Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1849)
- Date
- 1849-06-09
- Page
- Seite 112 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2360092-2360580-2360604--6823-3535052- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ben; zweitens, daß wenn man die Landesverhältnisse und die Bildungsstufe der hiesigen christlichen Bevölkerung berücksichtiget, man durchaus nicht die Juden im Altgemeinen aller Bildung entblößt heißen könne. Man findet schon ziemlich viele Inden, die Lesen und Schreiben können, und wenn ein Russe dies von ordinären Russen aussagen kann, so glaubt er viel damit bezeichnet zu haben. Noch mehr, man hat täglich Gelegenheit wahrznnchmen, daß das Bedürfniß geistiger Beschäftigung unter den polnischen Juden ziemlich verbreitet, ja sehr oft bis zur wahren Leidenschaftlichkeit gesteigert sei, und ich glaube nicht zweifeln zu dürfen, daß die Mehrzahl der DUID1? viel weniger OW ütttbals aus wahrer Geistesschwclgerei ausschließlich ihren Studien leben; drittens, daß die kahle Rechtglänbigkeit und trockene Werkheiligkeit. durchaus nicht hier zu Laude ganz zu Hause seien. Religiöser Eifer, tiefere Gefühtsbedürfnisse offenbaren sich mehrfach. Auf diese drei Bemerkungen gestutzt, erlaube ich mir die Meinung zu äußern, daß Maßregeln, die in Deutschland vielleicht von großem Nutzen wären, hier zu Lande nur ihren Zweck verfehlen dürften. So unterliegt es wohl keinem Zweifel, daß die allgemeine Errichtung von Schulen nur heilsam sein könne, jedoch müsse man sich zum Ziele setzen, in ihnen die Nation groß zu ziehen nicht zu schulen. Verschaffet mau einem polnischen Juden btoö die Kenntniß des Lesens und Schreibens der Landessprache, so verwandelt man ihn hierdurch sehr oft in eines der verächtlichsten Geschöpfe, er wird nur zum Jabitnik (Prozeßmacher) gestempelt. Und sollten auch hie und da einige höhere Talente uud kräftige Geister hervortrcten, so ist dies wohl für das Allgemeine nur von einer sehr geringen Bedeutung. Eine Umformung des Charakters, der ganzen Gefühlsimb Denkweise, die thnt hier zu Lande Roth. Dürfen wir uns aber der Hoffnung hingeben, dies Alles durch Schulen auf gew'öhliche Weise eingerichtet zu erzielen, durch Schulen, wo der Lehrer jeder begeisternden Idee fremd, für ein paar hundert Silberrnbel jährlich, den; Knaben Etementargegenstände vorbrummt. Nein, auf dieserWeise rücken wir gewiß nicht vor. Die Geschichte einer nicht sehr lange verstrichenen Zeit ist wohl am geeignetesten, uns über die Unwirksamkeit solcher Mittel Aufschlüsse zu geben. Ich meine die erfolglosen Bestrebungen des wohlmeinenden Kaisers Joseph in Betreff der Schulen in Galizien, von denen Sie gewiß genaue geschichtliche Kenntnisse besitzen. Aber auch nur durch ein tieferes Eindringen in die Ergebnisse der Geschichte einer andern Epoche — wo man freilich das mulare mulanda in der weitesten Ausdehnung nicht zu vergessen hat — glaube ich sei am besten der Weg aufzufinden, den man hier zu verfolgen habe. Ich meine die Geschichte der Reformation, der ein jüdischer Denker der Gegenwart eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen hat. Nachdem die römisch-katholische Kirche höchst entartet untz tief gesunken war, daß Bedürfniß einer Reformation überall fühlbar wurde, sich dasselbe bald zum Enthusiasmus ja bis zur Begeisterung steigerte, und nach affen Richtungen blitzesschnell sich ausbreitete, da konnten wohl diesem Eifer weder Feuer noch Schwert Einhalt thnn. Eins half jedoch, dies war der entgegengesetzte aufrichtig,! wahre Eifer, und ein schwacher spanischer Officier brachte durch seine stannenerregende Schöpfung die. Umwandlung der Gefühls- und Denkweise fast einer ganzen Welt zu! Stande. Hier in Rußland haben wir nicht mit Im differentismns, sondern vielmehr mit einem irregeleiteten Eifer zu kämpfen. Suchen wir also eben den Eifa auch uns dienstbar zu machen. Man errichte vor allem Pflanzschulen für künftige Volkserziehcr, in denen junge. Leute Aufnahme zu finden haben, die Geist, Herz imb Selbstaufopferung besitzen, sich der allgemeinen Sache bloö um der Sache selbst willen zu weihen. Man verspreche ihnen ja keine Ehrensteffen, bestimure ihren Gehalt nicht hoch. Der Erfolg allein habe ihre größte Belohnung zu sein. Auf dieser Weise wird jeder Ehrgeiz fern bleiben, eigennützige Rücksichten abgehalteu werden und nur der reine echte Eifer hcrvortreteu. Zweisten Sie nicht, daß gerade hier zu Lande eine Menge solcher junger Leute aufznstndcn sein wird, denen eö leider nur an den nöthigeu Kenntnissen fehlt, die man ihnen eben beizubringen habe. Das obenerwähnte Bedürfniß geistiger Beschäftigung habe inan nicht weniger zu bemttzen zu suchen. Man bestrebe sich in die Lehrer und durch sie in die Masse der Nation tiefere gründliche Kenntnisse zu verpflanzen. Nichts ist dem' Juden so schädlich als eine halbe Bildung, aber nichts edleres gibt es als einen echt gebildeten Juden. — Der berührte eigentliche Mangel an trockener Werkheiligkeit und das Bedürfniß selbstständiger Gefühle geben vor Äffern Anlaß zur Entstehung der verschiedenartigsten Parteiungen und Sekten, und führen leider so viele junge Leute dem ChassidäiSmus zu. In der erwähnten Pflanzfchnle denke ich wird solchen jungen Leuten eine andere Zufluchtsstätte bereitet werden. Mögen meine kurzer; Andeutungen bei der Regierung geneigtes Gehör sich verschaffen, um dadurch die Sache unserer Glaubensbrüder gefördert zu haben. — Se Majestät der Kaiser haben den Kvllegien- Assessor Dr. med. P assower zum Direktor der von ihm im Sophieu-Garteu zu Uman gegründeten Hydropatische Anstalt ernannt. — Der Hofrath und Dr. med. B. Abramson wurde von dem .hiesigen englischen Ctubb als Mitglied ausgenommen. Er ist der einzige Jude, der bis jetzt in dieser adlichm Reunion Aufnahme fand. Verlag von C. L. Fritz sch e. Druck von I. H. Nagel.