Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1850-05-18 · Heft 20 (18.5.1850) · p. Seite 80

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
11 (1850)
Issue
Heft 20 (18.5.1850)
Date
1850-05-18
Page
Seite 80 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2360092-2360634-2360655--7079-3535746
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

80 anderen hohen Feiertagen zu ihren Patienten zu fahren, bis ihnen dieses vom Rabbinate gestattet wurde, und in der That war dies auf Seiten unserer jüdischen Aerzte selbst ein nipD, da ihre starke Praxis, ohne diese Erlaub«iß, ihr eigenes Leben bedroht hätte. Außer denselben sieht man im Inneren der Stadt keinen Israeliten am Sabbat reiten oder fahren, noch viel weniger öffentlich Tabak rauchen. Im Stillen mag dies wohl auch geschehen, doch gewiß im Verhältuiß zur Große der Gemeinde nur von Wenigen, von denen wieder nur wenige Italiener, die Meisten aber junge Deutsche sind. Die Haushaltungen werden durchgehends, wenigstens dem Scheine nach, nach jüdischem Ritus geführt, und die hier befindlichen 7 jüdischen Fleischbänke, nebst einer Anzahl Geftügelhändler, bei denen auch das Geflügel schon geschlachtet und koscher in großer Auswahl täglich zu haben ist, haben vollauf zu thun. In auffallendem Widerspruche hiermit steht eine aber zwar seit lange bestehende Sitte, daß fast alle verheiratheten Frauen das Haupthaar unbedeckt lassen und daß offene Kaufläden am Sabbat nichts Seltenes mehr sind. Jedoch haben Manche eine Bekanntmachung des Rabbiriats erwirkt, als sei ihnen dieses gestattet worden, weil ein NichtiSraelite Theilhaber am Geschäfte sei, und den Erlös, vom Samstag allein beziehe. Ihre zweite Frage bezieht sich auf den regeren Schauplatz des religiösen Lebens, die Synagoge; und meine Auskunft hierüber wird Sie zum Theit in Erstaunen setzen. Es giebt hier 4 große Synagogen, wovon die 2 sefardischen an Wochen - und Feiertagen sehr stark besucht sind, die 2 askenasischen aber nur an Sabbath- und Feiertagen, doch fehlt es auch in denselben an den Wochentagen Morgens und Abends niemals an Minjan. Auch wird jeden r/Sy als p'y durch Gebet und Fasten gefeiert, ist überhaupt an den in jeder Synagoge herkömmlichen Gebeten und Pijjutnn nichts geändert worden, doch werden letztere von den Gemeindegliedern uur ganz leise gesprochen. Choralgesang ist hier noch in keiner Synagoge eingeführt, und Beisänger waren nie üblich; der Vortrag der Kohaniin ist übrigens ziemlich melodisch, so lange sie nur den Text reeitt'ren, ihre eingelegten Triller und Ru laden taugen aber nicht viel und es ist gut, daß sie solche nur selten produziren. Am schönsten wird das Hallet vorgetragm, das Ganze in einer rührenden Singweise. Nur in den askenasischen Synagogen ist das Mizwotverkaufen abgeschafft, schwatzen und beständiges Aus- und Eingehen ist noch in allen Synagogen an der Tagesordnung. Sehr ceremoniös ist das Aus- und Einheben der Thora und das Vorlesen aus derselben geschieht mit vieler Präzision. Nicht immer thut dieses der Vorbeter, sondern auch oft irgend ein unterrichteter Privatmann. Selbst jüdische Studien werden noch im alten Sinne getrieben, so wird in einer Vertag von E. L. Fritz sch et aiü npb mrn jeden Morgen nach dem Gottesdienst eine Stunde lang ünoj gelernt, und jeden Abend vor und nach dem Gottesdienst rWD, und D^nn gelesen und übersetzt, wobei vielmal das wip gesagt wird. Schließlich kann ich doch noch von einer Reform berichten , daß von nun an die Trauungen nicht mehr blos in den resp. Privatwohnungen, sondern auch in der Synagoge stattfi'ndeu können, und was die Hauptsache ist, daß die Religiosität der hiesigen Israeliten nicht blos in äußeren Ceremonien , sondern in'großartiger Wohlthätigkeit und Sorge für gute Jugenderziehung sich bewährt. Leipnik, im April. Ich erlaube mir Ihnen von den hiesigen Gemeindezuständen Folgendes zu berichten. Am 14. v. M. beehrte der Wcißkirchner Bezirks Hauptmann — der auch noch nicht zu den Besten gezählt wird — die hiesigen Gemeinden mit einem Besuche, hielt der ihn auf öffentlichem Platze erwartenden, festlich geschmückten Nationalgarde eine zwar kurze aber kräftige Rede, womit er ihr knnd gab, daß der Anschluß der Gemeinden der Wille des Kaisers und des Ministers des Innern ist, sie möge sich also mit Zufriedenheit und Bereitwilligkeit fügen; widrigenfalls sie sich nur Unannehmlichkeiten znziehen werde.. Der christliche Gemeindevorstaud weigerte sich vorläufig ohne Ursache, worauf der Hauptmanu sagte, daß ein baldiger Bescheid folgen wird, welcher lautet, daß am 1. Juni t. I. der Anschluß unverzüglich stattfi'nden muß. Der Judenhaß gewinnt hier mit jedem Tage an Kraft, selbst bei dem so zu sagen Gebildeten. So wollte vor Kurzem ein christlicher ärztlicher Pfuscher eine bei einem Israeliten dienende erkrankte Christin zu der sträflichen Aussage verleiten, daß man sie mit einer Suppe vergiften wollte. Sie hat es bald ihrer Herrschaft entdeckt, und vor dem Gerichte wiederholt, rmd dem böswilligem Arzte wurde der Besuch in jüdischen Häusern untersagt. Dem jüd. Normal-Schullehrer hat der Vorstand den Religionsunterricht verbeten. Der jüngere So brr des Lehrers der das religiöse Oberkommando von seinem auf dem Schlachtfelde des Unterrichts invalid gewordenen Vater übernommen hat, weiß kaum wie stark das 'Regiment des hebräischen Alphabets ist, was kann ein solcher Stümper von jüd. religiösen Geschichte wissen? — Auch mit dem deutschen Unterrichte steht es in dieser Schule sehr erbärmlich aus, und die Gemeinde wünscht es ähnlichst bald einen andern Lehrer zu haben. — Die sogenannte Mizwvt-Licitation geschieht hier seit dem Pessachfeste nicht mehr mündlich, sondern durch Tafeln. — Bon der Trebit sch er Gemeinde kam neulich ein Brief an die hiesige, worin sie ersucht, die Aufträge des Landrabbiners hinsichtlich der Sendung eines Deputirten znm Rikolsburger fruchtlosem Reichstage nicht mehr zu beachten. — Schließlich habe ich Ihnen noch die überraschende Nachricht zu geben, daß hier einige junge gebildete Leute den lobenswerthen Entschluß gefaßt, sich jeden Abend zu versammeln und wechselweise Talmud — wie es allgemein gewünscht wird, mitunter auch andere jüdische philosophische Schriften — vorzutragen. Wir wünschen dieser Anstatt ununterbrochene Gesundheit und langes Leben, damit sie nicht dem hiesigen weiland Lesevereim nachahme. Druck von I. H. Nagel.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.