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Der Orient · 1848-12-23 · 52 (23.12.1848) · p. Spalte 813-814

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Journal
Der Orient
Volume
1848
Issue
52 (23.12.1848)
Date
1848-12-23
Page
Spalte 813-814 (sequence 7)
Language
German
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813 Kritiken. Zur Geschichte der Luden in Wien. 814 Deutschlands, die im Ghetto eingepferchten Schutzjuden mit ihren spitzen Judenhüten und ihren gelben Judenzeichen auf den Kleidern, diese Märtyrer für ihren Glauben, -wie erregen sie unser Mitgefühl, wie lebhaft kennen wir uii§ in ihre Lage hineindenkeii. Haben wir doch selbst um unseres Glaubens Willen der Qualen mancherlei empfunden, Qualen, die wenn auch ungleich schwächer als die unserer Vorfahren, unser Herz gewiß ebenso, vielleicht mehr als das Jener verwunden mußte. Jene fanden Trost in dem Gefühle des Haffes und der Verachtung gegen ihre Bedrücker, in ihrer blinden gläubigen 'Hoffnung auf die Ankunft des Messias, und auf die Rückkehr nach Palästina. Wir hingegen liebten die Hand, die uns geißelte, glühten für unser Vaterland, das uns unerbittlich zurücksiieß, wir kämpften um seine Befreiung, und blieben Knechte, wir mühten uns um sein Wohl, und blieben zurückgesetzt! Die Juden im Mittelalter haben aber freilich keine Geschichte, wenn wir das Wort in seiner prägnanteren Bedeutung brauchen. Die Juden greifen nicht ein in die Räder ihrer Zeit, sie haben keinen thätigen Theil an den Ideen, die diese beleben; der Staat, in dem sie wohnen, erscheint ihnen als ein fremder, und die Vorgänge in demselben sind für sie nur insofern wichtig, als durch sie ihre Existenz auf dem Spiele steht. * Die Juden im Mittelalter führen kein Leben nach außen, verüben keine Großthaten nach außen, in der Weltgeschichte, wie man sie bis jetzt großentheils behandelt, in der Geschichte der Könige und Kriege wird ihrer nicht gedacht. Um so glänzender strahlt ihr Name in den Annalen der Geschichte der Menschheit, in welcher nicht der-Erfolg und die Macht, sondern die Begeisterung und der Gedanke entscheiden; in welcher nicht Eroberungssucht, wohl aber Freiheits- und Vaterlandsliebe, nicht Verfolgungswuth, wohl aber Unerschrockenheit und Todesmuth zu Helden stempeln. Und je schroffer sich den Juden die Außenwelt gestaltete, um so tiefer zogen sie sich zurück in das Stiftszelt des G e m e i nd e v e r b a n d e s, und um so fester und inniger waren sie vereint im Atterheiligstcn: der Familie. Die Familie ist es, in der die Juden lebten und wirkten, in der sie Trost suchten gegen die unsägliche Bedrückung nach außen, und ihn auch immer in reichlichem Maaße fanden. Die Familie ist deshalb auch der Schlüssel für Erforschung der Geschichte der Juden im Mittelalter und Familienurkunden aus dieser Zeit sind deshalb so wichtig, wichtiger fast als die einseitigen Nachrichten christlicher Chronisten und Regierungs- Archive. Und sehr zu bedauern ist es, daß gerade von dieser so ergiebigen Fundgrube der Geschichte der Juden so wenig veröffentlicht ist. Viele dergleichen Familiennrkunden müssen noch vorhanden sein, und die Besitzer derselben sollten es im *) Daß wir hier nur von den Juden in den christlichen Reichen sprechen, versteht sich von selbst. Bekannt ist, daß unter den Arabern in Spanien zur Zeit der Glanzperiode der jüdischen Literatur, die Juden auch an der Verwaltung des Landes Theil hatten. Interesse der Wissenschaft, im Interesse des Judenthums für ihre heilige Pflicht halten, dieselben der Oeffentlichkeit zu übergeben. Auf obige Gedanken hat uns die Schrift: der alte Judenfreithof geführt; denn sie ist aus Fannlienurkunden geschöpft; die Schicksale des alten Freithofes in Wien sind eng verknüpft mtt der Familie des Dichters L. A. Frankl. Als am 10. Juli 1669 auf Befehl Leopolds 1. die Juden aus ihrer Stadt vertrieben wurden, wandten zwei hochherzige Männer Isaak und Israel Frankl, ehe sie den Wanderstab zum bittern Gange in eine ihnen wieder fremde, feindliche Welt ergriffe, sich mit der Bitte an den Magistrat, daß der jüdische Freithof unangetastet und die Grabsteine unverrückt bleiben möchten, wofür sie eine für die damalige Zeit große und selbst für unsere nicht unbedeutende Summe von 4000 Gulden in Silber anboten. — Das Geld lockte, die Bitte ward gewährt. So blieb dieser Freithof im Besitze und unter dem Schlitze der Familie Frankl, bis er in der Folge an Samuel Oppenheim, den Stifter und Begründer des israelitischen Spitals in Wien, und nach dessen Tode an die Wiener Judengemeinde kam, die ihn 1844 reinigen und restauriren und die 700 Grabsteine. mit ihren Inschriften untersuchen ließ. Frankl lheilt 15 dieser Grabschriften in deutscher Uebersetzung mit, darunter die des schon erwähnten Samuel Oppenheim (starb 73 Jahr alt am 17. Jjar 5463=1703), Samson Werrhelm, Lea Frankl, Mardechai Schlesinger, Leopold Eskeles rc. Anschließend an die Geschichte des Freithofs giebt der Verfasser hierauf „dem deutschen kosmopolitischen Leser" ein ziemlich ausführliches Bild der Trauergebrauche der Juden. Wüßten wir nicht, daß der Verfasser Dichter ist und daß die reiche Phantasie der Dichter selbst.im Aberglauben einen poetischen Kern finden läßt, wir begriffen nicht, wie er die zum großen Theil mit unseren heutigen Anschauungen im grellsten Widerspruch stehenden Trauergebrauche a la Buxtorf, Schmidt n. veröffentlichen konnte. Wir haben so viele für unsre Anschauungen veraltete Gebräuche, in die wir allenfalls noch aus Gewohnheit oder aus Pietät Werth legen, und doch: seien wir auch noch so glaubensmuthig, wir werden uns scheuen, sie den Blicken eines Nichtjuden auszusetzen, weil wir fühlen, wie lächerlich sie dem Unbefangenen sein müssen. Undebenso ist es auch mit den neuesten Trauergebräuchen. — . Der Mittheilung werth scheinen uns noch die aus „alten Chronisten geschöpften Traditionen von einem Judenreiche in Oesterreich.^ „Im 2,282 nach Erschaffung der Welt, also 624 Jahre nach der Sündfluth und 1700 Jahre vor Christi Geburt, hat sich ein Jude Saunas und nach ihm Judai S a p t a irr Oesterreich angesiedelt. Eine andere Tradition laßt 810 Jahre nach der Sündfluth einen Zweiten Abraham mit seinem Weibe Susanna und mit zwei Söhnen, Salim und Ar arm, aus dem Lande Theomanaria (?) nach Stokerau in Oesterreich kommen, welches damals Auratim in Judaisaptan hieß.

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