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Der Orient · 1850-04-27 · Heft 17 (27.4.1850) · p. Seite 66

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Journal
Der Orient
Volume
11 (1850)
Issue
Heft 17 (27.4.1850)
Date
1850-04-27
Page
Seite 66 (sequence 3)
Language
German
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- 66 - ans welcher ich wieder so manche'Gemeinde des Großherzogthmüs' besucht und für Ihr gesch. Blatt mehrere interessante Notizen gesammelt habe. Diese letztem will ich Ihnen heute mit kurzen Worten mittheilen. — Zu erst von Posen. — Bei der großen Ueberschwemmung, von welcher ein großer Thcil dieser Stadt im Monat Februar d. I. heimgesucht worden, sind auch viele arme jüdische Familien genöthigt gewesen, aus ihren Wohnungen zu flüchten und ihr bischen Hab und Gut den Fluchen Preis zu geben. Und bei den Anordnungen, welche zur einstweiligen Unterbringung der armen tteberschwemmten getroffen, so wie bei den Sammlungen (an Geld, Kleidungsstücken' und Naturalien), welche zur schnellen Linderung — der Noth veranstaltet wurden, haben sich die vom Unglücke verschont gebliebenen Juden Posens einerseits sehr thätig und andererseits sehr wohlthätig bewiesen. Ein junger Israelit, Hr. Eduard Käntorowicz, ist wegen seines menschenfreundlichen Eifers, den er bei dieser Gelegenheit durch unermüdliche Thätigkeit zum Schutze der Bedrängten an den Tag gelegt, vom Obcrpräsidenten öffentlich (in der P. Z.) gelobt worden. — Was die Gemeindev erhältnisse von P. anlangt, so habe ich Ihnen Folgendes mitzntheilen. Sie wissen (denn ich hatte es Ihnen z. s. Z. ausführlich berichtet) daß im verflossenen Jahre in P. sich sehr viel Juden von der Synagogen-Gemeinde abl östen. Sie wissen auch warum dies geschah, und wissen nicht minder, wie man dabei zu Werke ging. Von vornherein war die Negierung für die Ablesung, ja sie hatte sogar dazu gerat Heu; in neuester Zeit aber ist diese Behörde dagegen ausgetreten, indem sie verlangte, daß bei einer vom Vorstände zu entwerfenden Repartition auch die sogenannten Abgelösten nicht verschont bleiben mögen. Die Negierung sagt jetzt, zu jeder einzelnen Ablösung hätte ihre ausdrückliche Genehmigung eirrgehott werden sollen, und da dies nicht geschehen, so seien alle Ablösungen insofern ungültig, als die sogenannten Abgelösten nach wie vor verpflichtet seien, die Schuldenlast der Gemeinde tragen zu helfen. — Und die Schuldenlast der Gemeinde von Posen ist bedeutend, so bedeutend, daß die Zinsen allein jährlich c. 7000 Thlr. betragen. Da sich aber unsere Regierungen um die Kultus-Angelegenheiten der Gemeinden zu kümmern aufgchört haben, so konnte natürlicherweise die Regierung von P. weiter Nichts verlangen, als daß eine Summe ansgebracht würde, die da hinreichend wäre, die Zinsen der Gemeindeschuld für das abgelanfene Jahr zu decken. Sie gab daher dem Gemeinde-Vorstände auf, hierfür eine Repartition zu entwerfen, und da der Gem.-Vorst, dieser Aufforderung nicht bald genügte, so geschah, was vielleicht noch nirgends geschehen: die Regierung machte selber die Repartition und hat, wie vorauszusehen war, auch auf die 400 Abgelösten mit repartirt» Die Nepartitivnsliste von 1848 wurde dabei als Richtschnur genommen und der Etat auf die Hälfte redueirt. Die Reichen in der Gemeinde zahlten bald, was ihnen zu zahlen aufgelegt worden; alle Uebrigen sehen ,der Exekution entgegen. Einige der Abgel'östen aber sind beim Kr. Gerichte von P. klagend anfgetre, ten gegen den Gemeinde-Vorstand resp. die Regierung, und soll — wie ich erfahren — dieser Prozeß noch im Lause dieses Monats zur Entscheidung kommen. Dem Ausgange desselben sieht man — wie sich leicht denken läßt —- in der ganzen Provinz mit Spannung entgegen. — Der OR. von P. hat einen' Ruf nach Kalisch erhalten; man sagt , er werde demselben folgen, da in P. seine Existenz nicht mehr gesichert. — Hr. S. P l c ß n er aus P. ist kurz vor den Feiertagen in Breslau gewesen und hat daselbst im Tempel der zweiten Verbrüderung mit großem Beifall gepredigt. Nach der Schief. Zeitung soll er dort auch ein Manuskript religionswissenschastlichen Inhalts in Verlag gegeben haben. — In G n ese n ist die diesjährige Oster-Prüfung in der jüd. Elementarschule wieder sehr gut ausgefallen. Die Gemeindeangelegenheitcn daselbst erfreuen sich aber leider! nicht des besten Aussehens; sie scheinen an der Gelbsucht zu leiden. — Der Tempel ist herrlich; er hat Einen der besten Prediger, wie Einen der besten Kantoren aufzuweisen, doch die Ausgabe, welche diese Beamten verursachen, sängt an die Gemeinde zu drücken, und was drück t, sucht nt cm abz u sch iittel n. Weiß der Himmel, wie es in Gn. noch werden wird. Der Vorstand, erfüllt von edlen; Eifer für die gute Sache, giebt sich alle mögliche Mühe, die Gemeinde und ihre schönen Institutionen aufrecht zu erhalten. O möchte es ihm doch gelingen! — In Wre scheu, welches 1848 von der Insurrektion und 1849 noch härter von der Cholera heimgesucht worden, herrscht in Folge dieser traurigen Ereignisse namenloses Elend unter den Juden. — In Trzem eß n o ist Hr. Kuttner (früher in Lobsens) als Gemeinde-Lehrer engagüt worden. Eine gute Aequisition. — In Wittkowo, wo der Rabbiner Weltmann im Sommer v. I. an der Cholera verstarb, ist neulich ein Talmudgelehrter aus Santornis'l ad interim als More-Zedek ausgenommen werden. Der Tempel, vor mehrern Jahren abgebrannt, ist noch nicht wieder erbaut. Die erledigt gewesene Stelle des ersten Lehrers ist eben wieder besetzt worden. — In Czerniewc (bei Gneftn) ist Herr Jadcsohn aus Wreschen als Rabbiner, Prediger und Religionslehrer angestcllt. — In Rogase n, das durch die Cholera vom Sommer 1849 eine so traurige Berühmtheit erlangt hat, herrschen gewaltige Kämpft zwischen den Alten und den Neuen. Die Partei der Letztem scheint die stärkere zu sein. Auch gut. — Wir sind noch nicht fertig, Hr. Redakteur. Den Nest meiner Notizen liefere ich Ihnen in meinem nächsten Berichte. W.

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