Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1849-11-03 · Heft 44 (3.11.1849) · p. Seite 194

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 44 (3.11.1849)
Date
1849-11-03
Page
Seite 194 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2360092-2360580-2360625--6929-3535344
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

194 die Männer berechneten, folgten die Greise kabbalistischen Deutungen. — Kossuth's Vater war Advokat, und wohnte in einem nördlichen Komitate Ungarns, wo die aus Polen herübergewanderten Juden angesiedett sind. Man findet die Sekte der Chassidim, und die langen Talare, Pelzkappen , Ningellocken und andere Äußerlichkeiten unterscheiden nicht blos die fremden von den einheimischen, sondern auch die bigotten von den etwas minder ortho-, doxen Juden. Gegen den weit und breit im Gerüche besonderer Frömmigkeit und Heiligkeit stehenden Rabbiner zu Aphely führte Kossuth's Vater einen ärgerlichen Prozeß. Der Grund desselben ist unbekannt; er dauerte aber, wie gewöhnlich in Ungarn hartnäckig betrieben, lange, und es starbm im Laufe dieser Zeit zwei Söhne des Advokaten und endlich er selbst. Die abergläubischen Juden sprengten nun aus, das sei der Fluch des Rabbiners, und selbst die Katholiken und Calviner bekamen einige Scheu vor der Macht des jüdischen Geistlichen, zu dem Kranke und Preßhafte aller Konfessionen strömten, um sich durch seine Wunderkraft heilen zu lassen. Der Rabbi genoß großes Ansehen, er war ein kluger und erfahrener Manu, und benutzte den Glauben seiner Stammgenossen und der unkultivirten Umgegend wie die Wundermänner anderer Religionen. Des Advokaten Frau fürchtete, daß auch ihr letzter, Knabe, Ludwig Kossuth, dem Fluche des Rabbi verfallen sei, und das Mutterherz trieb sie hin zu dem bärtigen Manne, um Vergebung zu bitten für die Unbill, welche ihr Mann ihm angethan. Der Rabbiner, dessen Ansehen und Einfluß durch einen solchen Vorfall gewinnen mußte, war leutselig und zuvorkommend, mit) der greise Priester brachte es durch dieses Benehmen dahin, daß die Calvinistin um seinen Segen bat für ihren Sohn» Der kluge Rabbi zögerte zu willfahren; er betrachtete den Knaben und unterhielt sich mit ihm. Geist und Lebhaftigkeit zeichnete schon damals das Kind aus , und mehr als dies mag vielleicht der Umstand aus den Rabbi gewirkt haben-, daß Ludwig nicht mit Hohn und Mißachtung auf die fremdartige Umgebung blickte und .noch nicht jene Scheu zeigte, die nahe an Abscheu grenzt. Wir wollen das Ausmalen dieser Seelenzustände eines klugen Rabbi, einer beängstigten Mutter und eines geistvollen Knaben, einer dichterischen Feder überlassen; die Thatfache ist, daß der Rabbiner seine Hände auf den Kopf des Kindes legte, und ihn segnete. Für ein so großes Ereigniß wurde dies in jener Gegend betrachtet, daß die Kossuth'fche Familie den vom Rabbi citirten Psalmenspruch sich notirte: Ps. 60, V. 6 Natata l’ejericha nes lehisnoses mipiie Ko sehet sela. Deutsch: Du verleihest deinen Frommen ein Panier, um damit zu glänzen ob der Wahrheit willen. Der Rabbiner wählte diesen Vers wegen des Wortes „Koschet“. Mm kennt diese Wortklaubereien und penpathetischen Spitzfindigkeiten der Talmndiften. Kosch-et heißt Wahrheit, aber die Anslegungsbeftissenen schoben den Sinn unter: Du verleihest deinen Auserlesenen ein Panier, um damit zu glänzen ob Kossuth's Willen (sprich Koschut). Diese philologische Unrichtigkeit that dem Segen und seiner Bedeutung bei den Israeliten keinen Abbruch. Der Aphetyer Rabbi hatte dem Knaben noch dazu eingeprägt, nicht feindlich zu sein gegen die armen Juden, und Ludwig Kossuth zeichnete sich sogar in der Schule durch Toleranz aus. Diese kleinen Züge und da er wirklich am Leben blieb , gaben den Worten des Rabbi noch mehr Gewicht. Als Ludwig Kossuth seine größere politische Wirksamkeit begann, äußerte er sich in liberalem Sinn über die Verhältnisse der Juden, und in der letzten Zeit suchten die frommen und gläubigen die bereits verschollene Anekdote wieder hervor, um au den Spruch eines ihrer Weisen die Hoffnung für die Zukunft zu knüpfen. Der ermähnte Psalm wurde in den Synagogen gebetet, und fand die spitzfindigsten Deutungen; schon das Finden des Wortes in der heiligen Schrift wurde als ein Zeichen Gottes angesehen. Kossuth aber, seiner Politik Mos opfernd, verschob die Anerkennung der Bürgerrechte der Juden immer auf spätere Berathungen, um nicht Antipathien rege zu machen, die seine Reihen entzweien konnten. Die Juden bluteten aus den ungarischen Schlachtfeldern, Kossuth benutzte sie zu vielen Diensten, und selbst einer seiner Geheimsekrctäre war ein Jude; aber die Emaucipation wurde erst in Szegedin, als schon die Russen auf den Fersen waren, im Prinzip anerkannt. Die österreichische Regierung erkannte die Nothwendigkeit, das gährende Element zu besänftigen. Stadion, der in Polen Gelegenheit hatte, die Rührigkeit und Zähigkeit der Juden kennen zu lernen, erkannte die fortdauernde Gefahr für Oesterreich, wenn diese an Geld und Geist reiche Menschenklasse wieder in's Ghetto zurückgedrängt wurde. In Wien wußte man, daß Pitlersdorf's Sturz und die Verwerfung seiner Verfassung großen Theils in der Nichtausfühmug des Prinzips konfessioneller Gleichstellung in allen bürgerlichen Rechten ihren Grund haben. Die Sturmpetition des 15. Mai 1848 hat gleiche. Ursache. Das Schwarzeuberg'- sche Kabinet entzog diese natürlichen Bundesgenossen der demokratischen Fraktion in Oesterreich; Kossuth aber geschah hierdurch kein Abbruch, da die ungarischen Inden trotzdem ans Vaterlandsliebe lei ihm ausharrten. Der Segen des Rabbi weihte ihn in den Augen der Orthodoxen ungeachtet der verzögerten Emaucipation.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.