Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 11 (1850)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1850)
- Date
- 1850-02-09
- Page
- Seite 24 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2360092-2360634-2360641--7009-3535550- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
24 Vater gel/bt und gestorben , er treibt den Handel, den sein Vater aötrieben, er heirathet ein Mädchen seines Volks und schickt seine Kinder in die Synagoge, damit sie nach ihm Ihun, wie er gethan. Wer in E London keine andern Juden gesehen, als denen er im Quatrand, in Haymarket, in Pall Mall oder Piccadilly begegnet, der kann sich versucht fühlen, sie für outrirte Juden zu halten. Ihre Nasen sind gekrümmter, vollständige Habichtsnasen, ihre Haare krauser und schwärzer, ihre Augen stechender als bei gemeinen Juden. Ihre gesummte Umgebung trägt die 'Farbe des Schmutzes, den Stempel systematischer Unordnung und rastloser Geschäftigkeit. Die Häuser sind alt und hoch und drohen eiazustürzen. Ein feuchter dumpfer Modergeruch dringt aus allen Ecken. Das von Zeit und Rauch und Dampf gebräunte Getäfel und die vergilbten, von Motten zerfressenen Gardinen mahnen an das Dasein großer fetter Spinnen) die ungestört weben, an Schaaren schwarzer Käfer, die über Estrich und Diele kriechen, an alle in Europa heimischen stechenden und springenden .Insekten. Die Wohnungen sind voll Menschen von unten bis oben. Unrasirte Männer in unreinen Hemdeärineln rauchen an offenen Fenstern aus klebrigen Pfeifen; weinende und schreiende Kinder liegen vor den Haustbüren; schlumpige Weiber zanken und geifern über die Straße weg, von Giebel zu Giebel, von Flur zu Flur, zu Dreieu und Vieren lehnen Männer, die meisten mir langen Bärten, Alle mit schwarzem, ungekämmten Haar und schwarzen, leuchtenden Augen an Wänden und Pfählen, feilschend und streitend in jenem scharfen, näselnden Tone, welcher dem Ausländer ihre Rede noch unverständlicher macht. Wen die Neugier reizt, solches selbst zu sehen, und wer sich nicht scheut vor dem Moraste der Rinnsteine, vor verfaulenden Vegetabilken, vor weggeworfenen Fischen, vor massenhaften Haufen Unraths, .der beuge vom indischen Hause in 'die Leadenhallstraße nördlich nach St. Marie Axe, und fünf Minuten versetzen ihn aus einer christlichen Stadt in eine jüdische Kolonie, auf einen reichen Ernteplatz für Maler und Kothkärner. Seit Jahrhunderten haben Juden hier gewohnt, in diesem Jrrscrl enger, krummer Gassen, schlangengewundener Durchgänge und ärgerlicher Sackgäßchen. Seit Jahrhunderten sind in diesen baufälligen, hochgieblichen Hausern das Oster- und Laubhüttenfest gefeiert worden; sie mögen noch Jahrhunderte lang daselbst gefeiert werden und eben so lang jene Stangen zu den Fenstern herausragen, auf denen gelbliche Leibwäsche zum Trocknen hängt. Ist hier aber das eigentliche Ghetto, das echte Londoner Judenviertel, so giebt es außerdem in andern Theilen des östlichen Endes noch mehrere, wenn auch kleinere jüdische Ansiedelungen. Man erkennt siean den fast immer geöffneten Thüren und Fenstern, an -den längs der Häuser auf Stühlen und Bänken sitzenden Männern und Frauen, an den mit allerhand alten Sachen belasteten, bunt aufgeputzten Kramläden, an den Vorräthen Verlag von C. L. Fritzsche. von Lumpen, Scarteken, Glasbrocken und rostigem Eifenzeug, an dem aus den Garküchen aufsteigenden Bvodem in Oel oder Fett gesottener Fische. Hat der Wanderer Glück, so entführt ihn in Ghetto eine zufällige Wendung dem schweren Dunstkreise und bringt ihn unerwartet auf einen offenen Platz, einen kleinen Square. Obwohl immer noch inmitten von Juden, empfindet er einen Luftwechsel; er athmet freier, und was er athmet sind die Wohlgerüche eines Orangenhains. Von einem solchen zeigt sich zwar keine Spur, weder Orangennoch Citronennoch sonst ein Baum; aber den ganzen Platz umgeben Boutiken voll Orangen, und der Wanderer mag sich vorsehen, nicht auszugleiten. Das Trottoir ist mit Orangenschalen besäet und schlüpfrig von faulen, umhergestreuten Früchten. Der Square heißt Orange-Change. Orangenbörse. Hier holen die israelitischen Obsthändler, was sie dann von Straße zu Straße durch das weite London vertreiben. Die den Square umschließenden Häuser sind weder schlechter noch besser als die der Nachbarschaft, eben so bevölkert, gebrechlich und unsauber. An zwei Ecken sind zwei Tavernen mit hebräischen Aufschriften und jüdischen Symbolen, und wo Raum zu einem Anschläge ist, klebt einer, neunmal unter zehn in hebräischer Sprache. Neben den Orangen blüht an dieser Börse nur noch der Buchhandel, fast ausschließlich in hebräischer Literatur. Als ich das letztemal dort war, zählte ich fünf Antiquar- und Zeitungsläden; erstere enthielten wenig Englisches, gar nichts Deutsches und Französisches, manches in russischer und polnischer Zunge. Die Tagespresse wurde von den wohlfeilsten Wochenzeitungen und den zwei in London erscheinenden jüdischen Journalen vertreten. Eine Viertelstunde westlich vom Orangenmarkte befindet sich einer der hervorstechendsten Punkte des großen Judenviertels, das Centrum des Londoner Kleidertrödels, das Stelldichein der vielen hundert Männer, welche mit schwarzen Säcken über der Schulter, oft schwer beladen, alle Straßen und Gäßchen begehen und weithin ihr schrilles Old Ad! erschallen lasten. Sie sammeln sich 'hier in gedrängter Schaar, packen ihre Schätze aus und preisen und rühmen, was sie eben noch getadelt und schlecht gemacht. Wo der Raum es gestattet, längs Häusern und Höfen, stehen Bretterbudenunter deren bisweilen zweifelhaftem Schutze alle je getragenen Kleidungsstücke auf Bänken und Stühlen, auf Tischen und an Gestellen nagelneu aussehen. Sonderbar, daß Käufer und Verkäufer sich an den Verkaufsstätten selten einigen. Mit lauten Worten, jetzt heftig zankend, dann schnell begütigt, folgt Letzterer Ersterem gewöhnlich bis ans Ende derStraße, und hier entscheidet sich der Handel. Inzwischen schwärmt und lärmt um den Kleidermarkt der Fisch-, Fleisch-'und Gemüsekram, und so sehenswerth dies Alles ist, bedenkt sich der wißbegierige Fremde doch, ob er es zum zweitenmalk schauen und empfinden will. ü 3 m m i Druck von I. H. Nagel.