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Der Orient · 1849-10-20 · Heft 42 (20.10.1849) · p. Seite 188

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 42 (20.10.1849)
Date
1849-10-20
Page
Seite 188 (sequence 7)
Language
German
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188 streichelte; da hätten sie hören sollen, wie man den Juden die süßesten Worte sagte, wie man sie nicht anders als ,,Brüder" nannte undvon einem Unterschiede an Rechten gar Nichts wissen wollte. — Doch nur zu bald hat die Zeit gelehrt, daß dies Alles nur trügerischer Schein gewesen. — Ich fan'n daher nicht umhin, schon wieder einmal^ mit Chamisso zu singen: Da 'hat er flink sich umgedrcht, Doch wie es stund, es annoch steht — Der Zopf, der hängt ihm hinten. . Da dreht er schnell sich anders 'rum, 's wird aber noch nicht bester drum — Der Zopf, der hängt ihm hinten. Ja, der Zopf, der hängt Euch hinten; erhängt euch auch vorn; er hängt euch überall; ihr könnt ihn nicht einmal verbergen. Und ihr wollt dies auch gar nicht. Besser so, Besser, ihr tretet mit Eurer Gesinnung gegen uns offen hervor, als daß ihr sie versteckt hinter überzuckerte Phrasen von Gleichheit, Brüderlichkeit und dergleichen Krimskrams; besser ihr gebet euch so, wie ihr wirklich seid, als daß ihr euch hüllet in den Mantel Loyola's, um uns zu täuschen. Sapienti sat. — NS. Aus Schneiden: ü h l erfahren wir, daß die Mitglieder der dasigcn ReformgenossenschaftEch vor Kurzem noch einmal, und zwar gerichtlich, von der alten Gemeinde losgesagt haben. Es ist also an eine friedliche Einigung gar nicht mehr zu dcnkm. — Die jüdischen jungen Damen von Schn., welche den Reformtempel besuchen, haben diesen zum Neujahrsfeste mit einem röthsammetnen, silber-betreßten Vorhang (rDDD) beschenkt, der wunderschön und höchst geschmackvoll gearbeitet sein soll. Die Idee hierzu soll durch den jungen M. Lehmann angeregt worden sein. — Auch ist in Schn, von jüd. jungen Leuten ein sog. Brüderverein gegründet worden , der sich die Unterstützung ,,würdiger Hilfsbedürftiger" zu seinem vorläufigen Zwecke gemacht hat.— W. Der Dorfgeher. Von Leopold Kompert. (Fortsetzung.) Zum Vetter Rebb Zaikew hatten sie nicht weit zu gehen; er wohnte im Synagogengäßchen. Emanuel sielen, die. Sabbate seiner Kindheit ein, an denen er gebangt und gezittert, wenn er die finstere Stiege zum Verhör beim Vetter Rebb A) Vergl. Orient Nr. 52 v. I. und Nr. 31 d. I. Vertag von C. L. Fritzsche. Iaikew hinaufsteigen mußte, und die finstere Gestalt dieses j Verwandten, der in seiner Familie ein an Anbetung 1 zendes Ansehen genoß, tauchte vor ihm auf. .Damals war der Vetter noch jung, dennoch fürchtete man sich ihn gerade anzusehen. Wie mußte dieses bleiche, von Furchen tiefer Er-! kenntniß gezeichnete Antlitz, wie mußten diese buschigen'Brauett über den grauen Augen erst jetzt erschrecken! DennochMnnerte er sich-der Seligkeit, wenn der Vetter mit ihm zufrieden, seinem Weibe zurief, ein Sabbatobst für Elije bereit zu halten, und er des Nachmittags kam, um esKbzuholen. „Fürchtest du dich, mein Benjamin?" fragte er deshalb den Knaben, als sie die Treppe Hinanstiegen. „Nicht ein Biffele," entgegnete das Kind; aber die zitternde Hand beschuldigte es der Lüge. Der Vetter saß gerade vor einem großen Buche, aus dem er „lernte" als sie eintraten; er hatte sich in der That während Emanuels Abwesenheit wenig verschönt. ,-Guten Schabbes, Vetter," grüßte schüchtern der Vetter. „Gegrüßt sei der Angekommene!" klang es dumpf zurück; der Vetter blickte vom Buche kaum aus. „Nu, iag's ihm," flüsterte der Vater Benjamin zu, „geh' hin und bitt' ihn." Ein Todesbangen lag auf dem holden Antlitz des Knaben; seine Seele war scheu in die tiefsten Werkstätten ihrer Thätigkeit geflüchtet, es war nur ein von Furcht beseelter Körper. „Ich möcht' mich verhören lassen, Vetter Rebb Iaikew," stotterte fast unvernehmbar der Knabe. „Verhören, aus was?" fragte der Vetter klanglos trocken. „Aus dem ersten Blatt Talmud," war die Antwort Benjamin's. Ein steinernes Lächeln glitt über die Züge des Vetters, aber es verschwand sogleich, als .wenn es zu lange dort geweilt hätte. „Narrcle," sprach er langsam, „dort im Winkel Hab' ich einen Kasten stehen, der ist voll mit Büchern. Kann ich wissen, von welchem du gelernt hast?" — „Das erste Blatt —" Benjamin erröthete — „Von BadaMezieh"' verbesserte er seinen Fehler. Ein neues Lächeln, noch kälter wie das frühere, warf ein flüchtiges Wetterleuchten über den Gelehrten. „Wie alt bist du?" frug er nach einer Pause. „Auf Neujahr werd' ich elf Jahr alt." „Und das erste Blatt Talmud?" Er that diesen Ausruf in so dumpfer, klangloser Weise, daß mau kaum unterschied, war er in Spott oder Verwunderung gemeint. Mit dem Finger deutete er, hierauf auf eine Stelle des Kastens, wo Benjamin den betreffenden Folianten finden sollte. (Fortsetzung folgt). Der Titel eines Abschnittes aus dem Talmud. Druck von I. H. Nagel.

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