Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1849)
- Date
- 1849-09-22
- Page
- Seite 169 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berichte, St«bien «tifc Kritiken Zehnter Das Abonnement auf ein Jahr ist 5 Lhlr. Man abonnier bei ollen löbl. Postämtern und allen solid. Buchhand- Lungen aus ein Jahr. für jüdische Geschichte und Literatur. Herausgegeben von Dr. Julius Fürst. Jahrgang. Von dieser Zeitschrift erscheinen wöchentlich das Litcraturdlatt mitgerechnet, zwei Bogen, und zwar an jedem Sonnabend regelmäßig. $ 38. Leipzig, den 22. September 1843. Inhalt. Klagen eines jüdischen Predigers. Von Ad. Jellinek. — Deütschland 's vereinigte Staaten. Leipzig. Eine neue Religion. Die Judenverfolgung durch Haynau. — Der Dorfgeher. Eure Ghetto-Novelle von Leop. Kornpert. (Forts.) — LB. d. Or. Klagen eines jüdischen Predigers. , I. Ob ein jüdischer Prediger Stoff zu Klagen habe? — Wer wollte daran zweifeln! Man betrachte nur die Zerrissenheit der Gemeinden, die Parteizerklüftungen im religiösen Leben, und man wird sich nicht wundern, wenn die jüdischen Prediger den klagenden Jeremia zu ihrem Vorbilde wählend Es sind aber rein theoretische Klagen , die ich vor das Tribunal der Oeffentlichkeit bringe. Vor Allem klage ich über den Mangel einer Darstellung des jüdischen Lehrbegriffes. Man rechnet es gewöhnlich als Vorzug, daß die Juden keine eigentliche Dogmatik besitzen. Ich verkenne nicht die Vortheile, die aus der Freiheit in der subjektiven Behandlung der Glaubenslehren erwachsen sind; ich weiß, daß eine jüdische regula fidei Spaltungen in der Synagoge hervorgerufen und die feste Burg des Zusammenhanges untergraben hatte. Allein auch viele Uebelstände sind die Folgen der dogmatischen Anarchie. Auf rituellem Gebiete hat man normative Codices ausgearbeiret; die Systematik erleichterte das Studium und eiferte viele Erklärer zur feinsten Niiancirung und Detaillirung des Stoffes au. Auf diese Weise ist das Gebäude des Rituellen vom Grunde bis zum Dache aufgeführt worden. Das. im Talmud zerstreute Material wurde mir mehr oder weniger Geschick zusammengetragen, und so entstand ein vollständiger Bau. Das dogmatische Element wurde vernachlässigt und der Willkür der Subjektivität anheimgegeben. Wahrhaft betrübend ist die Erscheinung aus früherer Zeit, daß man bei der Prüfung eines Radlbinen nur darauf sah, ob er im Stande sei rituelle Fragen zu beantworten, während der Nerv jeder Religion, der Lehrbegriff, mit strafwürdiger Nonchalance gar nicht erwähnt wurde. Die Folge davon war, daß der jüdische Lehrinhalt in seiner Entwickelung hinter dem philosophischen Gestalten des christlichen zurückblieb. Während das Rituelle mit einer Virtuosität behandelt wurde, trat in der philosophischen Entwickelung der Lehre eine Stockung ein. Das Mißlichste aber ist, daß wir keine allgemein anerkannte jüdische Dogmatik besitzen. Wir haben Erörterungen von Saadja, Jehuda ha- Lewi, Malmuni, Aldo, Abravanel, Friedenthal, Steinheim, Formstecher, Francolm, Hirsch u. s. w.r wessen Ansichten sind aber allgemein anerkannt? Wer von diesen kann als Unterlage oder als Leitfaden dienen? Und sind denn alle Partieen der Dogmatik ausführlich und systematisch behandelt? Unsere Zeit verlangt gebieterisch eine tiefe philosophische Begründung des Dogma'S, eine Läuterung und Umprägung des rohen Glaubensstoffes für den Theologen. Ja, haben wir doch, außer den gewöhnlichen Schulbüchern, nicht einmal eine von einem Israeliten ausgearbeirete biblische Theologie. Diese-Erscheinung läßt sich wohl erklären. Unsere Gelehrten dünken sich zu vornehm, um Handbücher zu schreiben; jeder von ihnen möchte neue, große Entdeckungen machen und seinen Namen in Erz und Stein eingraben. Auch der Mangel an gegenseitiger Anerkennung bekanntlich glaubt jeder jüdische Gelehrte in Deutschland, er ,ei der Pontifex Maximus der jüdischen Gelehrtmrepublik — hindert eine organische Fortbildung der Literatur und somit die Ausarbeitung von Handbüchern. Ad. Jellinek. 38