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Der Orient · 1850-12-14 · Heft 50 (14.12.1850) · p. Seite 200

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Journal
Der Orient
Volume
11 (1850)
Issue
Heft 50 (14.12.1850)
Date
1850-12-14
Page
Seite 200 (sequence 24)
Language
German
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treiben, überzeugt, daß hierin die Stacheln der Emancipationsbürme zu treffen sei. Daher ist auch nirgend die Einverleibung mit allen .geziemenden- Konsequenzen geschehen; daher weiß auch Niemand mit Sicherheit zu behaupten, der Schloßgrund gehöre wirklich schon zur Stadt. Zu verwundern ist nur, daß weder der Gemeindevorstand, noch auch die Herren an dem grünen Tische in der Stadt es recht zu wissen scheinen. Am verflossenen Samstag wurde der Gemeindevorstand zur Wirthschafts-Commission vorgemfen, wo ihm der Auftrag gegeben wurde, den israelitischen Käufleutm eine städtische Verordnung kund zu geben. Die Vorsteher erwiederten, daß sie nicht die Trabanten der Stadt seien; daß man den katholischen oder evangelischen Kaufieuten etwaige merkantilische Maaßregeln keineswegs durch ihre Kultusvorsteher kund gebe rc. re. Als der Präses der Kommission die Schlußfolgerung : Die Israeliten erklären sich als eine bloße KnlLusg emeinde, zu Protokoll nehmen wollte, widersetzten.sich diese abermals. Muß man aus diesem Vorgänge nicht schließen, daß beide Theile noch nicht recht wissen, waö sie wollen, was sie sollen und was sie müssen? — Herr Karl Winterniz wurde als Lehrer der Mathematik und. Physik an der hiesigen Unter-Realschule angcstellt. Somit ist diese Anstalt die erste in Ungarn, wo das simultanische-System faktisch sich geltend mochte. Man vertraut der Einsicht der Schul-Commission, daß die Wahl eine würdige sei! ' (W. Bl.) Peng, im November. (Ein'Wort für die Rabbiner Böhmens.) Gestatten Sie mir ein Wort über das allgemein herrschende Mißtrauen gegen die Rabbiuen. Klagen und nichts als Klagen tauchen gegen dieselben ans; kein Blatt fast verläßt die Presse ohne Rüge ihres Strebens nach Hierarchie, ihres Mchtsthuns, und keine Stimme erhebt sich, zu ihrer Bertheidigung eine Lanze für sie einzulegen; da aber auch sie schweigen nachdem talmudischen Sprichworteen cliofcescli malinc., so scheinen diese Stimmen tox populi zu sein; doch dem ist nicht so. Gehen wir auf diese Hanptbeschuldigungen näher ein, so ist, was die Hierarchie betrifft, im Judenthnme bei der jetzigen Verfassung eine reine Unmöglichkeit , ein Gedankendmg, das nicht Fleisch und Blut erhalten kann. Das Streben nach einer weniger prekären, nach einer würdevoller». Stellung geht erstens aus der Pflicht der Selbsterhaltung hervor, wenn man die besten und schönsten Jahre mit Ansdauer und Beharrlichkeit, alle Noth und Entbehrung nicht achtend, diesem Berufe widmete, sollte man nicht zum Schmarotzer werden müssen, um kärglich und armselig das Leben zu friste», oder gar durch das sich verletzt glaubende Gemüth eines eitlen, herrsch- und ränkesichtigen Vorstands-Mitgliedes selbst diese schmale, freudenarme und leidenreiche Existenz in Frage gestellt zu sehen. — Zweitens wird dieses Streben erzeugt durch die innere Überzeugung seine Pflichten genauer erfüllen und seinem Berufe ganz ungestört leben zu können, wenn man nicht in erniedrigende sclavische Abhängigkeit verfallen Muß. Derjenige also, der diesem Streben eine hierarchische Deutung giebi, ist im Jrrthnme; von Gelüsten und Anstrebungen nach Hierarchie im eigentlichen Sinne, glaube ich, kann jeder Rabbiner in Böhmen sich rein waschen. Der zweite Klagepunkt, das Nichtstbun betreffend, scheint begründeter zu sein, und dieser Vorwurf, lastet schwer auf manchen Rabbiuen; doch auch hier sind die in die Welt geschickten und ausposaunten Beschwerden übertrieben. Wahr ists, das Vieles besser sein könnte; ist aber von Seiten der Rabbiuen seit 2 Jahrzenden — wir können ja nur diese Zeit im Auge haben , weil sie früher nichts anderes thnn durften, als über ihre Folianten sitzen und einen Rambam geschmeidig ausbrütcn —..nichts geschehen? Wer dieses in Zweifel ziehen will, der blicke nur zurück ans den Zustand der Gemeinde zur Zeit, wo sie den Rabbiner noch nicht hatte oder auf jene Gemeinden, die heute noch so glücklich sind — keinen zu haben. Wie viele nützliche und heilsame Vereine haben die Rabbiner schon ins Leben gerufen! In wie vielen Synagogen weht nicht durch ihr Wort ein höherer Geist der Andacht und waltet eine erhebende. Ordnung l Wie viele Schuten sind nicht doch schon durch sie entstanden! Wenn einige wieder in Ruinen fielen, so trägt deshalb nicht der Rabbiner die Schuld, dessen Eifer darum noch nicht erkaltet ist, vielmehr tragen die Gemeindeglieder, die die Mittel zur Erhaltung der Schule nicht flttsssg machen wollen oder können, die Verantwortlichkeit des Hinsiech ms der mit Mühe eingeführten Lehranstalt. Die Kapitalien eines Rabbiners sind wahrlich nicht so reichhaltig, um aus eigenen Mitteln dm Lehrer zu salariren. Und wenn auch Manches ein pium desiderium blieb, so sollte das scharfe Argusauge doch auch nicht übersehen, daß mit Ausnahme der Kreisrabbinen die übrigen gar nicht als Rabbinen angesehen und behandelt wurden, da sie nicht einmal ans eigene Faust eine Trauung vornehmen, ein Zeugniß ansstcllen, ja nicht einmal einen Cliaver ertheilm dursten. Wenn nun die Religionsvorsteher einer Gemeinde solche Nullen waren, sind nicht ihre Leistungen rroch Meisterwerke zu nennen? Wohl kann man fragen: was ist aber seit 3 Jahren, seit der Emanzipation der Loeatrabbincr geschehen? ,,Weniger als vorher," lautet die Antwort; denn der Freiheitsrausch hat bei den Gemeinden jedes religiöse Interesse absorbirt, und die sie zur Nüchternheit zurückführen wollten, wurden als Verräther der Freiheit verschrien. Tretet auf, Gemeinden Böhmens , und rechtfertiget Euer Mißtrauen gegen die Rabbiner. Sind sie Euch nicht mit Rath und That beigcstandeu, wenn Ihr sie in Anspruch genommen? Haben sie etwa ihr Amt benützt, um sich Schätze zu sammeln? müssen nicht vielmehr ihre Wittwett und Waisen größtentheils ein Gnädenbrod erbetteln? Sind cs etwa lebclufiige Leute, die keinen Sinn für ihren Beruf haben, und die Zeit ihres Wirkens auf Bällen, Konzerten, Unterhaltungen und Schmausereien zubringen? Tretet aus, und saget offen aber ehrlich die dem Mißtrauen zu Grunde liegende Ursache. . er. Verlag von C. S. Fritzsche. Druck von I. H. Nagel.

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