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Der Orient · 1849-10-06 · Heft 40 (6.10.1849) · p. Seite 180

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 40 (6.10.1849)
Date
1849-10-06
Page
Seite 180 (sequence 7)
Language
German
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180 Knäuel der Bettler mit heiler Haut zu kommen? Zudem war auch heute Benjamkn"s Verhör; er mußte, doch wissen, ob sich der Knabe das „Grafenröckel" verdient hatte. ^rüh Morgens, am Sabbath, als EmanueL durch die schmutzigen Fensterscheiben seiner „Schlasstube" blickte, sah er seinen Vater in Begleitung Benjamin's zur Synagoge wandeln. Der Knabe ging hinten drein und trug unter einem Arme die Bibel, unter dem andern den weißen Lalar, in den man sich beim Gebete hüllt. Mit dem Auge eines Sohnes freute er sich, wie stattlich der Vater, so ganz anders, als gestern unter der Last seines Waarenpackes, sich heute ausnahm. Auch den beinahe dreißigjährigen Hochzeitsfrack, der jetzt der Sabbathfeier dienen mußte, erkannte er. Wehmüthiger machte ihn schon Benjamin's Anblick. Hier sah er seine zweite Zugend, den lebendigen Abglanz seiner Kindheit vor sich. So wie Benjamin, trug auch er einst dem Vater, wenn er ihn in die Synagoge begleitete, die Bibel nach, so wie Benjamin's Antlitz leuchtete auch das seinige in gerechtem Stolze, wenn er sich unter der Last des schweren Buches, das Jahrtausenden zur Stütze gedient, abmühen konnte. Und Jahre werden kommen und wieder vergehen, dachte er bei sich, da wird von dieser glaubensstarken, ehernen Burg nur ein Schutthaufen dich gemahnen, daß nicht einmal die Gedanken unsterblich sind, da wird dieser Knabe Benjamin « sein, was sein Bruder Emanuel geworden ist. Dafür behüte ihn aber Gott im Himmel! Fast um sich des aufsteigenden Gewitters seiner Seele zu entladen, trat er hinaus auf die Gasse und folgte schattengleich den Beiden bis zur Synagoge nach. — In der Synagoge nahm er den bescheidensten Platz draußen in der Vorhalle ein; er konnte von dort aus in das dichte Gedränge der betenden Versammlung und darunter Vater und Bruder erblicken. Sonderbar, wie sehr auch Emanuel's Seele und Gemüth jeder Erregung offen standen, wie gleichsam an jedem Gefühle die Erinnerung als Glöckner stand, um allen Glocken der Kindheit zu läuten, so, wir müssen es gestehen, machte der Sabbath- Gottesdienst doch keinen Eindruck auf ihn: seine Regellosigkeit, das ungebundene, in aller Freiheit ausschreiende Gebet der Anwesenden, traf seine Seele sogar verletzend — dennoch beschäftigte ihn ein Gedanke, den er bei der Rückkehr seiner Clara mittheilen wollte, und den wir um Emanuels Willen . hersetzen müssen: Willst Du wissen, Clara, gedachte er ihr zu sagen, warum die Juden im Leben gewöhnlich so selbstständig auftreten? Nicht angeborener Spekulationsgeist ist es, nicht höhere Begabung, nicht unrer äußerem Drucke elastisch gewordene Intelligenz. Tritt einmal in eine Synagoge, verlache da mit Recht nach der Sitte der Deinigen dieses athemlose, unmelodiöse, Geplärre, dieses pagodenhaste Bücken und Beugen, und Du hast den Schlüssel zu meinem Räthsel gefunden. Es wird Dir vor Allem die Selbstständigkeit in den Gefühlsäußerungen Verlag von C. L. Fritz sch e. der Beter auffallen, ein Jeder schreit, ein Jeder bewegt sich, ein Jeder drängt sich gleichsam wie in einem Audienzsaal vor Gott, um'gehört zu werden. Wie Ihr Heilige habt, dir gleichsam als Vermittler in der Mitte der Leitern stehen, die Ihr an den Himmel anlegt, während Ihr unten in jammervoller Demuth hinanseht, wie sie Eure Opsergaben hintragen, so hat der Jude die Unmittelbarkeit seines Gebetes vorauf Wer aber schon zu seinem Gott in so offenem Vertzältniffe steht, sollte der vor Menschen Scheu haben? Ihr habt zu viel Andere, die für Euch beten, handeln und bitten. Dieses und noch manches Andere, was Clara nicht sobald von einem Andern und noch viel weniger in einem Buche hören konnte, gedachte er ihr bei seiner Rückkehr mitzütheilen. Einstweilen mußte er es aber dulden, daß er von jedem der zur Synagoge Hinausgehenden mit dem traulichen „Salem Alechem" und dem brüderlichen Händedruck begrüßt wurde, er, der verlassene, aufSabbathkost genommene Bettler. Selbst den reichen Joseph Brandeis, zu dessen Schätzen er als Kind schwindelnd hinangeblickt, sah er auf sich zukommen. Sein Vater und Benjamin kamen vorüber, Letzterer mit von Furcht und banger Erwartung angegriffenen Zügen des holden Antlitzes. Athemlos ries sogleich der Knabe, indem er die Hand nach ihm ausstreckte: „Kommt mit zum Verhör, Ihr müßt dabei sein." . „Darf ich?" fragte Emanuel mit einem Blick auf seinen Vater. „Benjamin möcht' sich gern die ganze Gemeinde zusammenrufen," entgegnete der, beinahe Besorgniß über den Erfolg seines Kindes in der Stimme kundgebend, „weiß ich aber, ob er was können wird? Ein Blatt Talmud ist kein Spaß, Benjamin, und vier Augen sind genug, wenn man Schand' soll rrlebm." ,.Kommt nur," bat Benjamin. (Fortsetzung sorgt). Personalchronik und Miscellen. Schweiz. In Zürich wurde ein israelitischer Graf, Flüchtling, wegen meuchlerischen Dolchgebrauchs verhaftet. - Der Bundesrath hat aus die Intervention des kleinen RathS von Aargau die Regierung von Luzern angewiesen, nach Maßgabe der Bundesverfassung den aargauischen Israeliten den Besuch der Messen und Märkte im Kanton Luzern unbeschränkt zu gestatten. * * * Pr eßburg. Man will wissen, daß der Kaiser den israelitischen Gemeinden von Ofen und Pesth die denselben auferlegte Kriegskontribution erlassen habe. Druck von I.H. Nagel.

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