geregelten Sprache bekommen. Dies war auch seine Absicht als er der Regierung vorschlug, die Vermahnung eines Juden beim Eide, statt in dem bisherigen jüdisch-deutschen Mischdialekte in reinem Deutsch vorzulesen. „Ich fürchte sprach er, dieser Jargon hat nicht wenig zur Unsittkeit des gemeinen Mannes beigetragen, und verspreche mir sehr gute Wirkung von dem unter unfern Brüdern aufkomnunden Gebrauch der reinen deutschen Mundart." — W. leistete ihm hilfreiche Hand bei dieser Uebersetzung, und lieferte einen großen Theil des Kommentars dazu, wo er die ganze Fülle seiner Sprachkunde, und im Levit. seine große Talmudkunde zeigte. Letzteres machte Epoche unter den jüdischen Gelehrten und erhielt sogar den Beifall seiner Verfolger. Weffely erzählte mir folgendes darüber: Als ich bei dem hochberühmten Rabbiner Eibeschütz Lernte, arbeitete ich schon an einer gründlichen Erklärung von min oder der Lehre von den Opfern — nach dem Talmud. Meine Kollegen hinterbrachten dieses dem Rabbi, der meine Arbeit sofort zu sehen verlangte. Aber die große Ehrfurcht, die wir vor unserem Lehrer hatten, versagte mir den Muth, sie ihm zu zeigen. Da setzte er sich auf seinen Lehnstuhl und donnerte mir zu: Ich befehle es! — Schüchtern begann ich die Vorlesung. Er war aufmerksam und lautlos. Als ich mit einem Abschnitt durch war, stand er auf und rief aus: ■O'DD, -k h« wie auf Sinai gegeben!" Aber trotzdem erregte die Uebersetzung einen fürchterlichen Sturm unter den Rabbinen. Einige sogar verboten ihren Gemeinden das Lesen derselben bei Straft des Bannes. M. schrieb darüber an einen Freund (d"^) „Ich weiß es leider, wie viel Widerspruch und Verfolgung die geringste Neuerung beim Volke findet; aber mögen sie fluchen, ich werde ihrer Gewalt nicht die mindeste von meiner Seite entgegensetzen re. ich habe die Uebersetzung anfangs für das niedrigstehende Volk herausgegeben, finde aber daß sie für Rabbiner noch viel noth- ' wendiger fei." Und dem war wirklich so. M. hatte mit großer (und oft mit allzugroßer) Genauigkeit die Schrift ganz nach der Auslegung des Talmud übersetzt. Hätten nun die Rabbinen dies einsehen können, so hätten sie ihm statt des Bannes ihren Segen gegeben. Wie groß aber die Unwissenheit beim Erscheinen dieser Uebersetzung war, darüber hat man mehrere Anekdoten, wovon hier nur eine als hinreichend erzählt werden soll. M. hat prD&tf rpfcf (Erod. 45) mit „ein Feiertag der ersten Klasse" übersetzt. „Denkt Euch, mein Rabbi! rief ein Bachur aus: der Mosche Dessau vergleicht den Sabbat mit der Klaffen Lotterie! welche Entweihung der heiligen Tora! „Und welche Dummheit! rief ein anderer Bachur aus, weiß er denn nicht daß die erste Klaffe die wohlfeilste ist, warum sagte er nicht eine Feier der vierten oder fünften Klaffe.? Aber .mit welcher Klugheit und Sanftmuth ertrug dieser wahrhaftige und weise Reformer die Unwissenheit seiner Gegner! Nicht wie die jetzigen unberufenen Reformer, die dm armen Juden ihre Reformen mit Gewalt aufdringen wollen und eben darum keine Früchte reifen sehen; ganz anders M-. Und trotz der Beschränktheit der Rabbinen und trotz ihres Bannes, ging M.'s Ausspruch bald über alle Erwartung in Erfüllung. Nicht allein der Pentateuch, sondern das Studium der ganzen heiligen Schrift wurde durch seine Uebersetzung und in reiner Sprache von der jüdischen Jugend mit Lust getrieben. Dadurch läuterte sich auch ihre Umgangssprache, wodurch sie dann wiederum zu Anstand und Sittlichkeit gelangten und den Weg zur Literatur, so wie zur Kunst und Wissenschaft fanden. Der Talmud nennt dies swta Npn-j. Jost irrt sehr, wenn er behauptet, daß wir jetzt schon über diese Uebersetzung und dessen hinaus seien. Allerdings ist das Deutsch schon oft veraltet und bei den neuern Uebersetzern besser; aber zum völligen Eindringen in die Tiefen der heiligen Schrift gehört für den Juden ein vollkommener Talmudkündiger und ein philosophischer Kopf, wie der des Mannes, der „der Weiseste seiner Zeit" genannt wird, und einen solchen haben wir bis jetzt noch nicht wieder. Auch der Bkur wird in sprachlicher, halachischer und masoretischer Hinsicht noch lange von den Exegeten benutzt werden. So ward der von M. und W., von jedem auf seine Weift angefachte Funke gar bald zur hellen Flamme. Zwar war M. ungleich mehr befähigt den schlummernden Embryo bei seinen Brüdern.zu wecken und zur Entwickelung ihrer Geisteskräfte zu wirken als W., der keine Schulkenntniffe hatte und Feind aller Philosophie war, die er nicht verstand. Wir dürfen sie also nur in Hinsicht ihres Strebens gleichftellen. Beide wollten den angebornen Trieb der Wissenschaftlichkeit in den besten Köpfen ihrer Nation wecken; beider Absicht war sie auf die Bahn eines gelauterten sittlichen und religiösen Bewußtseins zu leiten. Darum ging auch Jeder seinen eignen Weg, es konnte keine Uebernnstimmung bei ihnen stattsinden. Selbst in der Exegese waren sie oft diverairender Meinung. So sagte mir W„ M. wäre kein großer Hebräer gewesen; aber man sehe nur die kurzen Bemerkungen, die M. in den Bürr einschaltete, die zur Genüge beweisen, daß M. tiefer in die Logik der Sprache eingedrungen als W. Durch diese Uebersetzung und durch W.'s Sendschreiben bekam das Lehrwesen eine gänzliche Umgestaltung. Viele vertauschten den alten unwissenden Lehrer mit einem neuen; diesen folgten auch bald die ungebildeten Eltern, die bei ihren Kindern das nachholen wollten, was ihnen eine frühere Zeit versagt hat. Freilich entstanden anfänglich, wie bei allen Umwandlungen, viele Mißgriffe. Mitunter wurden alte, sonst recht tüchtige Lehrer verjagt und an den Bettelstab gebracht, weil sie Mendelssohns Deutsch nicht kannten, und dafür Leh-