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Der Orient · 1850-11-02 · Heft 44 (2.11.1850) · p. Seite 174

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Journal
Der Orient
Volume
11 (1850)
Issue
Heft 44 (2.11.1850)
Date
1850-11-02
Page
Seite 174 (sequence 3)
Language
German
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174 z. B. Fischhof und Goldmark in Wien, Jakoby in Berlin, Cremieux Ln Paris und andere Juden in den kleinern deutschen Staaten übten, hat der ungarische Jude nie gewonnen. Es fehltrn ihm schon alle Mittel und Wege hierzu. In der Nationalversammlung saß kein einziger Jude; waren sie doch an dm meisten Orten sogar vom Mitwählen der Deputirten ausgeschlossen. In den Ministerialbureau's war vor dem 14. April kein einziger Jude, auch dann nur lehr wenige und in untergeordneten Aemtern angestellt. In der Armee war kein einziger Jude höher als dis zum Hauptmann gestiegen; es existirte somit auch kein jüdischer Stabsofficier der etwa im Kriegsrath oder auf dem Felde einen entscheidrndenden Einfluß auf den Gang der Kriegsoperationen hätte üben können .... Während der Revolution wurde wohl in ausländischen Blättern oft von einem viel vermögen sollenden jüd. General, Namens Dannenberg, gesprochen. In Ungarn hat kein Feind die Schärfe seines Schwertes gefühlt. Dünneberg ist allerdings ein Ungar. Jude, aus Kanischa gebürtig, lebt aber schon seit vielen Jahren in Nordamerika. Bei der dortigen Regierung vertrat er im Nachmärz die Interessen seines Vaterlandes. Daß er sich dieses Auftrages nicht ohne Geschick entledigte, erhellet schon aus der glänzenden gastfreundlichen Aufnahme, welche die Ungar. Flüchtlinge daselbst fanden, sowie aus den im Kongreß gemachten Eröffnungen der Generale Taylor und Caß. Bekanntlich offenbarten sich aber diese nordamerikanischen Sympathien erst nach Beendigung der Revolution, und konnte somit auf die einzige, von einem ungac. Juden ausgegangene höhere Wirksamkeit keinen Einfluß auf Gang und Charakter der Revolution selbst üben. Man hat jedoch vielfach behauptet, daß die Juden durch hie Presse einen Ungeheuern Einfluß auf die ungarische Bewegung geübt und sie zur Revolution gedrängt haben sollen. Diese Behauptung fand und findet um so gläubigeres Gehör, - als sich im Auslande zahlreiche Analogien für sie finden lassen. Jedoch, in Oesterreich und Deutschland mag sie vielleicht nicht ganz unwahr sein; sie aber auf Ungarn anzuwenden, verräth die totalste Unkenntniß unserer Landesverhältniffe. Vor Allem hat die ungar. Revoluriorrspreffe überhaupt nicht den vierten Lheil jenes Einflusses geübt, dessen sie sich m andern Landern erfreuete. Zuerst aus dem einfachen Grunde, weit das eigentliche Volk, besonders auf dem Lande, noch sehr wenig literarische Bildung besaß und an Zeitungslektüre nicht gewöhnt war. Wenn'6 hoch kam, wurde im Nachmärz in jedem Dorfe Ein Exemplar von Vas Gereben's gehalten und Sonntag Nachmittags vom Geistlichen oder Notar in der Schenke vorgelesen. Aber noch ein anderer liefcrliegender Grund wirkte hier mit, um auch bei dem gebildeten und zeitungslesendm Publikum den Einfluß der Presse nicht sehr erstarken zu lassen. Wiewohl widergesetzlich, hatte doch die österreichische Regierung seit Jahrzehnten in Ungarn die Censur eingeführt und sie mit ziemlicher Strenge gchandhabt. Dagegen hatte sie es, besonders seit 1840 wo sie durch den Reichstag zur Freilassung Weffelenyi's und seiner Leidensgefährten genöthigt worden, nicht mehr gewagt. das freie Wort zu beschränken, und es wurden immerwährend in den 52 Komitatssälen die heftigsten Reden gehalten von denen manche, wären sie im Druck erschienen, ihren Verfassern mindestens ein lebenslängliches Staatsdomicil in Munkncs oder auf dem Spielverg verschafft hätten. Hierdurch geschah es, daß alle talentirren Männer zum Aus. druck ihrer Gesinnung und zur Einwirkung auf daß Volk lieber die Zunge als die Feder gebranchten, und daß sich — im schroffen Gegensätze z. B. zu Deutschland hier das Redetalent in einem viel höhern Grade als das Schreibralent ent. wickelte. Eine natürliche Folge hiervon war, daß allgemein das gesprochene Wort höher als das geschriebene geachtet wurde. In jenem sah man den wahren Ausdruck der Gesinnung, in diesem nur einen matten eensurbeschnittenen Abklatsch derselben. Der Märzsturm konnte diese tkefgewurzel. ten Verhältnisse nicht mit Einem Male brechen. Nicht in wenigen Wochen konnte die Feder des Journalisten jene Gewandtheit und Kraft erringen, welche der Zunge des Redners längst zutheil geworden; nicht in wenigen Monaten das Volk gewöhnt werden, seine Aufmerksamkeit und Achtung w gleichem Maaße dem Journalisten wie dem Redner zuzuwenden. Daher rührt die Einflußlosigkeit der ungar. Presse im Nachmärz. Anstatt wie in andern Ländern der Regierung und den Reichstag den Impuls zu geben, empfing sie ihn von diesen. Sie machte höchstens den Dolmetscher und Vermittler, erhob sich aber fast in keiner einzigen Frage zur Rolle des Führers.... Da aber, wie oben gezeigt, die Ungar. Judenheit weder im Reichstag noch in den Rrgierungsbüreau's vertreten war, so konnte sie auch nicht den, von jenen zwei Mächten gelenkten Gang der Presse bestimmen. Aber selbst jener geringe sekundäre Einfluß , welchen die Presse auf den Gang oder doch auf die Verbreitung der Revolution übte, kann hier nicht wie in andern Ländern ausschließlich oder auch nur theilweise den Juden zugeschrieben werden. Es war auch dies eine Folge unserer eigenthümlichen Landesverhältnisse. Die Presse war bei uns seit Langem eine zweifache: eine magyarische und eine deutsche. Die jüd. Literaten gehörten vom Hause aus zur letztern, bestrebten sich jedoch seit Jahren mit dem größten Eifer, zur erstern überzugehen. J>n Vormärz wo man an einem Zeitungsartikel — Tage, Zu einer Broschüre —Wochen, an einem Buch ~ Monare lang schreiben konnte, war dies tbunlich. Im Nachmärz hingegen, wo Alles auf raschen Windesflügeln einh>reilte, konnte ein Schriftsteller zum Ausdruck seiner Gesinnung sich nur seiner Muttersprache bedienrn, einer fremden Sprache nur dann, wenn sie ihm bereits zur zweiten Muttersprache und äußerst geläufig geworden. Nur Wenige befanden sich aber in dieser glücklichen Lage, da die Magyansirung der deutschen Literaten noch von jungem Alter war. Darum griffen sie im Nachmärz nothgedrungen wider zur deutschen Feder; und außer Diüsy, Szeghy und Ludasy (die

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