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Der Orient · 1850-06-01 · Heft 22 (1.6.1850) · p. Seite 88

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Journal
Der Orient
Volume
11 (1850)
Issue
Heft 22 (1.6.1850)
Date
1850-06-01
Page
Seite 88 (sequence 7)
Language
German
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88 erstaunt über diese Mithcilung, auch fühlte sich einigermaßen sein Slol; durch dies Versteckensspieten des Inden beleidigt. Er entschloß sich also sogleich zu den Frauen zu gehen und sie zur Rede zu stellen. Er fand dieselben eben beim Abendmahle; die jüngere erhob sich sogleich und lnd deri, Gast auf einen Stuhl und zur Mahlzeit, die der Major oft auf ihrem Zimmer eingenommen hatte, allein der Major blieb hinter dem Tische stehen, und sagte: ,,Meine Damen l ich habe zwar kein Recht, Sie über irgend etwas zu Rede zu stellen; vielmehr müßte ich mir , eingedenk des vielen Guter:, ^welches ich in ihrem Hanse genossen, auch manches wirklich Beleidigende gefallen lassen; aber ich kann mich nicht entschließen, Sie zu verlassen, bevor ich die Ursache erfahre, warum Sie, die mir übrigens wahrhaft schwesterlich begegnet haben, mich in Einer Hinsicht täuschen wellten." Der Major sah hier, daß ihn die jüngere Dame unterbrechen will, er winkte also mit der Hand, und fuhr in vorwurfsvollem aber freundlichem Tone fort: „ Ihr Vater hat während meiner Anwesenheit mehrere Tage in diesem Hanse zugebracht, und doch hieß es, daß er weit verreist sei, und daß er erst nach Monaten zurückkommen werde; ich zweifle nicht, daß Sie etwas Wichtiges zu dieser Lüge, (vergebe:: Sie mir, wen» ich keinen gelinder:: Ausdruck gebrauche) bewogen hat, ich hoffe aber auch, daß Sie jetzt, nachdem ich von der Unwahrheit überzeugt bin, nicht an stehen werden, mir auch den Beweggrund mitzutheilen." Auf den Gesichtern der Frauen malte sich große Verlegenheit, indeß sammelte sich die jüngere bald, und erwiederte mit immer steigender Ruhe: ,,Genügt es Ihnen, Herr Major, wenn ich Ihnen versichere, daß die Abneigung, welche meinen Vater zurückhält, Sie zu sehen, nicht gegen Ihre Person gerichtet ist?" ,,Und darf ich fragen, welcher Art denn diese Abneigung fei?" „Die Abneigung gegen Ihren Stand," erwiederte daS.schöne Weib, und wollte sich rasch ans dem Zimmer entfernen,, aber der Major trat ihr in den Weg und führte sie sanft zu ihren: Sitze zurück. „Fürchten Sie vielleicht? meinen Stand, daß Sie vor mir fliehen wollen? Es war eine Zeit, wo ich vielleicht selbst, einem schonen Weibe keinen Ausfall gegen den ersten Stand der Welt (wie man ihn in unfern Kadettenschnlen nannte) verziehen .hatte, allein diese Zeiten sind vorüber, die.wackern Honved und Husaren haben mir oft und tüchtig zur Adfr gelassen, und Sie werden mich sehr verbinden, wenn Sie mich mit der Abneigung ihres Vaters gegen die Soldaten näher, bekannt wachen." Die junge Witlwe warf einen fragenden Blick aus ihre Mutter, und als diese bejahend nickte, antwortete sie: „Mein Vater hat sich in seiner Jugend durch Fleiß Verlag den C. L. Fritz sch e. und oft bewahrte Redlichkeit ein ansehnliches Vermögen erworben und entschloß sich an der Grenze des Greiscnalters den Handel anfzngeben, und mit seiner kleinen Familie, wir waren nur zwei: ich und mein älterer Bruder, ein ruhiges stilles Familienleben zu genießen, j Dieses Haus, in welchem wir die Ehre hatten, Sie sei! 2 Monaten zu beherbergen, mit dem dazu gehörenden kleinen Gute, sollte der Schauplatz des idyllischen Glücke.) } sein; allein das Schicksal wollte es anders. Mein i Bruder starb in seinem Mannesalter und hintcrließ eine f trauernde Wittwe und einen unmündiger: fünfzehnjährigen [. Knaben, und sechs Jahre darauf starb mein Gemahl, v mit dem ich erst seit 14 Menden verherrlichet war. Kanin [; hatten sich die ersten Fasern zur Vernarbung dieser Wun- \. den gebildet, als der Bürgerkrieg unsre friedliche Weh: < uung überzog; in unserer Nachbarschaft wurden mehrere i deutsche und magyarische Dörfer ausgeplündert, und ' mein Vater sah sich bewogen mit uns diese Gegend zn : verlassen, und zu seinem einzigen Enkel zu ziehen, fc« [ indessen gcheirathet hatte und jenseits der Donau in f; einen: Städtchen unweit der Festung . . » ° einen blü- > henden Detailhandel hat. Doch denken sic sich, Herr y: Major, wie trotztg mein armer alter Vater von dm Schicksale verfolgt wird. Eines Tageö saß mein Vater in dem Laden seines Enkels, sich mit ihm und dessen : jungen Weibchen unterhaltend, da trat ein k. k. Ofsizicr r; ein, und wollte, nachdem er sich die Preise der Waaren < selbst bestimmt hatte, den alten Mann beschimpfen;;; mein Neffe wollte dies nicht zugeben, cs kam zum Streit, p und die Folge war, daß mein unglücklicher Neffe zu einem Jahre schweren Kerker verurtheilt wurde. Wir kehrten bald daraus in dieses Dorf zurück, wo Perzel's r Siege die Gegend von den Räubern reinigten, und als 1 Sie nach der Schlacht bei Käty in nufer HanS gr- \ bracht wurden, verbarg sich mein Vater in einem Zum ’ mer des obern Stockwerkes, und trug uns auf, Sie mit - aller Sorgfalt zu pflegen, aber seine Gegenwart für i>n-? mer zu leugnen."- \ Der Major hörte mit scheinbarer Ruhe zu, imt | schien am Ende der Erzählung in eil: tiefes Nachdenken!. versunken zu sein, aber das Stillschweigen der Erzählcck ( riß ihr: aus seinem Traume, und. et sprach in flehenden:. Tone: „Haben Sie die Güte, wen:: Ihnen meine Ruhe!'' theuer ist, mich bei Ihrem Vater zu Melden; ich muß - ihn sprechen und zwar noch heute.":; Der. Ton, in :- welchem dies gesprochen wurde, war so. herzlich und gedrängt , daß nur ein Tyrann dem Gesuche widerstehen ' konnte, die alte Frau ergriff also das Wort, und sagte: „Wenn mein Mann schon auf sein Zimmer angekenn men ist, so hoffe ich Sie nach einigen. Minuten zu ih>" 1 führen zu. können»" (Fortsetzung folgt). Druck von I. H. Nagel.

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