Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1849)
- Date
- 1849-09-22
- Page
- Seite 172 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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172 Der Dorfgcher. Von Leopold K o m p e r t. (Fortsetzung.) Mit derselben Gemüthsstärke, die ibn bewogen hatte, dem Gaste seinen Theil abzutreten, sah nun Benjamin, wie er denselben verzehrte! Es gewährte einen eigenthümlichen Anblick, wie der schöne Knabe mit auf den Tisch gedrückten Händen, das Antlitz leuchtend von der Freudigkeit seines Entschlusses, oder von keimender Reue, bald auf die Schüssel, von der Stück für Stück seines Eigenthums verschwand, bald auf den Verzehrer selbst blickte. Hatte Emanuel der Regung seiner Gefühle folgen dürfen, er hätte das Kind zwischen seine Arme genommen und es so lange geküßt und geherzt, bis er müde geworden. So begnügte er sich, flammende Röthe auf den Wangen, die Fische Bcnjamin's stillschweigend aufzunehmen. ' Die Mahlzeit war vorüber', man betete und Emanuel gestand es sich schamvoll, daß er des Tischsegens nicht mehr ganz mächtig war. Nach dem Gebete brachte Benjamin wieder sein Gesangbuch herbei, und er und der Väter begannen wieder die üblichen Sabbatgesa'nge z aber es dauerte nicht lange, so wurde die Stimme des Letzteren immer schwächer und schläfriger, und Benjamin hatte noch einen tüchtigen Weg vor sich ehe er zum Ende gelangte, als ein lautes Schnarchen desin den Stuhl zurückgesunkenen Dorfgehers verrieth, daß er den Gott seiner Väter nicht mehr zu lobpreisen brauchte. Auch Rösele war schlaftrunken in die andere Stube gewankt. Der singende Benjamin, die Mutter und Emanuel waren allein. Emanuel fühlte das Gefährliche seiner Lage; er wollte sie durch einen raschen Entschluß abkürzen. Ohne aufzublicken stand er auf, sagte leise gute Nacht und ging mit schnellen Schritt erlauf die Thüre zu. .„Gast, Gast!" rief ihm die Mutter nach, „was geht Ihr jchon? Bleibt doch noch ein Bissele, ich Hab' ja mir Euch noch gar nichts gered't." Emanuel wandte sich um. „Was wollen Sie?" fragte er beinahe unhörbar. . „Sagt mir, Gast," begann die Mutter, „wie kommt Ihr denn eigentlich in die weite Welt? Ihr seht gar nicht darnach aus, als wärt Ihr ein geborner —" „Bettler — wollen Sie sagen? Das bin ich auch nicht." „Warum also doch? Ich geb' Euch gern zu essen, so soll mir Gott in meiner letzten Stund' beisteh'n, aber Eure Mutter, ich will drauf wetten, wird das ungern seh'n, wenn Ihr Euch keine Kondition schafft. Lebt sie noch?" „Ja, bis zu hundert Jahren." „Und?" „Was?" „Warum seid Ihr nicht bei ihr geblieben?" „Es ist mir zu eng' geworden daheim.". . „Merkwürdig, merkwürdig! So kann man jedwedes 8ün-1 gel reden hören, wenn es will fort in die weite Welt. Es will keines zu Haus bleiben, und wo kommt das her? Weil der Mensch nie genug hat, und als möcht' Einer mir der Peitsch' hinter ihm stehen, und jagt ihn und treibt ihn, geht er immer besserem Futter nach. Wenn ihm seine Mutter die Kiffen vom Bett zurecht macht, daß er leicht liegen soll in der Nacht, so will er lieber, eine Fremde soll ihm Steine unter den Kopf legen. Der Mensch kommt mir vor wie jenes Kind, was sich von seinem Vater niemals hat wollen segnen lassen! erst wie das Kind war gestorben, hat es müssen bitterlich, einsehen, daß doch etwas gelegen ist an. eines Vaters Segen. Es hat müssen alle Freitag Abend aus dem kalten Grab herausgehen und seinen Kopf legen unter seines Vadcrs Händ'z es hat keine Ruh' gehabt. Und das paßt Euch auf jedwedes Jüngel; es kommt immer auf Vater und Mutter Zurück, und oft, wenn es schon zu spät ist. Ich sag' Euch, .Gast, ein Iüngel, was die Segnungen von seinen Eltern nicht braucht, weil es weit weg ist von ihnen, dem Junget kann's nicht ganz gut gehen, Ihr selbst werdet auf meine Red' schon zurückkommen. Eine Mutter, die soll sich deßwegen immer Töchter wünschen, die bleiben ihr treu, die kann sie zu Haus behatten, aber ein Jüngel, das ist wie eine Schwalb', fliegt fort, wie es nur die ersten Feder« hat." „Sie wünschten also Ihren Elije nicht geboren zu haben?" fragte Emanuel leise. Sein Herz schlug lauter als der Klang seiner Stimme. „Schmäh Israel," rief die Mutter entsetzt, ,,hab' ich so etwas gesagt? Ich kann mir ja gar nicht vorstellen, was ich war' ohne meinen Elije in der Welt; gerade meinen Elije mujr ich geboren Haben. Und glaubt nur nicht, Gast, eine Mutter hat gar keine Freud' an ihrem Kind, wenn es auch weit fort ist von ihr! Gott der Allmächtige hat das schon ganz gut eingerichl! Wenn so äm Mutter fast verzweifelt ist und traurig, und gar nicht weiß, wie es ihrem Kmd auf der weiten Wett geht, da bleibt ihr noch etwas übrig. Ich nehm' mir dann mein großes Gebetbuch her und sag' daraus meine Paar Capitet Psalmen, und da glaubt Ihr nicht, Gast, wie mir da immer wird. .Ich seh" dann meinen Elije gesund, schön und frisch vor mir stehen, das Glück fließt nur von ihm; er lacht^mich an, er lacht mich aus, wie ich nur so besorgt sein kann wegen ihm. Schmäh Israel, ruf ich dann, soll ich wissen, daß es Dir so gut geht? Aber jetzt glaubt Ihr doch, Gast, daß ich auch Freuden Hab' an meinem Elije?" „Mutter, treffliche Mutter," murmelte Emanuel. „Was meint Ihr, Gast?" fragte Channe aufhorchend. „Ich meinte nur," entgegnere Emanuel, „was ich darum gebe , wenn mich meine Mutter nur Einmal wieder segnen wollte!" (Fortsetzung folgt). Druck von I. H. Nagel. Verlag von C. L. Fritzsche.