Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1849)
- Date
- 1849-02-10
- Page
- Seite 32 (sequence 7)
- Language
- German
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32 Den Reschoim schrecklich Opfer bringt? Wer wird künftig deinen Kleinen lehren, Lulab schütteln und den Rebbe ehren, Wenn der Lamdan Iajin-M'sech trinkt? Vater. Theurer Sohn, gebiete Deinen Thronen! Nach Minhagim ist mein feurig Sehnen, Diese Arme schützen's Alterthum. Kämpfend für den heil'gen Heerd der Götter Fall' ich, und des Zudenthumes Retter Geh' ich nach dem Tod im Wret'l herum. Sohn. Nimmer lausch' ich der Gemore Schalle, Müßig liegt der Medresch in der Halle, Gedoilim's großer Lamdanstamm verdirbt. Du wirst hingehn und kein Bretel scheinet, Und das Judenthum in Asche weinet, 's letzte Bretel in dem Eden stirbt. Vater. AU mein Sehnen will ich, all mein Denken, In des Eden stillen Garten senken, Aber doch mein Bretel nicht. Horcht der Hammer klopft schon an die Mauern, Gieb mir doch das Bretel, laß das Trauern! Vaters Bretel stirbt im Eden nicht. Theater-Juden. (Fortsetzung.) §.Die gewöhnlichste Figur des Theaters ist der Schacherjude in der Posse. „Unser Werkehr" oder die Judenschule, war lange ein beliebtes Stück. Theils war das Interesse ein sinnliches, au dem komischen Dialekt und an den skurrilen, specifisch jüdischen Gesten; theils bezog es sichauf die in jener Klasse herrschenden Gesinnungen. Was das erste betrifft, so ist der ästhetische Werth einer solchen Theitnahim freilich nicht groß, wie es von allem blos sinnlichen Wohlgefallen gilt; aber der Vorwurf, den man von Seiten der Juden und ihrer Freunde gegen die sittliche Berechtigung einer solchen Parodie erhebt, ist ebenfalls unbegründet, wenn man den Schwäbischen, den Berliner, den Leipziger Dialekt auf die Bühne bringen darf, wenn man die Sprache der Eckensteher und Gardeteutnants nachspottct, so ist durchaus kein Grund abzusehen, warum das Indische, das offenbar viel komischer ist, als alle die übrigen Dialekte zusammengenommen, sich eines besondern Ausnahmgesctzes erfreuen soll. Der gebildete Jude muß den Humor haben, wie der gebildete Berliner, die eigne Komik zu ertragen. Mit dem zweiten Punkt steht es bedenklicher. Wenn in „Unser Verkehr" der Vater seinem Sohn beim Scheiden zürnst: „Laß dich treten Verlag von C. L. Fritzsche» von die Leut, laß dir speien ins Angesicht, aber komm reich zurück, reich!" so scheint das zunächst eine so widerwärtige Gesinnung zu sein, daß der sittliche Widerwille alles Gefühl des Behagens, ohne welches ein komischer Effekt'nicht denkbar ist, eigentlich verdrängen müßte. Und doch ist dem nicht so. Ich will eine Anekdote erzählen. In Frankreich fordert ein Franzose einen Inden heraus, dieser erklärt sich bereits verlangt aber, die Sache jenseit der Grenze abzumachenum vor gerichtlicher Verfolgung sicher zu sein — es kommt natürlich nicht darauf an, was diese Voraussetzung für einen Grund hat, da wir eben nur eine Anekdotereferiren. Als sie nach Deutschland kommen, sagt der Jude: Nun brauche ich mich nicht zu schlagen, in Deutschland, geben erwachsene Leute keine Satisfaktion. Ebenso erstaunt als entrüstet, ruft sein Gegner: Aber Herr, Sie sind ja ein Schuft l -„Nun. ja l wie heißt? bin ich ein Schuft!" — Nur ein Moral-Pedant wird für diese Komik keinen Sinn haben. Sie ist der Falftaffschm verwandt, und beruht ans der völligen Freiheit von allen sittlichen Voraussetzungen, auf der Ironie gegen alle konventionelle Vorstellung, die sonst dem Gefühl des Volkes als heilig gilt. Nur sie geht weiter als Falstaff: dieser bleibt immer Cavatier und muß sich seine verkehrte Weltanschauung nach Analogie der sonst anerkannten zurechtmachen; der Jude hat das nicht nöthig, er kann freier sein. Der Paria aller Nationen, dem das Vorurtheil der Menge die Basis alles, sittlichen Selbstgefühls, die'Ehre entzieht, hat das Recht der Ehrlosigkeit. Kehrt er dieses Recht mit der Energie des Hasses gegen seine Verfolger, so wird ein Shylock daraus; bedient er sich desselben mit Frivolität, mit der Zähigkeit einer unausgesetzten Ironie, so haben wir die drollige Figur des jüdischen Hausircrs. Steheichzu einem solchen in praktischer Beziehung,. so wird er mir fatal; als bloßes Bild betrachtet genieße ich seine Freiheit mit Humor. „Schicksal, thu mir doch etwas! etsch I du kannst mir ja. nichts thnn l du hast mir ja alles genommen!" Dieser Selbstgenuß des Elends ist komisch, sobald wir seinen praktischen Zusammenhang mit dem übrigen Leben aus den Augen vertieren, ebenso wie jene resignirte Ehrlosigkeit als Paria. (Fortsetzung folgt.) Personalchronik und Miscellen. Odessa. Der Kaufmann erster Gilde, Isaak Sabludowski in Bjalystock ist auf Vorstellung des Ministers des Innern, und auf Grundlage des Art. 616 der Gesetze über die Stände, für seine gemeinnützigen' Verdienste, in den persönlichen Ehrenvürgerftand erhoben'worden. Druck von I. H. Nagel.