Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1848)
- Date
- 1848-09-30
- Page
- Seite 319 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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319 statte für Haus und Familie, für Synagoge und Staat, eins der wichtigsten Gemeindeinstitute istdas dürfte doch wohl jeder Vernünftige einsehen, daß das schönste Gotteshaus, der beste Chorgesang nichts nützen, ja daß der tüchtigste Prediger nur wenig Ersprießliches zu leisten vermag, wenn die Gemeinde der Schule entbehrt. Soll das Leben unseres Volkes veredelt werden, sollen derFamilie treue Anhänger, dem Staate pflichtgetreue Bürger, sollen gute Menschen, fromme Israeliten herang'ebildet werden: so muß das ausblühende Geschlecht schon im Keime gepflegt und geleitet werden, so muß schon früh, im zartesten Alter, mit aller Treue, mit der größten Sorgfalt an das nicht leichte Werk der Iugendbildung Hand gelegt werden. Nur dann können wir hoffen, aus den jungen Reben keine Heerlinge, sondern herrliche Früchte emporwachsen und reisen zu sehenaber auch dann nur können Gotteshaus und Predigt wahrhaft wirken. Doch was bedarfs dieser Darlegung? Blick' hinein, theurer Leser, in die Geschichte unseres Volkes und du wirst finden, wie unsere Vorvordern, wenn sie auch der Bildung des neunzehnten Jahrhunderts in vieler Beziehung nachstanden, uns doch hierin als Muster der Nachahmung dienen können. Du wirst finden, daß sie trotz Druck und Verfolgung, die sie in Ghetti's einsperrten und ihre Geistesschwingen hemmten, die größte Sorgfalt auf die religiöse Ausbildung der Jugend verwandten, daß sie die Kinder, die sterblichen Pfänder, die ihnen Gott ans Elternherz gelegt für diesen Gott zu erziehen und für den angestammten Glauben durch Wort und Thar zu begeistern, ihnen das Wichtigste und Heiligste gewesen. Ja sie brachten jedes Opfer, dem Heranwachsenden Geschlechce einen angemessenen Unterricht im Gotreswort ertheilen zu lassen, und es wurde sehr darauf gesehen, daß dem Ausspruche unserer Gesetzeslehrer gemäß2), jede Gemeinde Jugendlehrer haben mußte. Freilich können wir in unfern Schulen heutzutage nicht, wie dies in den alten C hetz ar im der Fall war und damals auch genügte, unserer Jugend ausschließlich das Wort Gottes lehren; freilich gilt auch hier: Tempora mutantur et nos mutamur in illis; und ist es unfern jetzigen Schulen eine unabweisbare Pflicht geworden, die Jugend auch mit den Elementen aller Wissenschaft und Kunst, auf welche das Werk der Bildung im später» Leben fortgeführt werden kann, bekannt zu machen und sie so fürs Leben und seine Anforderungen, die sich Tag für Tag steigern, hinreichend zu befähigen; — und es wird dies auch wohl Niemand in Abrede stellen. Aber auch darin wird jeder Bessergesinnte, Jeder, der ein Herz hat für Glaube und Sittlichkeit, mit einstimmen, .daß die Jugend auch für ein Leben in Gott vorbereitet werden muß; daß der Religionsunterricht der bedeutungsvollste und wichtigste, gleichsam die Seele, der Mittelpunkt des gesammren Schulunterrichts ist, und daß kein Lehrgegenstand, welcher es auch sei, diesen Unterricht .2) Sore Dea Kap. 245, § 7 es: )W)D mpu’n m pw -pp bi , -pp, -pp fen mpwn .nipu'n i:ww ip -ppn wk D’Dnno beeinträchtigen dürft, ja daß aller Unterrich t Bruchstück bleibt, so eine Unterweisung im Worte Gottes, in der Glaubens- und Pflich tenle hre fehlt! Wohl muß sich die Jugend diejenigen Kenntnisse und Fertigkeiten aneignen, die sie später im Leben gebraucht; aber der Religionsunterricht darf nicht vergessen werden! Die jungen Sprößlinge Israels müssen kennen lernen die Geschichte unseres Volkes und das göttliche Walten in seinen wunderbaren Schicksalen; sie müssen einen besonder» systematischen Unterricht in der Glaubens- und Pflichtenlehre erhalten und in unserer glaubensacmen Zeit auch mit dem Ceremoniell und stiner Bedeutung und Nothwendigkeit bekannt gemacht werden. Und sollen sie einst wahrhafte Glieder der Synagoge werden, wozu wir sie doch erziehen wollen, soll aller Lippendienst vermieden werden, sollen die vorgelesenen Toraworte nicht wirkungslos verhallen: so müssen sie auch die hebräische Sprache kennen lernen, wenigstens so weit kennen lernen, daß sie die Tora und die Gebete in der Ursprache verstehen. Es wäre freilich wünschenswerth, sehr wünschenswerth, daß Knaben, die schneller eine höhere Stuft erreicht haben, auch in den schwierigern Theilen der Bibel und in der nachbiblischen Literatur (etwa ausgewählte Abschnitte der Mi sch na — mit dem Komm. Bertinoro's— u. desSchulchan Aruch Or ach Chajim, Stücke aus CH o bot Ha-Lebabot, Jkkarimrc.) einigen Unterricht^) bekämen (worauf schon der Redakteur der Zeitung des Judenthums — siehe den leitenden Artikel in Nr. 42, Jahrgang 1846 — einmal aufmerksam gemacht); doch wir wollten hier nur auf das Wesentlichste und Nothwendigfte hinweifln. Aber, lieber Leser, wird auch diesen geringen Anforderungen genügt? an allen Orten genügt? Empfangen alle Kinder einen zeitgemäßen Unterricht in der Religion und im Hebräischen? Mit Nichten! Wohl giebts im Marienwerderschen Departement, wie wir bereits früher bemerkt haben (s. unfern in Note 1 erwähnten Artikel) — Gemeinden , wo für den Jugendunterricht schon Etwas geschehen ist, so z. B. in M ä r k i s ch-F r i e d l a n d, wo bereits seit c. 29 Jahren eine öffentliche Schule besteht, Deutsch-Krone, das seit 1842 ebenfalls eine öffentliche Schule hat; ferner existiren einige gute Privatschulen, namentlich in Marienwerder, Tuchel, Conitz rc., aber in den meisten Gemeinden ist für die sittliche und religiöse Ausbildung der Jugend noch lange nicht genügend gesorgt. Zuerst ist eine leider auch in West-' preußen sich einnistende Schlange, genannt: Religio nsin differen tismus, daran Schuld! Es giedt so manche Eltern, besonders unter den Wohlhabenden und in größer» Städten, die Alles aufbieten, daß ihre Kinder eine zeitgemäße Bildung erhalten, ja es besuchen viele jüdische Kinder Gymnasien und andere christliche Lehranstalten und sie gehören nicht 3) Daß dieser Unterricht jedoch nicht in die Etementar- oder Religionsschule gehört, sondern privatim oder in besonder» Stunden ertheilt werden müsse, versteht sich von selbst.