Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1849)
- Date
- 1849-03-17
- Page
- Seite 56 (sequence 7)
- Language
- German
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56 Man hat 'hier die Gewobnheit, alle freisinnigen Reformen zu brandmarken, indem man sie als wühlerisch und anar-! chifch bezeichnet. Der Verkauf der Besitzthümer der Kirche! ist als eine ungerechte Plünderung, als ein Kirchenraub dargestellt worden. Die Aufhebung des Zehents ist verflucht als eine Empörung gegen Gottes Gesetz. Wären die Progressisten seit dem Tode Ferdinands VN. nie zur Gewalt gelangt, so wäre Spanien noch von Mönchen und Verfolger bedeckt. Hört man die Ausfälle gewisser Leute, so könnte man glauben, daß wir eine Menge Sekten in Spanien einzuführen suchen. Allein dem ist nicht also. Wir vertheidigen in der Religionsfreiheit einen großen philosophischen und socialen Grundsatz, den die Heuchler allein und die Fanatiker nicht kennen. Unsere Ehre, unsere Wohlfahrt fordern nolhwendig, daß der Geist der inquisitorischen Unduldsamkeit, — die einzige Ursache vielleicht des Verfalls, des Elends, der Erniedrigung, alles Jammers, unter welchem Spanien seufzt, — für immer verschwinde. Das Gewissen des Menschen ist ein heiliges Eiaenthum, welches Niemand, ohne es zu entweihen, angreifen kann. Wenn die religiöse Freiheit in unserm Lande geachtet worden wäre, so wäre der Zustand aller ein besserer. Man würde die wahren Grundsätze der evangelischen Moral besser ausüden, und weniger auf äußere Ceremonien sich stützen, welchen man den Namen Religion giebe. Die Unduldsamkeit, die gesetzliche Achtserklärung der andern Cultusformen sind die Ursache, daß die Frömmigkeit oft in mechanische Handlungen ausgeartet ist, welche neben den größten Lastern, neben den abscheulichsten Verbrechen bestehen können. In gewissen Gegenden von Italien hören die Räuber eine Messe, ehe sie einen Mord begehen; haben sie nachher wieder gebeichtet, so glauben sie ihr Gewissen sei frei und fangen wieder von vornan. Bei uns ist es etwas sehr Gewöhnliches, Straßenra'uber zu sehen, die Skapuliere tragen und andächtig beten, ehe sie den unglücklichen Reisenden berauben. Unsere Unduldsamkeit, welche man außerhalb Spanien noch mit der Inquisition verwechselt, verhindert die nichtkatholischen Fremden nützliche Niederlassungen in unserm Lande zu bilden, und ihre Kapitalien der Entwicklung unseres Ackerbaues und unseres Gewerbfleißes zu widmen. Den Gewinn, der uns daraus zufloß, daß wir ihnen unsere Tbüren verschlossen haben, ersieht man aus unserer geringen Bevölkerung, aus den großen brachliegenden Landstrichen, aus unserm noch in der Kindheit sich befindlichen Ackerbau, aus dem untergeordneten Zustande unseres Gewerbfleißes, aus der Unwissenheit unserer Nation. Der Geist des Werteifers hat uns gefehlt. Die Vertreibung der Mauren und der Juden hat uns größere N^achtherle gebracht, als alle politischen Mißhelligkeiten, als alle Kriege, welche wir feit dem Anfang der Monarchie zu bestehen hatten. Verlag von C. L. Fri i\ f ch c. Möge der Staat immerhin , wenn er es für gut findet, I sich zur katholischen Religion bekennen; nur sei die Ausübung > der andern Kulten nicht mehr untersagt. Laßt uns nicht katholischer sein als der Pabst, welcher den verschiedenen Sekten die Ausübung ihres Kultus unter dem Schutze seiner Regierung erlaubt. Welche Vorstellung muß das gebildete Europa von unserer Civilisation sich machen, wenn es erfahrt, daß unsere Gemäßigten ein Glaubensbekenntnlß von den Fremden begehrt haben, welche sich in der Halbinsel niederlassen wollen? Wird auf diese Weise der Wohlfahrt der Nation, aufgeholfen? Kann man hoffen, einige Fortschritte in den Wissenschaften, in den Künsten zu machen mit dieser systematischen Unduldsamkeit, welche,um uns her eine düstere Einöde hervorbringt? Würde die Reinheit des katholischen Glaubens dadurch getrübt, wenn man Bürgerrechte denjenigen zugestände, welche sich zu einem andern Glauben bekennen? Würden wir deswegen allein schon aufhören, unserer Kirche anzugehören? Haben wir Spanier eine so große Anhänglichkeit an die Religion unserer Väter, warum fürchtet man andere zu dulden? Uns anzuklagen, als begünstigen wir die Gleichgültigkeit oder den Scepticismus, ist eine Ungerechtigkeit. Die Religion ist uns mehr als eine Sache der Schicklichkeit oder ver Politik. Sie ist ein gebieterisches Bedürfniß des Herzens, . fine unversiegbare Quelle von Hoffnung, der Trost in unfern Trübsalen, die unzertrennliche Begleiterin unseres Lebens. Die Religion, nach unserer Ansicht, schließt in sich unendlich große Güter. Ohne religiöses Gefühl ermangelt der Mensch bei den Mißgeschicken, die ihn treffen, alles Vertrauens in die Zukunft. Für ihn ist das Weltall unbelebt, und die Geschlechter gehen vorüber wie eitle Spielzeuge des Ungefäbrs. Als Feinde aller Uebertreibung wünschen wir die Religionsfreiheit, nicht um dadurch zur Gottlosigkeit und Unordnung zu ermuntern, sondern weil wir darin eine Bürgschaft für die Sittlichlichkeit, ein Element für die Eivilisatinn sehen." — Dies ist die edle Sprache des Clamor publico. Personalchronik und Miseellen. Paris. Cremieux bat einen reaktionären Gesetzentwurf über das Klubwcsen ausgearbeitet. Zur Notiz für dir „Kreuzzeitung". Preßburg. Die hiesigen Juden haben eine Dankadresse an den Fürsten Windischgrätz geschickt. Druck von I. H. Nagel.