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Der Orient · 1849-11-24 · Heft 47 (24.11.1849) · p. Seite 208

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 47 (24.11.1849)
Date
1849-11-24
Page
Seite 208 (sequence 7)
Language
German
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208 Der Dorfgeher. Von Leopold Korrrpert. (F-rtsetzung.) Dieser irrige Wahn tauschte ihn., noch öfters, aber jedes Erwachen war mit schmerzlichem Kampfe verbunden. Wenn er sich an der Seelenentfaltung des Dorfgehers, an seinen Fragen und Antworten ergötzte, wenn er ihn in seinem Zorn und Spott, in seinem Glauben und Aberglauben sah, und ihm dann jedesmal einfiel : das ist dein Vater — da blutete er aus allen Wunden. Schwer läßt sich die Stimmung Emanuels während dieser Wanderung neben seinem Vater schildern; sie wechselte wie Regen und Sonnenschein ab, bald lind und weich und im nächsten Augenblicke darauf wild und gereizt. Es war dies die norhwendige Folge eines in seinen tiefsten Lebenswurzeln bedrohten Gemüthes, an das so mannigfache Erschütterungen unausgesetzt ihre Axt legten. . „Heut' weiß ich, werd' ich nichts lösen", sagte der Dorfgeher, als sie die Häuser des Dorfes vor sich sahen. „Wie könnt' Ihr das wissen?" „Weil heul' Sonntag ist, an dem Tag verdien' ich nichts. Wo hat der Bauer heute Zeit, mir etwas abzukaufen?" „Jetzt läuten sie mit der Glock' in die Kirche, hernach essen sie, und Nachmittags führt er seine Bäuerin in's Wirrhshaus, da tanzen und da trinken sie. Wie soll ich da etwas lösen?" „Und warumsoll der Bauer seinen Sonntag nicht genießen können?" rief Emanuel sich selbst vergessend aus, „habt Ihr nicht Euern Sabbalh?" „Curios redet Ihr, mein lieber Gast", sagte der Dorfgeher verdrießlich, „wie könnt Ihr unfern heiligen Schabbes mit Sonntag vergleichen? und mein' ich denn, der Bauer soll keinen Tag haben, wo er sich ausruhen und auf der Ofenbank ausstrecken kann? Wer braucht denn den Sonntag? Der Bauer und der Handwerker; und wer kann das besser einsehen, als der Jude? Der hat wieder seinen Schabbes." „Alles wahr, mein lieber Rebb Schimme," rief Emanuel mit immer mehr gereizter Stimmung, „wenn Ihr aber das wißt, warum bleibt Ihr am Sonntag nicht lieber zu Haus? was stört Ihr den Sabba.th der Bauern^" „Das heißt geredtl" schrie dagegen der Vater, „das heißt geredt! Soll ich zwei Tag in der Woche verlieren?" „O!" rief Emanuel überquellend aus, „weil Ihr einen Tag nicht wollt verlieren, darum muß der Bauer in seinem Sonntag gestört werden? weil Ihr Eueren Pack mit alten Westen und Schnupft üch-ern nicht wollt müßig im Winkel Liegen haben, darum darf der Bauer nicht wissen, daß er Sonntag hat?" „Trinken und tanzen und juchezen kann er, nichtwahr?" meinte der Dorfgeher mit Bitterkeit, „und verstör' ihm sein Sonnteg, wenn ich ihm eine alte Weste oder Schnupftuch ans meinem Pack, wie Ihr sagt, thu' verkaufen? Ich komm' noch immer auf mein Sprichwort zurück: „Wer sich am wehesten thut, das ist der Iüd selbst." „Wie meint Ihr das?" fragte Emanuel, betroffen durch den wehmüthig bitteren Ausdruck seines Vaters. Der Dorfgeher behauptete aber ein hartnäckiges Stillschweigen. Emanuel fühlte, daß er seinen Vater durch die tiefliegendsten Fasern seines Wesens geschnitten habe. .„Seid Ihr noch ein Iud', Gast!" rief er plötzlich, indem er vor Emanuel stehen blieb. „Was heißt das?" fragte Emanuel erschrocken, „bin ich denn keiner?" „Ansehen thut mLn's Euch nicht, wenn man Euch so Hort reden. Welcher Iud wird dem Bauer Recht geben und sich selbst Unrecht? Aber so sind wir Alle, leider Gottes. Warum sagt Ihr nicht lieber gleich, was soll mir der ganze Sabbalh? warum Hab' ich mit dem Bauern und mit dem Handwerksmann nicht zu gleicher Zeit meinen Schabbes? Da braucht ich mit meinen alten Westen und Schnupftücheln nicht herumzugehen, da könnt' ich einen Lag in der Woche einstecken und mehr Geld verdienen. Und habt Ihr nicht darauf kommen wollen? Ihr meint, Gast, ich weiß nicht, was in der Welt vergebt? daß man umgeht, den Schabbes abzuschaffen. Sagt, habt Ihr nicht da drauf kommen wollen?" „Und wenn!" entgegnete Emanuel stockend, der sich übrigens freute, den Vater auf allgemeinem.Standpunkte des Streites, zu finden. Milder als wohl zu erwarten stand, sprach der Dorfgeher: „Nicht Ihr, nicht ich, können da etwas sagen, Gort allein kann entscheiden. Gott aber hat gesagt: Am' siebenten Tag sollst du ausruhen, von aller Arbeit — er sagte den hebräischen Tlxt aus der Schöpfungsgeschichte — hrt er da gewollt haben, daß ich am Schabbes mit alten Westen und Schnupftücheln sollt' hausiren gehen? Hält' er da nicht gleich gesagt: Schimme Prager, du kannst dir, wenn du willst, aus dem siebenten Tag der Woche auch den ersten machen, an dem Lag werden Peter und Pawel im Wirthshaus sitzen und werden da trinken und tanzen und juchezen, da kannst du auch hingehen und dich hinsetzen! Oder umgekehrt: hart er nicht gleich gesagt: Schimme Prager, ich weiß, du bist ein armer Mann und brauchst den Kreuzer Geld, ich will dir zweiundsünfzig Tage im Jahre zugeben, da kannst du mehr Geld verdienen. Ich sag' Euch Gast, will Gott, daß ich etwas soll lösen, so schickt er mir's in den fünf Lagen der Woche auch zu. Die zweiundfünfzig Tuge im Jahr sollen das ausmachen? Das kann ich nicht glauben!" (Fortsetzung folgt). Verlag von C. L. Fritz sch e. Druck von I. H. Nagel.

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