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Der Orient · 1850-12-28 · Heft 52 (28.12.1850) · p. Seite 208

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Journal
Der Orient
Volume
11 (1850)
Issue
Heft 52 (28.12.1850)
Date
1850-12-28
Page
Seite 208 (sequence 7)
Language
German
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lung ist, gegen diesen in seiner Abwesenheit eilfförmlicher Aufstand anZczettelt. Bei seiner Zuruckknnft wurde er aus die nnehrerbietigste Weise bestürmt, über das Resultat der Sitzungen Rechenschaft abzulegen. Wenn der Fama zu glauben ist, sei ihm im Falle der Weigerung mit 'Amtsentsetzung und Mißhandlung gedroht worden. Wahrscheinlich durch diese unwürdige Begegnung gereizt, soll Hr. Frank erklärt haben, daß er nicht als Vertreter der Gemeinde, sondern als Vertrauensmann der Negierung in Prag vorerst berathe. Nun war die Lunte ins Pulverfaß geworfen. In einem giftgetränkten von den gehässigsten Ausdrücken strotzenden Pamphlet wird Zeter und Mordio gerufen imfc durch alte Gemeinden Böhmens ein Fenerbrand geschleudert, der geeignet ist, ein Eisgemüth in lichte Lohe, und Fischblut in glüherides Erz zu verwandeln. Von nichts ariderem als von einer Knechtung / wie sie noch nicht da gewesen, von Fesseln, wie sic der Jude noch nicht getragen, von Wiedereinführung des Bne-Ziou und der .Judensteuer rc. ist hier die Rede; und um die ohnedies argwöhnischen Gemüther recht aufzustachelu und aufs Aeußerste zu treibeu, werden aus dem lithographirten Entrvurfe gerade jene Paragraphe angeführt, von welchen mau die Gewißheit hatte, daß sie einen allgemeinen Sturm Hervorrufen müssen, und dieser Entwurf wird nicht als das was er ist, hingestettt, als ein b l oßes S ubstrat, sondern als ewig bindende mit unumstößlicher Gesetzeskraft ausgerüstete Norm. Als gelte cs nun gegen eine Mörderrotte sich zu bewaffnen, wurden alle Gemeinden ausgefocdert auf den 6. d. M. ihre Abgeordneten nach Kellin zu senden, um gegen die Feinde der Nation und des Glaubens den Feldzugsplan zu berathen. Es hat die Wirkung nicht verfehlt: der Funke hat gezündet; die Furie der Zwietracht und des Hasses hält reiche Ernte. Die ersten Opfer dieser Aufregung sind natürlich — die Rabbiner; — denn sie sind den Gemeinden alö ihre Feinde bezeichnet, wtlche noch härtere Ketten für sie schmieden als die, welche sie so eben durch des Kaisers Gnade abgewerfen; sie sind es, welche in das Joch der Hierarchie sie spannen, Bne-Zion uno Judensteuer wieder eiuführen wellen, um sich mit dem Schweiße des Volkes zu mästen, und ihm ans den Nacken zu treten! l l Ein Wunder nun ist'ö, wenn in jenen Gemeinden, wohin das Schreiben der Kolliner Gemeinde gesendet wurde, ein Rabbiner, namentlich wenn er zu den Vertrauensmännern der Regierung gehört, vor Insulten und Mißhandlungen geschützt blieb. Bisher kennen wir nur das Schicksal des Kolliner, das der Anderen werden wir später erfahren. Am bestimmten Tage strömten aus Nah und Fern sogenannte!Gemcindeabgeordnete nach Kollin. Um 9 Uhr Morgens, begann die Sitzung, um 11 Uhr bekam der Bezirkshauptmann eine telegraphische Depesche vom Hrn. Statthalter aus Prag, die Sitzung augenblicklich auszuheben. . Ohne förmliche Sitzung wurde dennoch eine Addresse an den Statthalter beschlossen und entworfen, worin unter Andern um neue Berufung durch Volkswahl, JSrfcre tretung durch Nichtrabbiner re. gebeten wird. Zur Ueberreichung der Addresse wurde eine Deputation welche heute in einer Audienz ihres Anstrags^sich entledigte. Es wäre zu viel gefordert, wollte man.den Gemeinden zunmthen, a priori die Notabtenversalnmlung für unfehlbar zu halten und in Alles was sie beschließen wird, zum Vorhinein ein unbedingtes Vertrauen zu setzen; — Vertrauen läßt sich nicht erzwingen, noch erkaufen, sonder« nur erwerben. Es ist dem Israeliten nicht zu verargen, dem durch den tausendjährigen Druck das Mißtrauen, der Argwohn gleichsam zur zweiten Natur geworden, wenn er, nun befreit von den Ketten der Knechtschaft, die kaum erlangte Freiheit mit Argusaugen bewacht, und in jedem Schatten den Räuber des kostbaren Kleinods zu erblicken glaubt. Aber über eine Versammlung von Männern, die (kein Wort zu ihrem Lobe l) kein anderes Verbrechen begangen haben, als mit Vernachlässigung ihres Geschäftes, mit Aufopferung ihrer Zeit dem Rufe der Regierung zu folgen, nur ein Werk zu Stande zu bringen, das keinen anderen Zweck hat, alö unsere heiligster: Güter vor dem Untergange zu schützen, ein Werk, das, noch so vollkommen, seinen Gründern nur Undank zum Lohne verheißt; über eine Versammlung von Männern, die noch kaum zu tagen begannen, und noch kein Lebenszeichen von sich gegeben, a priori schon den Stab zu brechen, sie öffentlich als die schändlichsten Verräther zu brandmarken, und durch lügenhafte und verlämndcrische Angriffe, durch absichtliche Entstellung der Thatsachen alle Furien des Hasses und der Zwietracht zu entfesseln: — ob ein solches Verfahren zu rechtfertigen ist, mögen unparteiische und unbefangene Männer beurthcilen. Nur das Eine rufen wir der Kolliner Gemeinde zu: Habt Ihr die Felgen Eures Schrittes auch wohl bedacht? Der Pfeil ist abgedrückt, habt Ihr auch die Gewißheit, daß er nur das Herz derer trifft, gegen die Ihr gezielt? Wie, wenn er gegen Eure eigene Brust sich gekehrt, wie wenn Ihr durch ihn der Gcsammthcit einen Todesstoß versetzt? Ihr zuckt ungläubig die Achseln als wollte ich durch einen falschen Schuß Euch schrecken; — nun so nenne ich Euch Ein Wort und Ihr werdet vor Eurem Werke schaudernd zurücktreten — cs heißt — Solidarität!! Die Gemeinde in Kellin scheint kein Gedächtnis; für das zu haben, was der ehrwürdige Frank für sie gethan. Das herrliche Schulgebäude hat er znsammengebettelt; mit seinem Blute, mit seinem Mark sind die Steine zusammengekittet, und nun steht der arme gebeugte alte Mann, die tiefen Furchen, welche der Undank, die unwürdige Behandlung über sein Antlitz gezogen, verlassen da; und diesen Mann hält man fähig eines Vcrrath an der Freiheit! ■— Allen Brüdern und Glaubensgenossen rufen wir zu: Beherzigt die Worte Lo chonvo Jeruscliolaim elo mipne sinas chinom. Nicht im Sitzungssaale der Statthallerei sind, die Feinde Eurer Freiheit zu suchen; sondern in Eurem tragt Ihr ihn, an Encm Busen wärmt Ihr ihn, Euren größten Feind --- er heißt: Sinas eMnoin. (W. Bl.) Verlag von C» L. Fritzsche. Druck von J. H. Nagel.

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