Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1849)
- Date
- 1849-03-03
- Page
- Seite 48 (sequence 15)
- Language
- German
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im Oberhaus aber zurückgewkesen wurde. Baron Rothschild, berichtete nun ehegestern im -liberalen Centralwadlkomitv der Stadt London über die zur -Behauptung seines Rechts während der Parlamentsferien gethanen Schritte. Er zeigte an, daß Lord John Rassel dem Parlament eine neue Bill über die 'Zulässigkeit nichtchristlicher Mitglieder vorlegen werde, daß das Ministerium, Sir Robert Peel und. die einflußreichsten Parteiführer des Unterhauses die Bill unterstützen und daß alle Hoffnung vorhanden sei, dieselbe im Parlament durchzubringen. Sie bewerkstelligen eine^Abänderung des von jedem Parlamentsmitgliede zu leistenden Eides in der Weise, daß ihn auch Nichtchristen leisten können. (Timest Theater-Juden. (Fortsetzung.) Eine zweite Figur des Theaterjuden , die im Zeitalter der Jssiand'schen Sentimentalität sehr Beliebt war, ist C u m 6 crtan d's S h e v a. Der Jude, den man auf das Greulichste gemißhandelt hat,, dessen Weib und Kinder verbrannt sind, der auch .auf bcm freieren Boden Englands der Verachtung und dem Hehn des Volks, mitunter auch ernsthaften Verfolgungen auSgesetzt ist, der mit alle dem Geiz einer ausschließlich auf den Gelderwerb gerichteten Beschäftigung, dennoch durch die natürliche Güte seines Herzens, halb wider seinen Willen, .veranlaßt wird, große Opfer zu bringen , um seinen Nebemnenschen zu helfen, von denen ihm doch nur die schimpflichsten Kränkungen zu Theil werden; der, um diesen Verlust zu /ersetzen, feinen eignen Leib ans das Greulichste kasteit, und außerdem sich beständig an die Proeente erinnert, die ihm im Himmel für seine Gutherzigkeit zu Thcit werden müssen, der fortwährend gerührt ist über sein eignes Herz u. st w. — ein solcher Charakter ist als Produkt einer weinerlich empflndsamen Zeit, die außerdem für Originale passionirt war, wohl zu begreifen, aber ästhetisch ans keine Weise zu rechtfertigen. Wir können weder lachen über die Kränkungen, die ihm widerfahren, tenn sie sind sehr ernster Natur, noch über diese seltsame Mischung von Geiz und Großmuth, von Niederträchtigkeit und Selbstgefühl, das eine i paralysirt daS aufcerc. Eben darum werden wir auch nicht gerührt. Wir bleiben beständig in einer ärgerlichen Stimmung. - In zwei großen Gestalten ist dem Inden sein ideelles Recht widerfahren, in S h a k e sp e a r e 's S h ylock und Lessing's Nathan; das Ideal des Hasses und der. Resignation. Shylock ist ein starker Mensch, der sein tiefes Gefühl über die Unterdrückung seines Verlag von C. L. Fritz sche. Stammes in einen Punkt coueentrirt, Haß gegen die Unterdrücker. Diese Unterdrückungkann dem Inden -nicht alles Positive rauben; ihm bleibt die Tradition seines Volks, die Familie, der Gewinn und das Gesetz, das unabhängig von den Leidenschaften und den Stimmungen der SJfcnfcbcn, sein Schild über alle breitet, seinen Speer gleichmäßig nach allen Seiten richtet. Dem Glauben an dieses Positive verpfändet er seine Seele, er wird in allen Punkten betrogen, weil er keinen sittlichen Inhalt hineinzutrage», weiß. Die traditionelle Religion ist ihm nur in ihrer Beschiinpfung überall gegenwärtig , sie hat auf sein Gemüth keinen veredelnden Einfluß, sie legitimirt nur seinen Haß; er muß sie zuletzt ab schworen, sich demüthigen vor den Feinden, gegen die er ihre eignen Waffen vergebens zu kehren versucht. Er muß es erleben, daß der Mann, auf den er die ganze Gewalt seines Christerl'hasses gesammelt hat, als Sieger aus dem ungleichen Kampfe hervorgeht, und wir müssen die Gerechtigkeit des Schicksals anerkennen, denn Antonio ist ihm auch an sittlicher Würde überlegen. Er hält die Familie heilig, aber auch nur in der Abstraktion; a weiß seiner Tochter keine Liebe einznflößen, und diese verläßt und verrath ihn. Er jagt dem Gewinn nach mit der-ganzen Zähigkeit eines Mannes/ dem jeder andere Pfad der Betätigung verschlossen ist, und das Geld ist ihm die Symbolik der Macht; aber gerade weil er sich in diese Symbolik versinkt, wird er in dieser Aeußerlichkeit gestraft, an die er seine Seele verpfändet hat. Antonio verlor auch sein Geld; er 'ertrug es mit der Resignation eines Mannes', dem festere Stützen seiner sittlichen Würde zu Gebot stehn. Endlich steift er sich auf die Härte des Gesetzes, an dessen Buchstaben sich der in der . endlichen Anssassnng der Dinge beschränkte Jude überhaupt befriedigt; er will, den Buchstaben mißbrauchen wider seinen Sinn, rutd der zweideutige Buchstabe wird endlich gegen ihn angewandt. Er hat böse ^lbsichtcn und wird dupirk,, ' das wäre keine tragische Idee; sie wird cs aber durch die Gewalt seiner Leidenschaft. Selbst in seinen, gemeinsten Ausbrüchen ist noch etwas Furchtbares, das ihnen ihr . menschliches und ästhetisches Recht, gilt. So wird wenigstens si'der .denkende Schauspieler unserer Zeit diese Rolle auffassen: daß die Einheit des Ganzen dadurch gestört wird, unterliegt keinem Zweifel. Shakespeares Zeit hatte nod) nicht unfern Humanitätsbegriff, sie konnte mitleidslos den Untergang des Inden vor sich geschehen lassen, obgleich sein Gegensatz -— die unbestimmte christliche Gnade in Poreia's Munde uut> die elegante Welt des vornehmen Reichthnmö im letzten Akt — keine höhere sittliche Auflösung verstatten. Als Episode eines heitern Maskcnstückö paßt Shylock nicht lnehr in unsere Zeit. (BeschlnfZ folgt.) Druck von I. H. Nagel, v