Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1848)
- Date
- 1848-09-30
- Page
- Seite 320 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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320 feiten zu den fleißigsten und besten Schülern. Aber wie stehts mit dem Rellgionsunterrichr? Das ist ja eben bas Traurige, daß viele Kinder Alles lernen, nur nicht Religion und Hebräisch. Während die christlichen Kinder in den für Bibel- und Katechismusunterricht angefetzten Lehrstunden mit den Grundsätzen des Christenthums bekannt gemacht werden, hört so mancher jüdischer Knabe, so manches jüdische Mädchens das ganze Jahr hindurch wenig oder gar nichts vom Judenthum und seinen Lehren und Satzungen, theils weil man an vielen Orten das Bedürsniß nicht fühlt, jüdische Schulen zu errichten, theils weil sie, wie sie sagen, zum Religionsunterricht keine Zeit haben, oder richtiger: weil sic sich hierzu keine Zeit lassen wollen^). Man muj/doch Schularbeiten machen, man muß doch Tanzunterricht haben, man muß doch turnen! Trauriger Zustand — zum Religionsunterricht keine Zeit haben! Es sind dies keine leeren Phrasen/lieber Leser; wir könnten dir Beispiele aus der Wirklichkeit gebend sen! exemplü. sunt odiosa. — Es ist indeß nicht zu leugnen, daß viele Kinder deshalb keinen Religions - und oft gar keinen Unterricht erhalten, weil die Eltern nicht bemittelt genug sind, die Kosten zur Erhaltung einer Schule zu erschwingen, und die Gemeinden sich in der Regel nicht für verpflichtet halten, hierzu Etwas aus der Gemeindekaffe bcizutragen. Und wo wirklich Schulen bestehen, sind wieder so manche Umstände vorhanden, die das Emporblühen derselben hindern. Vor Allem ists die prekäre Stellung der meisten Lehrer, die sehr nachtheilig wirkt. In allen 43 Gemeinden des marie'nwerderschen Regierungsbezirks sind unseres Wissens nur drei definitiv angestellte jüdische Lehrer; die übrigen sind in der Regel kontraktlich auf eine bestimmte Zeit und nicht einmal von der 4) Daß auch die Mädchen eben, so gut wie die Knaben einen zeitgemäßen Religionsunterricht, erhalten müssen, ist immer noch nicht genug zum Bewußtsein gekommen. Allerdings ist das weibliche Geschlecht von der Observanz mancher Religionspflichten, die von der Zeit abhängig sind Nll-'v NETtf pW (Orach Chajim § 33. 5. 640. 5689 rc.) dispensirt; aber doch nicht vom R e l i g iw n s u n t e r ri ch t e überhaupt. „Die Bildung des israelitischen Mädchens, sagt ein jüdischer Schulmann (der sel. Dr. M» Büdinger in seinem: Dniftb rplD @. 45), sei eine ähnliche, wie die des Knaben. Das Mädchen soll ebenfalls so viel religiöses und biblisches Wissen erlangt haben, daß es als Jungfrau und Gattin Sinn und festen Willen für innere Veredlung und weibliche Sittenreinheit hegen und die Weihe der Sabbat- und Festtage empfinden und dieselben würdig feiern möge; daß auch sie als Gattin und Mutier, an religiöser Bildung zunehmend, auf ihre Umgebung heiligend und erbauend wirken könne und wolle. 5) Und die Eltern sind unbegreiflicher Weise damit einverstanden, entweder weil, sie vielleicht glauben, daß die Religionskenntnisse mitgeboren werden, oder weil sie befürchten, man wird sie, Gott bewahr'! nicht für au fg ek lär t genug.halten, wenn sie ihre Kinder in die jüdische Schule schicken,- denn sonst wüßte ich nicht, womit sie sich entschuldigen wollen. Gemeinde, sondern gewöhnlich von einigen Privaten, die schulpflichtige Kinder Haben, engagirt. Die Kündigung bedarf nicht der Genehmigung der hohen Behörde, sondern tritt oft ohne alle Gründeaus den geringfügigsten Ursachen, mitunter nur aus purer Laune ein"), als ob es nochwendig so sein müßte, daß man mir jedem neuen Kalender auch einen neuen Lehrer haben muß; so daß in der Regel jährlich, oft auch noch früher, ein Lehrerwechsel stattsindet, und cs zu den Ausnahme n gehört, wenn ein Lehrer mehre Jahre an einem Orte wirkt/) Wie nachtheilig ein solches Verhältniß ist, braucht kaum bemerkt zu werden. Was kann aus Kindern werden, die bald von diesem, bald von jenem Lehrer, welche doch nur selten in der Methode übertinstimmen, unterrichtet worden? Was nützt es, die Zöglinge ein oder zwei Jahre hindurch sorgsam pflegen und sie dann sich selbst oder einer verkehrten Leitung überlassen? Und was'kann auch d er be ft e Leh re r,, wenigstens in der ersten Zeit, leisten, wenn ihm Zöglinge übergeben werden, die jahrelang keinen geregelten oft gar keinen Unterricht gehabt und in Folge dessen ganz verwahrlost sind!! Und andererseits ist cs wahrlich, nicht segenbringend für die Schute, wenn das Einkommen des Lehrers ein so geringes kaum für die nöthigften Bedürfnisse ausreichendes ist. Es ist schon eine gar große Arbeit, sagte ein Pädagoge neuester 3eit* * * * * * 7 8), nur auf ein - Kind nach allen Seiten dieses bedürfnißvollen Wesens hin mit entschiedenem Erfolgezu wirken, und nun sind ihm oft eine große Anzahl solcher Kinder übergeben, die Alle von ihm besorgt sein wollen. (Fortsetzung folgt.) 6l Ein eigentlicher Schulvorstand existirt in der Regel nicht; Jeder, er sei wer er wolle, hat die Gewogenheit, dem Lehrer bei jeder Gelegenheit, selbst in der Schule in Gegenwart der Kinder, Vorwürfe zu machen. Bald ist der Lehrer zu strenge, bald — wenn es ibm nicht in kürzester Zeit gelingt, die im elterlichen Haute an Unordnung, Ungehorsam rc. gewöhnten, also verzogenen Kinder an Fleiß, Gehorsam rc. zu gewöhnen, heißt es: er ist nicht streng genug! Bald heißt es: er bevorzugt einzelne Schüler, wenn z. B. der Sohn des weil ec fleißiger und begabter ist, mehr lernt als der Sohn des Z., trotzdem dieser schon länger die Schule besucht; und so sinds noch hundert Andere Fälle, die zu Konflikten mit dem Lehrer Anlaß geben; und das Ende vom Liede ist: der Lehrer empfiehlt sich. 7) Ich könnte dir lieber Leser, westpreußische Gemeinden nennen, wo seit sechs Jahren bereits dir achte Lehrer fungirt, — aber ich mag es nicht; die arme Jugend ist zu bedauern; das sieht aber so eine Gemeinde der Qmy nicht ein! 8) Siehe „ der Elemenrarlehrer in seinem Berufe von Dr. Robert Haas, Schul-Jnsp." Darmstadt 1847. Verlag von C. 8. Fritzsche. Druck von I. H. Nage l.