Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 11 (1850)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1850)
- Date
- 1850-06-29
- Page
- Seite 104 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Mehl und die Bäcker das Brod dennoch vertheüern: „Man kann wegen der Juden Nichts kaufen"" ist der beliebte Refrain» So gesinmittgsschwankend der hiesige Bürger in Beziehung der politischen Parteeiung, so standhaft ist er in der Judcnfeindschaft. Im Sommer 1848 änderte er seine Gesinnung nicht weniger als fünf Mal. Am 15. März war er von der Fußsohle bis zum Scheitel ungarisch, so dieser Gesinnung mit ungarischen „Eljen-Rus"' feierte er die heiligen Ostertage. Als aber nach der Plünderung die weiland damalige ungarische Negierung durch ihr Organ, den Tarnaezi, die Sache scheinbar streng untersuchen lies und Standrecht publicirte, schlug man derart um, daß, da nach dem 15. Mai ein Student die Vorgänge von Wien hier erzählte, man ihn alö Aufrührer und Wühler vor ein Statarium zu stellen als ka L ser l ich -leg i ti m i.sti sch gesinnt, sich verpflichtet fühlte. — Jelachich überschritt die Dran, ward, wie es hieß, bei Velencze geschlagen, kam aber dennoch bis Altcnburg und bedrohcte Preßbnrg — da ward, wie von einem Dämon besessen, Alles wieder ungarisch, so daß Generalmajor Knär schnell abziehcn oder besser flüchten mußte. Die Ungarn kamen, gingen nach Oesterreich — prallten aber mit blutigen Köpfen von der Schwechat bis nach Preßbnrg zurück. Nun .fing mau an sich kaiserlich zu verpuppen, und zwar derart, daß . wie Schreiber dieses es nicht einmal horte, die Ungarn sich vernahmen, die Stadt bei ihrem Abzüge in Brand zu stecken. Auch die Journale der damaligen Zeit eiferten gegen diese Gesinuungsänderung. — Die Ungarn zogen ab. — Die Kaiserlichen kamen. Still und lautlos gaffte die Menge das einrückende Heer an, kein Eljen, kein Vivat erscholl. — Einige politische Verbrecher wurden bestraft, da brach der buntscheckige Schmetterling die Hülle und flog als ungarischer Tagfalter aus, die gute ungarische Elderadozeit mit Sehnsucht zurückwünschend. — Wir zweifeln nicht, kämen die Ungarn, so würde man wieder kaiserlich werden. — Nicht so ist es aber in Gesinnung gegen die Juden. Bekanntlich war vor Jahrhunderten schon in Preßbnrg eine große jüdische Gemeinde. Damals, so heißt es, soll die enge, finstere Huterergasse, die leibhafte Zwillingsschwester des ersten Ghettos in der ganzen Judenheit, ihr Wohnort gewesen sein. Durch Geschäfte mit dem Bürger, sank dieser so tief in Schulden, daß sogar das Stadthaus an die Juden verpfändet war. Der Stand der Dinge konnte so nicht bleiben. Man mußte sich von den Juden befreieu. Der Weg der Prozedur ist zu steil. Schnett entschloß man sich und schlug die Gläubiger, die Juden todt. Später bildete sich eine Judengemcinde aus dem Zuckermantel, der dajnals durch Maliern und Gräben von der Stadt getrennt war. Jahrhunderte sind verflossen, Stadt und Znkermantcl flössen in einander, aber der Menschenliebe des Bürgers sind noch immer unü bersteigliche Mauern und Thünne ausgeführt, er steht noch immer mit bittcrm Hasse dem Juden gegenüber — und zwar so, daß trotz der imposanten Macht des Kaisers „die Unbeliebtheit der Inden (Judenhaß) sich wieder Bahn zu brechen scheine/" wie die hiesige Zeitung sich mit Bedauern auSdrückt. Denn unter der Hülle einer Lehr b u r sch eu- Schlägerei, der man Gott fei Dank, schnell genngEin- '1 halt that, lag zweifelsohne ein m e i sterli ch er Krawall, Die hiesigen Bürger haben aber in Operationen gegen die Juden eine militärische Taktik. Sie haben eine Avantgarde, die Lehrburschen, die den Angriff mit Fenstereinwecfen beginnt. Das Dreinhauen, Plündern führt die Hauptmacht, die löbliche Bürgerschaft selbst aus. Der wohltobl. Magistrat ist die Ariergarde, die den Ausschlag giebt mit Austreibung der Juden ^binnen vierundzwanzig Stunden"", und dann dem „Biedersinne (?) der ganzen Einwohnerschaft die Herstellung und Ausrechterhaltung der gesetzlichen (?) Ruhe und Ordnung vertrant"". — So war es 1848 und so wollte man es auch jetzt an fangen, nur mit dem Unterschiede, daß man jetzt bei Hellem , lichten Tage nicht anfangen durfte, sondern wie wahre Leute vom Handwerk die Dunkelheit der Nacht zu Hilfe nahm. Am 23. April, dem Jahrestage der „Ostern"" kamen die Lehrbnrschen zum Zapfenstreich mit Stricken, Riemen, befristeten Stöcken, Drathschlingen und prügelten ein Paar Juden : arg durch. Am 24. schritt die Polizei unbemerkbar ein und griff 44 Lehrburscheu aufwelche sofort vor Verhör gezogen und bestraft wurden. — Daß aber, wie wir bemerkt, etwas mehr, als eine bloße Lehrburschenschlägerei mußte beabsichtigt gewesen sein, zeigt die Kundmachung des Hrn. G. M. Gerstner an die hiesigen Bürger, die er für ihre Untergeordneten unter Androhung „schwerer"" Ahndung, verantwortlich machte. Unter solchen, Menschen leben wir hier. Die Militärmacht des Kaisers ist wohl jedem Versuche zur Emeute hinterm Rücken her, aber dennoch möchten wir jenen Israeliten, die durch den häufigen Häuserankaus die Wuth der Bürger anfacheu, rathen, ein wenig Einhalt zu thrm. Es ist ja doch noch nicht ganz ruhig in Europa — und ein Ungethüm zu reizen , selbst, wenn es an der Kette liegt, ist gewiß nicht klug. (Beschluß folgt.) Personalchronik und Miscellen. P esth, Juni. Die Judeu-Kontribution ist wieder erstanden; die Militärmacht bat diese mit aller Strenge renevirt, wie es scheint aus Opposition gegen das Ministerium. In Oesterreich liegen sich die Civil- und Militärgewalt gegenseitig in den Haaren, dieser Dualismus macht das Land trostlos, und die Juden scheinen am Meisten darunter zu leiden. * * M ü n ch e n, Jttni. Die jüdischen Angelegenheiten hier scheinen sich doch bessern zu wollen. Es sind von Seiten des Ministeriums 63 Fragen den Rabbinen zu: Beantwortung vergelegt worden, um danach die Lage der Judm zu bessern. Die Rabbinen halten eine Konferenz ab, um den Antworten eine Gleichmäßigkeit zu geb.-n. Verlag von C. L. Fritz sch e. Druck von J/H. Nagel.