Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 12 (1851)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1851)
- Date
- 1851-05-03
- Page
- Seite 277-278 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Kultur- und Literaturgeschichte der Juden in Wen. 278 •m seit 700 Jahren, erhob sich im Karäismus, und führte auch die Opposition auf neue Bahnen der geistigen Thätkgkeit, zu neuen Gängen des Schriftthums. Nach solchen Datenfeststellungen für den zweiten Theil dieser Periode, nach diesen geschichtlichen Gedenkriffen in Betreff der Träger der geistigen Kultur und dev schriftthümlicheir Thätigkeit, können wir zu dem SchrLftthume selbst übergehen, das, wenn auch umfänglich unbedeutend und inhaltlich untergeordnet, als Zeugm'ß und Bewährung einer sich gestaltenden neuen Richtung, gewiß der höchsten Beachtung werth ist. Bevor wir jedoch zu diesem Schristlhume übergehen und die geänderte Anschauung schildern, welche dieses Schcistthum hcrvorgerusen, und anderes vorbereitet, haben wir noch eine jüdische Geistesthatigkeit zu berühren, die, wenn sie gleich nicht bloß durch diese Periode allein, sondern auch durch die talmudische, und gerade durch diese vorzüglich, schaffend u. bildend einhergeschritten, durch ihren Einfluß und ihre Einwirkung aus den Islam, durch den großen Antbeil, den sie an den ersten Geisteserzeugnissen des Muhammedanismus hat, was sich natürlich erst zu Ende dieser Periode herausstellte, hier besprochen zu werden verdient. Ich meine die umfangreiche jüdische Sagen - und Legendenbildung, welche die Juden des Ostens den Völkern Arabiens nebst dem Monotheismus und dm andern Lehren der jüdischen Schrift und Tradition mitgetheilt, und dadurch die ganze weltgeschichtlich bedeutsame, islamitische Bewegung erst möglich gemacht; und ein Bild dieser Sagenbitdung bei den Juden zu entwerfen erscheint um so nothwendiger, als die Ursprünge des Islam, die später in ihren Fortsetzungen auf das Judenthum Zurückgewirkt, sonst gar nicht verstanden und begriffen werden können. — Im umfänglichen babylonischen Talmud, der, wie die Rabbknen sagen, einem großen Meere gleicht, liegen zahlreiche Schätze von Legenden und Sagen; auch in den von den Saboräern nachgetragenen Traktaten ist der Schmuck der Legende und Sage nicht ausgeschloffen. Diese Legenden, die zwar verstreuet, aber doch in großer Fülle in diesem Talmud mit seinen Nachträgen sich finden, umfaffen entweder die biblische Welt mit ihrem ausgedehnten Kreise, oder die talmudische Wett, insofern sie als mit der Makkabäerzeit beginnend und mit der der Saboräer schließend gedacht wird, d. h. die frühere und spätere Periode der jüdischen Welt. Die biblischen Legenden umspinnen mit dem Phantasiegewande der Sage: 1) die vorzüglichsten biblischen Personen mit ihrenThatcn und Begebnissen, insoweit der poetische volkstümliche Geist aus dem bunten Thatengewirre der vergangenen Geschichte epische Gruppen zu bilden vermochte. So die Sagen von Adam, Eva, Kajin, Abel, Lemech, Chanoch, Schet, Schem, Eber, Noach, Abraham, Isaak, Jakob, von den Erzmüttern, den!2 Patriarchen, von Moses, Ahron, Josua, Simsen, Gideon, Iistach, Saul, David, Salomo, von den Propheten u. s. w., und selbst der Messias, als eine Persönlichkeit, ist von der phantastischen Ausschmückung der Sage nicht übergangen worden- Man könnte diese Art von Sagen und Legenden etwa die biographischen nennen, da Prophetenlegenden, nach dem Muster der Muhammedaner, unrichtig ist, weil sie auch Nichtpropheten, ja sogar biblische Personen, welche dem Heiden thume angehören, wie Terach, Jitro, Bileam, Pharao u. s. w. mit dem Sagenflitter ziert, und.auch Heiligenlegenden, wie etwa in der Kochterreligion, ein unpassender Name für diese Klasse von Legenden erscheint, weil die Helden nicht gerade immer mit dem zauberischen Heiligenscheine geschmückt werden. 2) Die große Maffe der biblischen Stoffe?^ Nächst den Personallegenden über biblische Individuen enthält dieses Riesenwerk eine große Masse von R ealle g enden, wie z. B. über die Schöpfungsgeschichte, den Thurmbau zu Babel, die Dienstbarkeit Israels in Egypten , den Auszug aus egyptischer Knechtschaft, über die Gesetzgebung, die vierzig Wanderjahre in der Wüste, die Eroberungskämpfe in Kanaan, über den Tempelbau, über die Spaltung des Reiches, das Schicksal der zehn Stämme, das babylonische Exil u. s. w. die gleichsam die dürren Knochen der Geschichte mit Fleisch und Blut versehen. 119 In gleicher Weise wie die biblischen Zerfallen auch die talmudischen Legenden in Personal- und Realsagen. Jene krönen die talmudischen Lehrer und Meister, die Heroen der Überlieferung oder die hervorragenden Persönlichkeiten der Geschichte der nachbiblischen Zeit mit dem Schmucke der Sage, wie die schönen Legenden über Jehuda Ha-Nasr, 118) Außer der Lektüre in Talmud und Midrasch haben wir leider noch kein ordentliches Hilfsmittel, für jede biblische Persönlichkeit die zerstreueten Sagen m Talmuden und Midraschim zu finden, und es bleibt noch ein Feld für künftige Bearbeiter von biblischen Onomastiken und Hinweisungen auf die zerstreueten Sagen. Das einzige Nachschlagewerk, welches wir für die biblischen Personennamen in dieser Beziehung besitzen, ist das Buch: Nach Lat Schinfloni von Simeon den Jehuda Löw aus Peisern. Erster Theil (Wandsbeck, 1728 f.) wo über die bibtischen Personennamen die Nachweise aus Bibel, Talmud und Midrasch Rabba gegeben werden. Allein dieses Werk, wenn auch der Verfl es als eine onomastrsche Konkordanz ausgiebt, ist sehr unvollständig in den Namen wie in den Nachweisen. Was Winer in seinem biblischen Realwöcterbuch giebt, kann fast gar nicht ra Betracht kommen. Unzusammenhängend und zerstreuet waren auch bei den Muhammedanern dir Legenden und Sagen in der ersten Zeit, sie lagen im Koran und in dessen Kommentaren, als auch in der Sunna, wie disjecta membra, allein dort fanden sich doch schon frühzeitig genug Bearbeiter und Sammler, was bei den jüdischen bis jetzt noch nicht geschehen ist. 119) Ueber diese Klasse haben wir nicht einmal ein schlechtes Hilfsmittel. In dem Werke Sichren Torat Mosche von Mose ben Jos. Figo (Konstnpl. 1553 f., vermehrt Prag, 1633 fl), worin für ethische Realien zum Nutzen der Homiletik ein guter^und reichhaltiger Iudex gegeben ist, findet sich freilich auch manches Stichwort, mancher Artikel für die Reallegende, aber es giebt davon viel zu wenig darin, und die wenigen entsprechen so wenig dem eigentlichen Zwecke, daß es kaum ein Hilfsmittel genannt werden kann. Dasselbe ist mit den andern Nealwörterbüchern und Konkordanzen der Fall, sie mögen nach Materien oder nach Textstellen geordnet sem, welche zum Behufe der Darschanim (Homileten) angefertigt sind. 18