Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1849-07-28 · Heft 30 (28.7.1849) · p. Seite 140

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 30 (28.7.1849)
Date
1849-07-28
Page
Seite 140 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2360092-2360580-2360611--6861-3535150
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

140 Ins Ghetto zieht der Sabbat ein, die Feder länger za halten, fängt an, Sünde zu werden. Ich schließe. Auf baldiges Wiedersehen, Lheure Clara! Aus der Synagoge trat Emanuel in die hellerleuchtele Sabbatftube seiner Ettern. Er fand seinen Vater soeben den Friedensgesang, „Salem Alechem, Alechem Salem" mit seiner uralten Melodie anstimmend. Rebb Schimme wandelte dabei in der Stube auf und ab, während Benjamin das Gebetbüchlein offen vor sich auf dem Tische liegen hatte. Hell und freundlich klang die'feine Stimme des Knaben wie ein silbernes Glöckchen durch den tiefen Baß des Vaters, der aber auch nicht dem Ohre unangenehm scholl. Oft hatte Benjamin Solo zu singen, der Vater schwieg, und wie Lerchenwirbel stiegen dann die hellen Klänge des Knaben auf. Zuweilen verbesserte der Vater auch den Gesang, wenn Benjamin zufällig rin Wort „überschluppert" hatte, und um so triumphirender und herrlicher erhob er sich dann von den Zippen des Kindes. Das dauerte wohl eine Viertelstunde, während welcher Emanuel schüchtern, wie es einem „Gaste" ziemt, in einem Winkel Stube, aber wundersam bewegt, dem Zweigesang von Vater und Bruder lauschte! .Zwischendurch war es ihm aber, als hörte er in der Stube Jemanden aus innerstem Herzensgründe schluchzen, und als er um sich sah, erblickte er im Schatten des Ofens, da wo einst sein Bett gestanden, in dem er die ersten Träume gehabt — in die Kiffen desselben Bettes den Kopf gepreßt erblickte er eine weibliche Gestalt. Das mußte seine Schwester Röfele sein! So sang sie also nicht mehr das schöne Sabbatlied, dem jetzt Benjamin den ganzen Zauber seiner Stimme lieh? So war der Friede aus ihrer Brust gewichen, und sie nicht mehr so herzfreudig und lustig wie in frühern, fernen Zeiten? Es war gerade jener Augenblick eingetreten, wo Nebb Schimme seinen Gesang unterbrach, um das Silberglöckchen Benjamin's allein fortläuten zu lassen; da mochte ihm auch das unterdrückte Weinen des Mädchens auffallen, er blieb mit auf dem Nucken verschränkten Händen vor der Mutter stehen, die gedankenvoll sinnend in das Licht der Lampe starrte. „Was ist denn der schon wieder?" fragte er sie mit einem fast zornigen Achselzucken nach Rösele hindeutend, „was verstört sie mir meinen Schabbes?" „Weiß ich?" entgegnete Charme mit stummem, lebhaftem Geberdenspitt, wie es nur dem Ghetto eigen ist, „weiß ich, was ihr fehlt? bang wird ihr sein!" — „So setz' Dich auf den Lisch wenn Dir bang ist," rief Rebb Schimme nach Rösele hin, „mir aber stör' nicht meinen heiligen Schabbes." Aber das Mädchen gab diesen Worten kein Gehör. Das Schluchzen verstärkte sich und selbst der jubilirende Gesang Benjamin's, an den sich jetzt wieder der grollende Baß des Vaters angeschloffen, vermochte über das immer heftiger hervorquellende Herzteid Rösele's feine Decke zu werfen. Jetzt erst, wo es sich wie ein verborgen rauschender Quell des Steines, der ihn drückte, befreit fühlte und sich besprochen hörte, gab es sich erst recht als das, was es eigentlich war, zu erkennen. Es wurde lautes Weinen. Wieder blieb Robb Schimme vor Channe stehen, aber viel sanfter und leiser in Stimme und Geberde fragte er sie: „Warum? was fehle ihr wieder? Schreit das nicht zu Gotl auf, wenn man mir armen geplagten Mann den Tag in der Woch', wo ich mich mit Weib und Kind will erfreuen, so verstört? Hab' ich so viel Freuden von mein Dorfgehen, daß sie mich nicht einmal heul' in Ruh' laßt?" „Red' mit ihr Weisheit aus," meinte Cvanne kummervoll, „wenn Du kannst. Hast Du achthundert Gulden im Sack? Kannst Du ihr Hochzeit machen? Hernach wirst Du sie schon ganz anders sehen, jetzt laß' sie weinen, und n Madel muß schon darum weinen, daß sie ist geboren worden." (Fortsetzung folgt.) Personalchronik und Miscellen. Preß bürg. In dem Proteste, welchen der ungarische Reichstag gegen die Invasion der moskowitischen Horden publicirt und in dem Aufrufe, den Kossuth im Namen des ungarischen Volkes an alle Nationalitäten in Ungarn gerichtet, erinnert er die Israeliten daran, daß sie nie etwas von den Russen zu erwarten hätten, die stets nur brutal und niederträchtig gegen ihre Glaubensgenossen gewesen. Sie haben auch in der That Ursache es mit den Magyaren gegen die Russen zu halten, und es zweifelt wohl selten einer daran, daß die Israeliten einen tiefen Haß gegen die Russen hegen. Pesth. Die englischen Blätter geben eine herrliche und gründliche Schilderung von dem wunderbaren Kampfe der Magyaren gegen die zwei größten Kontinentalmächte Europa's und bei dieser Gelegenheit wird der Israeliten Ungarn's gedacht, welche dem Freiheilskampfe der Magyaren unendliche Dienste geleistet, und zwar thcils unmittelbar durch wirkliche Mitbctheiligung am Kampfe, tbeils mittelbar durm Herbeischaffung der Kampfeömi'ttell Dieselben Blätter weisen I auch nach, welchen Feind Rußland an den Juden Polens haben würde, im Falle ein polnischer Aufstand sich organisirt, da schon in dem Aufstand von 1830 die Juden den Polen große Dienste geleistet und sogar eine Rabbiner-Versammlung es ausgesprochen, daß die Juden eine polnische Revolution zu unterstützen haben. ' Vertag von C. L. Fr in sch e. Druck von I. H. Nagel.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.