Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1848)
- Date
- 1848-09-23
- Page
- Seite 309 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- 309 - unser Auge hinzuführen zu jenem hohen Standpunkte, den er als Mann der Naturwissenschaft einmmmt. — Ja, die Natur, sie, die uns von außen umgibt und innerlich erfüllt, sie, die unser ganzes Wesen a.usmacht; sie allein vermag .es, in der einheitlichen Verschmelzung des Ganzen etwas Schöngeordnetes'zu gründen; nicht das Gesetz, nicht das Dogma, nicht der Kirchenglaube, sie, die um so verwerflicher sind , je gebieterischer sie zu uns herantreten; indem sie uns statt der Vernunft, den Glauben, statt der Freiheit, die Abhängigkeit , statt der Natur, den außerweltlichen Gott aufzwingen wollen, und fragen wir die Natur um das Orakel, damit sie uns, künde, auf welche Weise eine neue ReligionsgeseNschaft zu ordnen wäre , und sie antwortet uns mit dem bekannten Spruch: „Erkenne dich selbst", und das Räthset ist gelöst. Die Selbsterkenntnis), das , sich fühlen als Menschdas sich bewußt Werden als freies,, sittliches Wesen ist es, was uns im Staate zu gleich berechtigten Personen, in der Kirche zu gleich pflichtigen Gliedern gestaltet. Ja, Staat und Kirche sollten nur e in e u Inhalt kennen, nur einen Zweck ' verfolgen, nämlich den, der Freiheit Aller und somit des durch'die Gesetze der Gesammtheit gestatteten Handelns eines Jeden. — DeS Staates ist es,' durch seine politischen Gesetze die Form unseres Handelns uns vorzuschreiben; der Kirche liegt,es ob, durch das sittliche Bewußtsein uns zu diesem Handeln frei zu bestimmen. Staat und Kirche, sie sollten erkennen, daß sie auf Erden den Menschen in ihrem innigsten Zusammenschmelzen mit ihren irdischen Mängeln und Tugenden jenes Himmelreich aufbauen sollen, da§ würdig ist, auf daß Gottes Ebenbilder darauf leben und wirken. Freilich muß man gestehen, daß bis jetzt auf beiden Seiten das Problem nicht gelöst worden ist: Der Staat vielmehr war stets bestrebt, uns in seinen Häuptern von Gottes Gnaden mit Heiligthnm, Unverletzbarkeit und Unverantwortlichkeit seine Himmetsaristokratie - zu vergegenwärtigen, die in der Engelsdynastie., oder , wenn sie wellen, auch in der Teufelsdyuastie besteht. (Gelächter.) Und der Kirche lag es bisher bloS ob, daß wir das Erdenthal mit dem Himmelreich vertauschen, daß wir in dem sogenannten irdischen Jammerthal, das einzige und ewige Glück uns anzueigncn suchen, obgleichdie Diener der Kirche es recht gut verstanden, sich in btcfcm Jammerthal möglichst gütlich einznrichten. (Bravo.) Ist es demnach gefunden, daß Staat und Kirche nur eine Aufgabe zu verfolgen haben, so kann auch die Frage.Um die neue Gestaltung der Kirche keine schwierige mehr sein. Die Kirche, sie soll unser Handeln bestimmen, der Staat die Form für das Handeln uns verschlagen, demnach kann nur die einheitliche Verschmelzung beider die. Gesammtheit uns schaffen. Hat nun die Kirche jerws Problem , bis jetzt nicht gelöst, so wird eS wohl an ihr lein, alles Außerweltliche, sogenannte Abstrakte zu verlassen, und dafür das Reale und eigelltlich Irdische einzuführen. Nur dadurch geht sie Hand in Hand mit dem Staatsgesetze, nur dadurch wird es den Unterschied nicht mehr geben zwischen allen Konfessionen, nur dadurch wird eine Einheit möglich gemacht. Sergen Sie dafür, daß von äußern durch Staatsgesetze, von innen durch ein freies religiöses Bewußtsein dieGesawmtheit hergestellt wird. Sorgen Sie dafür, daß auf Erden jenes Reich, in dem ein jeder Priester ist, gegründet werde. Dann haben Sie dis Ausgabe gelöst, daun ist die neue Kirche gefunden , und dadurch haben Sie eine kirchliche freie Gemeinde gestiftet, die zugleich eine sittliche, und was noch mehr sagen will, eine politische ist. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Dr. Theod o^Ereizen ach aus Frankfurt a. M.r Meine Herren! Als vor drei Jahrhunderten Luther sein großes Werk begonnen hatte, sagte er: „Es ist eine Freude zu leben; die Geister werden zusammengeschlagen, und cs stieben die Funken." Wir freuen uns, daß sie wieder stieben dürfen wie auch, daß in unserer nicht minder bewegten Zeit, es immerhin räthlich gefunden wird, auch auf das religiöse Moment aufmerksam zu machen. Während der Sturm durch die deutsche Eiche braust, hat man in dem Herzen seines Stammes doch noch eine Nische ausst'ndig gemacht, um das alte theüre Bild anfzustellen und zu pflegen. Wenn aber 'jeder Freiheitsdrang allmälig wieder in Abspannung zurückfättt, wenn er nicht in seiner Fülle sich erhält, so möchte ich dieses keineswegs, wie ein Redner, vorzugsweise den Einwirkungen der Regierungen znschreiben, sondern nur in so fern dieselben Organe des schwachen Menschensilines sind, der sich nun einmal nicht für längere Zeit an dem reinen Lichte der Ideen ergötzen kann, wenn dasselbe nicht in Farben gebrochen und abgeschwächt wird. Es ist über.Mose gesagt worden, daß er fein Volk knechtete. Es war eben seine unerfreuliche Aufgabe, zu bändigen; er mußte sein Gebot nach Zahl und Maaßen richten, damit die rohen Triebe sich in dem Gesetze fügen lernten. Er hatte nicht die glückliche Aufgabe, lösen zu können , wie sie dem freien ,,Menschenhelden " Christus zufiel und wie dieser sie glorreich durchführte für alle Zeiten. Denn wenn bemerkt worden ist, daß manche seiner Goldkörner in den Schachten'der alten Philosophie zu sinden waren, so hat doch Keiner vor dem Auftreten des kindlich reinen und heroisch großen Stifters der christlichen Weltanschauung dieses Evangelium für alle Welt zum Panier gemacht, und die Menschen rückhaltlos zu innerer Befreiung aufgerufeu. Ja läge uns Alles' vor, was das Atterthum gethan hat, Cicero's weltmännische Beruhignngsphilosophie, Plato's tiefe und goldreine Ergüsse, wunderbar gemischt aus Phantasie, Naturwissenschaft und Dialektik, Aristoteles universelle und ewige Denksormen, unverwüstlich ansgestellte Lehre —