Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1849)
- Date
- 1849-03-31
- Page
- Seite 68 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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- 68 - selbst oft in Verlegenhell brachte. So waren wir am j Tage nach der Ankunft der Frankfurter Dcputirten beim jetzigen Minister Bach zu einer Abendunterhaltnng ge- ■ laden. Beim Hingehen klagte Fischhoff, daß sein Visite- Frack schon pauvre und abgeschabt aussehe, daß er deßhalb im Legionär-Rock erscheinen müsse. Und dieser Mann widmete den größten Theil seiner Zeit den Sitzungen des Sicherheitsauöschnsses, dieser Mann hielt Wochen lang die Geschicke Wiens in seiner biedern Hand!" Ein andermal, da kamen die erhitzten Arbeiter in den Musikvereinssaat, und verlangten Erhöhung ihres Tagelohnö. Fischhoff trat ihnen entgegen: ,,Jch habe Jahrelang nicht nur, wie Ihr, den Tag, sondern auch! die Nacht in meinem Berufe gearbeitet, ich bin jetzt Sckundararzt im allgemeinen Krankenhause, und wie viel, glaubt Ihr wohl, erhalte ich Tagelohn? 40 kr. täglich, ich bescheide mich damit, gern und willig. Und Ihr?" Die Arbeiter standen überrascht, die einfache biedere Sprache des Volksmannes brachte sie zur Besinnung. Schließlich gebe ich hier die Antwort, wieder, welche Fischhoff seinen Freunden in Kremsier gegeben, als sie ihm zur Flucht riethen. ,,Bleibe ich, dann kann mich das Kriegsgericht vielleicht verurtheilen, fliehe ich,-dann verurtheitt mich die öffentliche Meinung gewiß. Die Wahl ist nicht schwer, ich bleibe." Er mag sich dabei gedacht haben: die Weltgeschichte ist das Weltgericht,, und er hatte Recht. Sie wird von ihm dasselbe sagen, was General Walmoden im Juni zu Prag sagte: „Fischhoff, der Name ist gut!" Theater-Juden. (Fortsetzung.) Wir sind im Gegentheil geneigt, im Interesse unserer Humanität die komischen Seiten des Judenthums fallen zu lassen. In Gutzkow's Uriel Aeosta besteht das gesammte Personal aus Juden, ohne daß gejüdelt und ohne daß selbst auf den Schacher ein großes Gewicht gelegt wird. Das Stück hat viel Glück gemacht, ich kann aber nicht sinden, daß zur Darstellung der leitenden Idee — des Gegensatzes zwischen Der Bigotterie einer in ihrer Abstraktion ausgewachsenen Priesterschaft einerseits, und dem natürlichen Gefühl wie der philosophischen Bildung andererseits —- das Judenthum eine glückliche Wahl war. Die christliche Hierarchie liegt uns näher und hat schon ein größeres geschichtliches Interesse. Bei den Juden des 17. Jahrhunderts denken wir immer an unsere Juden, und der Umstand, daß Verlag von C. L. Fritz sch e. durch den Uebertritt zum Chrisienthum der ganzen Schwierigkeit aus eine leichte Weise ein Ende zu machen wäre, liegt zu nahe, als daß wir ernsthaft in eine tragische Spannung kommen sollten. Für einen solchen Zweck bietet die alte jüdische Geschichte bessere Stoffe. Racine's Athalie ist in gewissem Sinn ein klassisches Bild; der blutige Fanatismus dieser Liebe zum Herrn, der jede andere Liebe ausschließt, ja der eigentlich identisch ist mit dem Haß gegen Alle, die eine solche anöschließende Liebe nicht hegen, hat hier eine Tragödie hervorgebracht, die ebenso den Geist des Janscnismus, dem Racine angehörte, darstellt, als den Geist des Ju-! denthums , auf den er als auf seine Quelle zurückgeht. Gutzkow steht auf Seite der Humanität, der Natur und Bildung; Racine ist ein Eiferer für die christliche Liebe, er freut sich, wie der ungläubigen Athalie Leichnam von den Hunden zerfleischt wird. Ueber diesen sittlichen Standpunkt sind wir hinaus. Dagegen ist L efsi n g 's N a th a n ein ewiges Bild. 'Mit Unrecht sucht man in diesem weisen Israeliten das abstrakte Ideal eines Philosophen. Nathan ist Jude durch und durch; er ist nur als Jude möglich. Aber allerdings das Ideal des Juden, der seine falsche Stellung in der Welt wie seine ethischen Voraussetzungen durch Bildung und Kraft des Geistes überwunden hat» .Dem Druck der Verhältnisse setzt er Resignation entgegen, aber nicht jene sieche Resignation der Romantik, welche die Augen anktagend zum Himmel anfschlägt und die Hände in den Schooß legt, sondern die hohe Resignation .Spinoza's —- des Nathan's der Theorie der die Nothwendigkeit mcht als äußere Macht, sondern als innere Grenze liebevoll anerkennt und durch geistige Auffassung zur Freiheit erhebt. In seiner Demuth, Die das Gefühl geistiger Superiorität begleitet, spricht allerdings der Paria; Sokrates z. B. würde dem störrischen Templer, der trotz seiner gesunden Natur mit allem Hochmuth des Schwäbischen Edelmanns und des Christen dem Juden gegenübertritt, selbst noch da, als er schon seine sittliche Würde durchschaut hat — ich sage, Sokrates würde diesem Trotzkopf nicht den Mantel küssen. Nathan bezwingt den Stolz des jungen Mannes durch hingebende, demüthige Liebe, in der aber stets das Bewußtsein des edlen Mannes durchscheint; er bezwingt das Gelüst des allmächtigen Herrschers, den Juden seiner Schätze zu berauben, durch freiwilliges Anerbieten derselben; er bezwingt das eben so orientalische Gelüst, ihn bei seiner phLlosophischen Ueberzeugung zu fassen, durch seine Ironie, in der die Wahrheit durchschünmert. (Beschluß folgt.) Druck von I.H. Nagel.