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Der Orient · 1850-09-28 · Heft 39 (28.9.1850) · p. Seite 156

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Journal
Der Orient
Volume
11 (1850)
Issue
Heft 39 (28.9.1850)
Date
1850-09-28
Page
Seite 156 (sequence 7)
Language
German
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156 ereignet sich in derselben *bct für Prag noch niemals gewesene Fall, daß die durch die Verhältnisse entledigt gewordene Bürgermeisterstelletheilweise einem Israeliten übertragen wurde. Vermöge § 8 der Vollzugsbestimmung der Gemeindeordnung bestimmte die Versammlung der anwesenden 68 Mitglieder, daß die Leitung der Sitzungen der Alterspräsident, Herr Pack (Schmied) übernehme, damit durch Verschiebungen dH ^Sitzungen kein Stillstand in den Geschäften der Gememdeverwattrmg entstehe. Da aber der gewählte Vorsitzführende durch sein Alter (?) nicht im Stande war den Gang der Debatte zu regeln und zu überwachen, so einigte man sich dahin dem Alterspräsidenten ein ad latus beizugeben, und Hcrr.M. I. Landau, der nächst älteste, übernahm dieses Amt. Beide Herren verwalten nun ad interim das Amt der erledigten Bürgermeisterstelle. Zugleich wurde bestimmt, das Präsidium möge sich aus der Versammlung fünf Kooperatoren (aus jedem Wahlbezirke einen) wählen und diese ganze Körperschaft führt nun den Namen ,,Provisorischer Ausschuß zur Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten." Hieraus erklärte Herr Landau, von dessen parlamentarischen Takt wir schon aus früherer Zeit überzeugt, sind, die Sitzung für geschlossen. Pesth, Sptbr. Die ungarische Deputation begehrt auch, daß eine Commission von 7 Mitgliedern ernannt werde, welche, bis ein destnitives Prüsungsstatut festgestellt ist, dieRabbinatsprüfuugen vorzunehmm, und die allein gütigen Attestate darüber auszustellcn hätte. Wir sind mit diesem Antrag vollkommen einverstanden, denn der Unfug, den die jetzigen Rabbinen mit Ertheilung der Hataras treiben, ist nur jenem Unfuge zu. vergleichen, womit man ganz unfähige Männer als Seelsorger den Gemeinden aufdringt. Jene beantragte Prüfungöcommisston für Ungarn müßte natürlich aus Männern bestehen, deren rabbinische, philosophische und pädagogische Befähigung documentirt wird, und in dieser Beziehung erlauben wir uns die geeigneten Candidaten zu nennen: Dr» Schwab in Pesth, Dr« Löw in Papa, Steinhardt in Arad. — Für die noch fehlenden 4 — fehlen uns die an Wissen und Bildung geeigneten Aspiranten! — Dem Ministerium des Unterrichts und des Innern wurde dieser Tage eine ausführliche Denkschrift zur Regelung der Kultus- und Schulangelegenheiten Ungarns übergeben; auch Se» Exc. Hr. Baron Gehringer erhielt hievon eine Abschrift. — Schonungslos wird darin auf die Uebelstande hingewiesen, und auf rabbinische Uebergriffe wie j. B. in Erlau aufmerksam gemacht. Man spricht, daß der Kandidat Hr. Engländer Changen hat, das Rabbmat von Kanischa zu erhalten. W. Bl. Teplitz, d. 8. September. Heute hat sich unsere Ortsgemeinde constituirt. Nachdem am 6. September Verlag von C. L. Fritz sche. die Wahlen der 2.4 Ausschußmänner vorgenommen wurden, wobei die Herren Schmelkes Med. Dt.), Kaskelin e, Stern, Birub aum (Kanfteute), straffer, (Partikulier) im 2. Wahlkörper gewählt wurden, fand heute die Wahl des Gemeindcvorstandes statt. Sie ist eine glückliche zu nennen und findet den Beifall Aller, die es mit dem Wohle unserer Stadt und den Interessen aller Klassen der Bevölkerung ernstlich meinen. Aber selbst in weiteren Kreisen wird es von allen Freunden der Gleichberechtigung gern vernommen werden, daß in unserem weltberühmten Kurorte ein Israelit, Herr Dr. Sch melk es, in den Stadtrath gewählt wurde, der nebst dem Bürgermeister und den andern 3 Gemeinderäthen sich des allgemeinen Vertrauens zu erfreuen hat. Die christlichen Gemeinderäthe wurden nach beendigtem Wahlaete in der Stadtkirche beeidet; gleich daraus legte der israelitische Gemeindcrath auf dem Rathhause den Eid in die Hände des ältesten Ausschnßmitgliedes ab. Die Nationalgarde parädirte; Gewehr- und Kanonensalvcn bezeichnten die Momente der Wähl und Beeidigung. Pesth, im Sptbr. Hier entspinnt sich jetzt der Kampf, ob Ungarn mit der Reichsverfaffung oder mit der alten ungarischen Konstitution regiert werden soll. Die Juden, die Bauern, die echten Liberalen sind für die Reichsversassung, für engen Anschluß, und nur die Altkonservativen sind dagegen. Z ia 11 e n. Attkoun, im Sptbr. Die hier allmächtige geistliche Behörde, die Inquisition, hat dieser Tage ein Gesetz bekannt gemacht, daß christliche Dienstboten bei Juden nicht dienen dürfen. Diese Vorschrift ist in der Leidensgeschichte der Juden aus dem Mittelalter hinlänglich bekannt und man sicht nun, wohin die römischkatholische Regierung steuern will. Ein ähnlicher Geist der Unduldsamkeit macht sich bereits in den übrigen Städten des Kirchenstaats geltend, wenn gleich noch nicht in bestimmten Gesetzen ausgeprägt. Die Israeliten sehen diesem Treiben ruhig zu, da allüberall sich der Geist der Gährung und des Umsturzes durchschimmert, und man ist der festen Ueberzeugung, daß diese altrömifche Herrlichkeit nicht lange dauern wird. Sardinien von der einen Seite, das seine antirömische Verfassung sesthält, die Lombardei von der anderen Seite, das der Intoleranz entgegenarbeitet, verschafft dem nahen Umstürze Nahrung und .Neapel ist bereits durch die blutige und niederträchtige Verfahrungsweise der Regierung ein Vulkan geworden, der jeden Augenblick verheerend wirken kann. Druck von I. H. Nagel.

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