Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1849)
- Date
- 1849-04-21
- Page
- Seite 84 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 84 — Israeliten und Christen gehaltenen Rede über Josua 6, 1 („und Jericho war geschloffen und versperrt von den Kindern Israel. Niemand ging ein, Niemand aus")/schilderte der Redner die großen geistigen Kämpfe, welche die Israeliten in Deutschland bestehen mußten, ehe'sie zu dem heißersehnten Ziele der Emancipation gelangten, gedachte hierbei des Professors Krug, des ersten christlichen Vorkämpfers für die Emancipation in Sachsen, ging dann zur bewegten Gegenwart über, wo die alten Scheidewände zwischen Juden uud Christen plötzlich zusammengestürzt sind, und wies aus die Pflichten hin, welche die Zukunft an die Juden stellt, zu welchen mit bcsonderm Nachdrucke die äußere Würde des Gottesdienstes, entsprechend der nunmehr erlangten Menschenwürde im Staate, gezählt ward. Ein warmes Gebet für die Macht und Große des deutschen Vaterlandes, den König von Sachsen, unter dessen Regierung die Juden frei wurden, und für die Stadtverordneten Leipzigs, die in diesen Tagen den letzten Rest der alten Schmach tilgten, beschloß die Feier, die sichtlich einen tiefen Eindruck auf die jüdischen und christlichen Zuhörer gemacht." Wir glauben den allgemeinen Wunsch nachzukommen, wenn wir den würdigen Prediger hiermit auffordern, diese Predigt dem Drucke zu übergeben. Bl..... Prag, 10. April. Die hiesige Judengemeinde beging am zweiten Osterfciertage ein Dan kesse st für die durch die Verfassung vom 4. März d. I. ausgesprochene Gleichstellung der Juden im bürgerlichen und politischen Leben. Sie wird auch in den nächsten Tagen eine Deputation ans ihrer Mitte nach Olmütz senden, um dem Kaiser persönlich ihren Dank für die gewährleistete Emancipation anözudrückeu. In Ellbogen haben sich zufolge einer brieflichen Mittheilung von dort achtzehn Jünglinge jüdischen Glaubens freiwillig assentiren lassen. Solche Erscheinungen werden, so wie die Ereignisse der neuesten Zeit überhaupt, den Vorwurf der Feigheit und mangelnden Patriotismus, den man so oft gegen Inden verbrachte, hoffentlich für lange Zeit verstummen machell. Wir fragen jeden Unparttiischen, ob die frühere Scheu der Inden gegen den Militärdienst nicht dadurch begründet war, daß man ihm jede Aussicht auf Avancement von vorn herein abschllitt, und blos auf den gemeinen Soldaten - Dienst angewiesen war, wenn er nicht den Glauben seiner Väter ab schwören wollte. Wien, tut April. Viele Gcmeindeglieder, die mit Glücksgütern gesegnet sind, haben in einzelnen Zuschriften der Militärbehörde Geldmittel vermacht, aus Dankbarkeit für die nun endlich erfolgte Emallcipation. So servil diese Zuschriften für den ersten Augenblick auch scheinen mögen, so kann man diese doch nicht Verlag von C. L. Fr itz schc. tadeln, sondern vielmehr muß man es rühmen, daß die Emancipation die Juden so vorbereitet 'gefunden; aber es ist nicht zu läugnen, daß hier unter den reichen Israeliten ein widriger Servilismus Platz gewonnen. ■ — Daß unsere Gemeinde, durch die Erlanbniß, herzichen zu dürfen, im Wachserl begriffen ist, werden Sie aus den Blättern ersehen haben; es wäre jedoch sehr zu wünschell, daß die Geineinde-Verhältuisse in Bezug auf Kultus mld Fiilanzen sich bald regelten: Leipzig, 13. April. Ich habe Ihnen eine interessante Stelle eines in den Vaterlandsblättern unter der Aufschrift: ,,Der Aberglaube Plutarchs und unser kirchlicher Aberglaube" abgedruckten Aufsatzes, um Ihnen einen Beleg zu geben, wie sich die öffentliche Presse in Bezug der Ansnahmsgesetze gegen Inden geändert hat. Am Schluffe heißt es: „Unter uns gesprochen, ich machte cs gerade so, lieber Plntarch, der Atheismus hat nie Ketzergerichte, Hexenprozesse, keine Kreuzzüge, keine Judenverfolgungen, keine gemarterten Hostien, keine Vertreibung der Inden und Mauren, und keine Staatsvder bürgerliche Ungerechtigkeit gepredigt, die noch in diesem Augenblicke, trotz aller deutschen Grundrechte, fortgeübt wird, und sollte sie sich beim Ausschneiden einiger Ellen Band oder Kattun darthnn! Wer diese verkaufen will, und nicht getauft ist, darf zu Leipzig erst in der vollen Meßwoche, Sonntags nach Jubilate zur Scheere greifen.* Es ist doch hübsch! Wer getauft ist, kann drei Wochen lang Kattun und Band ansschneiden! Wenn man irgend Jemand das Räthset ansgeben wollte: „Wie kommtdie Tau fe, die S ch e e r e und der Kattun zusammen?" so 'müßte er, es zu lösen, ans die Leipziger Messe gehen, wo der Jude, sowie er sich mit Taufwasser begießen laßt, Kattun drei Wochen lang verschneiden darf. Bl..... Breslau, 10. April. Unser Landsmann und Glaubensgenosse, Professor V a l e n t i n, einer der ersten Physiologen unserer Zeit, der aber durch die Unduldsamkeit unserer Regierung vor den Märzereignissen vergebens um eine Professur auf einer preußischen Universität nachsnchte, und daher einen Ruf nach Zürich folgen mußte, soll von der Berliner Universität berufen worden sein, und wir tonnen ihn hierzu nur aufmuntern, um seine geistigen Kräfte dem deutschen Vaterlande zu widmen. *) Dem Verfasser dieses Aufsatzes war wahrscheinlich die neue Verordnung des Leipziger "Raths v. 7. d. M. nicht bekannt, wodurch die früheren Verfügungen außer Kraft getreten sind, und wo der Grundsatz ausgesprochen wird, fernerhin keinen Unterschiedzwischen Meßbesucher jüdischen und christlichen Glaubens zu machen. * Red. Druck von J.H. Nagel. '