Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1849)
- Date
- 1849-04-21
- Page
- Seite 82 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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82 Ihnen jetzt mittheite, ausführlich beleuchten, sondern Ihnen noch außerdem über Alles, was in den Städten, die ich besuchen werde, von jüd. Interesse zu meiner Kenntniß gelangen wird, getreu Bericht erstatten. — Auch in unserem Netzdistrikt hat die Emancipation der Juden schon Frucht getragen. In Rakel ist ein jüdischer Arzt (Dr. Mankiewiez) von der königt. Regierung zu Bromberg mit dem Physikat des Kreises Wirsttz betraut worden. Es ist. merkwürdig, daß dies gerade einem, Kreise passircn mußte, der der reaktionärste ist unter allen Kreisen des Netzdistrikts, einem Kreise, der durch seinen Judenhaß und seine Judenfresserei ebenso ausgezeichnet ist, als durch seine aristokratischen und büreaukratischen.Sondergelüste und Sondcrbestrebungen, einem Kreise, in welchem die Zeitung m i t d e m Kreuze fast abgöttisch verehrt wird, einem Kreise endlich, der die Ehre hat, durch den Leg.R. Kupfer in der 2. preuß. Kammer vertreten zu sein l — Das Spiel des Schicksals ist oft ganz unbegreiflich! Weiter sagen wir Nichts. — Der jüdische Wohlthätigkeitsverein (Krankenverpflegungs-Gesellschaft), der vor anderthalb Jahren in Rakel gegründet worden, und über welchen wir damals in diesen Blättern ausführlich referirt haben, hat auch während des letzten stürmischen Jahres, in welchem durch die welterschütternden Ereignisse und Begebenheiten so manches heilige und wichtige Interesse in den Hintergrund gedrängt worden, nicht einen Augenblick aufgehört, den sich selbst aufgelegten Pflichten treu und gewissenhaft nachzukommen. Es sind Hungrige gespeist, Nackte gekleidet, Sieche und Kranke mit Arznei und Verpflegung versehen worden. Wie im Frühling v. I., so wird auch jetzt wieder eine Verloosung weiblicher Handarbeiten veranstaltet, deren Ertrag der Kaffe des Vereins zufließen soll. Vereins-Vorsteher ist noch immer Herr Saling Meyer, dessen unermüdlichem Eifer für das Nützliche und Gute der genannte Verein ebensowohl seine Entstehung als. auch seine gedeihliche Entwickelung vorzugsweise zu verdanken hat. — Das Gemeindewesen von N. befindet sich in demselben chaotischen Zustande wie das von Posen, Lissa, Krotoschin und den meisten andern Städten des Großherzogthums. Die Schule will man auflösen, d. h. sie mit der christlichen des Orts kvmbiniren. — Doch das w il l man schon längst. — Die Lehrer bekommen ihr ohnehin kärgliches Gehalt nicht pünktlich ausgezahlt; man läßt sie 6, 8 ja 10 Monate lang aus dasselbe warten. — Dieses Lied können sie jetzt überall in unserer Provinz singen Hörem — Die armen Lehrer! Was hofften und erwarteten sie nicht Alles von dem Baume der Freiheit, so im Frühling v. I. auf Germaniens Boden gepflanzt worden? Lauter goldne Aepfel! lauter süße Trauben! Aber ihre Lage ist nicht nur nicht verbessert, sondern sogar noch bedeutend Verschlimmert worden. Denn wenn der jüd. Lehrer unserer Provinz bei seinem Gehalte noch gezwungen sein soll, auf die Auszahlung desselben jahrelang zu warten, so ist stur Loos gewiß ein trauriges und bedaueruswerthes zu nennen. Mau kann mit Recht auf die jüd. Lehrerschaft die sesaja'itifchen Worte auwendeu 'oma . Pjn -U'lty rwy1? 'pm — In Lobsens ist die jüd. Schuleso gut wie aufgelöst. Herr K., der an dieser Anstalt seit Neujahr 1846 als erster Lehrer fungirte, ist Ende v. I. entlassen worden. Anderweitig ist diese Stelle noch nicht besetzt und wird es wohl niemals werden. Hr. K., der durch die prahlerischen Zeitungs-Annoncen der Lobsenser getäuscht, am Ende des I. 1845 die Ufer des Rheins mit denen der Lobsonka vertauschte, hat — zur Strafe für seine Unvorsichtigkeit — 3 Jahre lang in unserer Provinz erfahren müssen, wie unpraktisch und verderblich es ist, das Schulvcrsteheramt in die Hände von Männern zu legen, die vom Schulwesen ebensowenig verstehen, als jener bekannte Schuster vom Gemälde des Apelles verstanden hat. Und so wie dieser dem die Waden seines Bildes tadelnden Sohlmacher, so müßte"'man manchen jüd. Schulvorsteher des GroßherzogthumS zurufen: „ne sulor ultra crepidam“! Die Ignoranz dieser Leute ist oft sehr groß, ihre Arroganz aber immer noch größer. Herrliche Proben von der einen, wie von der andern, sotten Sie in meinem nächsten Berichte erhalten. — In W y sse k, einem nur von wenigen Juden bewohnten Städtchen des Wirsitzer Kreises, sind die jüdischen Kinder aus der Stadtschule ansgewiefen worden, weil —- nun weit die Räumlichkeit des Schulgebäudes zu beschränkt ist, um noch 12—15 Judenkinder anfuehmeu zu können. — In Jnnowrazlaw, wo für die 1. Kammer nur 1 Wahlmann gewählt worden, hat diese Wahl — zum tiefsten Bedauern der Kreuzpeilung und zum größten Aerger der netzdistriktlichen Reaktionspartei -— einen Demokraten ans dem Hause Jakob's (den Kaufm. M. Levy) getroffen. — Ein junger Theologe, Hr. Dr. Hirschfeld aus Dirschau , ist in Jnnowrazlaw von einer gewissen Gesellschaft (rran) als Prediger und Religionslehrer angestellt. Beide Aemtcr werden von ihm gut verwaltet. — In S ch n e i D e m ü h l f;at die junge Reformgemeinde (s. Nr. 3 V. Bl.) ihren eigenen Tempel, ihren eigenen Prediger und ihre' eigene Schule. — W. Breslau, im März. (Schluß.) Dieser Autorität der höheren religiösen Wahrheit hat die Anstalt sich stets gern untergeordnet, nicht so dem unklaren Belieben, der hergebrachten Form, der Herrschaft der Gewohnheit und der Unvernunft. Sie erkannte sich als eine Anstalt, die, weil sie der Religion diente, freudig der Reform sich anschließen muß. Sie will die Unterordnung des Sinnlichen unter dem freien Geist, nicht die Knechtschaft des Geistes unter leblosen Formen, sie will die Würde nicht die Erniedrigung des Geistes, sie will die sittliche, selbstbewußte Energie nicht die saftlose Hingebung an Unbegreiflliches, sie will den innigen Bund der Seele mir dem göttlichen Geiste, nicht die Schmiegsamkeit unter Satzungen