Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1849)
- Date
- 1849-08-11
- Page
- Seite 148 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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148 Channc, „meinst Du, ich weiß nicht wo Gott wohnt? . . . Aber ich will nur das sagen, daß man eigentlich von seinen Kindern nichts hat. Hat man Tochter, so machen sie einem die Haar' grau vor Zeit, bis man sie ausgibt, verheiratet; und ein Iüngel? das zieht Dir fort von daheim, es hat kein' Later, es hat kein' Mutter mehr. Was haben wir z. B. von unser' Elije? Weißt Du gar wo er jetzt ist?" „Jetzt kommt sie mir gar mit dem," ries Rebb Schimme, mit der Hand abwehrend, als wollte er nicht nur die Worte seines Weibes, sondern die ganze Wucht ausfteigender Gci danken, die ihm wehe thatcn, zurückdrängcn. „Ich bitte Dich, Channc, verstör' mir den Schabbes nicht!" ' In demselben Momente hatte Benjamin's Gesang mit " König Salomo'S verherrlichendem Lob des Weibes* sein Ende erreicht. Als ein wahrhaft guter Sänger hatte er die schönsten Triller bis -zuletzt aufgespart, und wie die auf und ob hupfenden Funken^ eines verglimmenden Papiers sprangen, fischten und wirbelten die letzten Töne des Liedes auf. Dieser Gegensatz zwischen thränenvollem Herzleid und alles verzehrender Freudigkeit eines kindlichen Gemüthes,. .ging,. Emanuel schneidend durch die Seele. Benjamin hatt^./däsWebetbuch geschloffen und auf die abgesungene Blattseite seine Lippen gedrückt; drauf sah er mit seinen klaren Augen in der Stube um, gleichsam fragend, ob nach einem solchen Gesänge Jemand noch betrübt sein könne? Wirklich war auch Rösele's Weinen verstummt. Sie hatte sich erhoben- und Emanuel konnte in das bleiche Antlitz einer verschollenen Schönheit, äus die vcr-' störten Züge einer alten Jungfrau sehen. Das Rösele seiner Kindheit erkannte er nicht. „Soll ich zu Tisch' decken?" fragte sie so ruhig als hätte sie nie ein' Leid gekannt. „Warum fragst Duln meinte sich böse, stellend Rebb Schimme, aber er fügte sogleich hinzu: „Hab ich Dich heut' schon gesegnet, Rösele?-'Mir scheint, ich Hab' noch nicht." ' . Ohne Antwort beugte Rösele ihr' Hauptgrund segnend kamen des Vaters Hände darauf zu liegen. Emanuel sah nur .wie seine Lippen sich bewegten, den Segen hörte er nicht. „Deine Mutter ist mit mir auch sechs Jahr' gegangen, - bis wir haben können Hochzeit machen," sagte er dann wie zum Trost, „wenn mir Gott wird helfen, so .kriegst Du. noch heuer Deinen Schmul. Willst Du mehr?" Was Emanuel tief betrübte, war, daß er erkannte, wie die soeben erlebte Scene seiner Familie nichts Neues sein mochte; die beinahe maschinenmäßige Fassung seiner Schwester erschien ihm alsdie Folge schon vieler vorhergegangenen Leides, und sein Vater hatte sie wahrscheinlich schon öfters wegen gewaltsamer Störung anklagen müssen. Bei Tische kam Emanuel. neben sein Brüderchen Benjamin zu sitzen. Kaum war die Waschupg und der Segens- ') Spr. Salon» Eap. Verlag von C. L. Fritzsche. sprach über die weißen Brote vorüber, als sich des Vaters schon wieder die ursprüngliche Heiterkeit seines Wesens bemächtigt hatte. - „Channe Leben," rief er lustig zwilchen dem Essen, „willst Du, daß ich Dir thu' von meiner schönen Bäuerin erzählen?" „Ich Hab' andere Gedanken im Kopf," entgegnete sie drauf verdrießlich. „Wo ist jetzt unser Elije? Von dem red' mir lieber." „Trag' ich ihn bei mir im Sack?" rief lachend der Dorfgeher, „daß ich soll wissen von ihm?" „Gott, Gott!" schrie da in plötzlicher Aufwallung nicht zurückdrängbarcr Gefühle die Mutter, „mein halb' Leben gcb' ich drum, könnt ich jetzt meinen Elije wieder sehen, nur auf Ein e Minute, nur was man sich sagen kann: „Warum kommst Du nicht, mein Sohn? was läßt Du Deine Mutter so lang' auf Dich warten?" Es war eines jener eigcnthümlichen Seelenrä'thsel, daß diese Mutter den ganzen Abend an ihren Sohn denken mußte. Eine gewisse Aehnlichkeit mit Emanuel,. eine nur dem Mutterauge erkennbare Gebcrde konnte das nicht bewirkt baden; denn Emanuel war als ein' dreizehnjähriger Knabe aus dem Valerhause fortgezogen, als Mann war er wieder zurückgekehrt. War es überhaupt die Erscheinung des fremden „Gastes?" Wie wir aber für dieses Räthsel keinen Schlüssel finden, so fehlen uns auch die Worte, um die Qualen des dasitzenden Sohnes zu zeichnen. In dieser Lage, wie wir sie jed?m Herzen unerlebt wünschen, that Emanuel wohl das Beste, daß er sich mit seinem Brüderchen Benjamin beschäftigte. Glühendheiß jagte das Blut durch seine Adern! Das war aber auch ein lieber, freundlicher Bruder, dieser Benjamin, wie man ihn weit und breit nicht finden konnte! Als die Fische auf den Tisch kamen, bestand er fest darauf, dem Gaste seinen Tbeil adzutretcn., Umsonst that Emanuel lauten Einspruch dagegen. „Was wirst denn aber Du essen!'/ rief die Mutter, die in seinen Entschluß einzugehen schien. - „Ich," meinte Benjamin mit leuchtendem Antlitze, „ich werde nichts essen." „Aber sind nicht Fisch' Dein Lieblingsessen," versuchte dagegen Rösele. „So geh' ich vom Tisch' weg," sprach der Knabe und stand schon auf. „Was sagst Du zu dem Iüngel," wandte 'sich die Mutter selig lächelnd, halbleise zu Rebb Schimme, „soll ihn nicht Gott gesund uud stark erhalten? — Der ganze Elije, der ist als Kind auch so gut gewesen." (Fortsetzung folgt). Druck von I. H. Nagel.