Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1849)
- Date
- 1849-06-02
- Page
- Seite 105 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berichte, Studien und Kritiken Zehnter Das Abonnement auf ein Jahr ist 5 Thlr. Man abonnirtbei allen löbl. Postämtern und allen solid. Buchbandlungen auf ein Jahr. für jüdische Geschichte und Literatur. Herausgegeben von Dr. Julius Fürst. Jahrgang. Von dieser Zeitschrift erscheinen wöchentlich dasLitcraturblatt mitgerechnet, zwei Boaen, und. zwar . an jedem Sonnabend regelmäßig. MTS. Leipzig, den 2. Juni 1§49. Inhalt. Deutschland's vereinigte Staaten. Hamburg. Nekrolog. Aus Mähren. Excesse. Wien. Dr. Goldenlhal. Berlin. Gemeinde-Ordnung. . Karlsruhe. Die provisorische Regierung über die Juden. Eisenach. Landrabb. Heß.— Großbritannien. London. Verhandlungen im Unterhause über die Eid-Bill. — In Spanien. Gedicht. — LB. d. Or. Deutschland's vereinigte Staaten. Hamburg, 3. Mai. " (Nekrolog Sr. Hochehrw. des Hrn. Isaak Bernays, geistlichen Beamten der israelitischen Gemeinde in Hamburg.) — Hamburgs israel. Gemeinde hat den Verlust eines Mannes zu beklagen, der eine merkwürdige Erscheinung in Juda war. Ein Schlagfluß raffte plötzlich diesen Rabbiner in seinem 54. Jahre hinweg. Wir müssen ihn, so weit es hier der beschränkte Raum erlaubt, in dreifacher Hinsicht auffassen. Als Menschen, als Gelehrten und als Beamten. Als Mensch war er mit allen echt religiösen und moralischen Tugenden geziert. Zärtlicher Familienvater'/ liebevoller Lehrer, frei von Hochmuth und Stolz, Ehrgeiz und Habsucht, den Bedrängten nicht allein von seinem Vermögen mittheilend, sondern ganz hingebend genoß er die Achtung von ganz Hamburg. Ihn als Gelehrten würdig zu schildern, bedarf cs einer gewandteren Feder. Mit einem mächtigen durchdringenden Scharfblick verstand er Alles aufzufassen, und das Aufgefaßte durch ein wunderbares Gedächtniß festzuhaltcn. Er war alle Fächer der Theologie, Philologie und Philosophie durchgegangen, und erlangte schon als Jüngling einen großen Ruf in denselben. Auch war er der Erste in der Neuzeit, der dem Talmud-Studium wiederum die wissenschastliche Richtung gab. Mit ungetrübtem Blick ging er alle Schätze der hebr. Literatur durch, und gelangte dadurch zu einer reinen Anschauung der jüdischen Neligionsphilosophie, die sich erst in späterer Zeit verallgemeinern .wird. Seinen Glanzpunkt erreichte er in der Exegese. — Aber eben diese hohen und seltenen Geistes-AiUcigen traten sehr oft hindernd und hemmend in seiner geistlichen Stellung auf. Niemals kann ein tiefer Forscher sich in das Alltagsleben der Amtsstube finden. Zur Bewachung eine untergeordnete, aber darum nicht minder gerechte Allforderung der Gemeinde, fühlte er sich, wie er oft selbst gestand, weder berufen noch befähigt. B. war nicht für die Kanzel, sondern für das Katheder geschaffen. In den Sälen der Weisheit würde sein Heller Kopf großes Licht über ganz Israel, über die ganze intelligente Welt verbreitet haben; aber diese Säle waren für ihn, als Jude verschlossen, und so fiel er als letztes Opfer des Völkerdrucks, und hatte keinen Boden für ein fruchtbares Wirken. — Sanft ruhe seine Asche! Moses M en d e l s on. Aus Mähren, im Mai. Unfcr junges Kind — die politische Gleichberechtigung — hat in unserem ungesunden Klima die gefährlichen Kinderkrankheiten, die Masern der Beschämung, die Frieselausschläge des Aufstandes, ja sogar den Scharlach einer Blutfurcht, noch zu überstehen, wenn man es in der frühesten Jugend auch mit der größten Sorgfalt noch so schonend und warm in der Wiege erhält, und nicht ins Freie läßt. Bei dieser.Enthaltsamkeit besitzt doch die Jndenfeindschaft eine ausgebreitetere Herrschaft als früher und ihre ausschweifenden Töchter: Verfolgung und Plün- 22