Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1848-08-19 · Heft 34 (19.8.1848) · p. Seite 272

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 34 (19.8.1848)
Date
1848-08-19
Page
Seite 272 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2360092-2360526-2360561--6522-3534382
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 272 durch Ablösung eines durch Krankheit entstandenen Auswuchses und derer gicbt es mehre. — Drei find es, die hiermit vor das Forum der Oeffentlichkeit zur Abschaffung geführt werden, diese sind: Die sieben- und dreißigtägige Trauer (Schibah und Scheloschim) und das Kleiderzerreißen (Keriah). Mancher Leser v wird vielleicht beim Angriffe dieser 3 schädlichen Spinngewebe-Fäden deswegen zurückbeben, weil die kindische Furcht vor dem Tode — in der Kunst zu sterben sind alle Stümper — nebst den bei ihm zu beobachtenden Ceremonien allen auf diesem Gebiete nötigen Reformen unüberschrcitbare Grenzen setzt, weswegen auch fast nur diese vom Strudel des Zeitgeistes nicht aus ihren Fugen getrieben worden sind. Gleichwohl gebieten Vernunft und Moralität, ohne Rücksicht, da wo es Noth thut und von Einflüße ist, zu befestigen oder fortzuschaffen und eben durch solche auffallende -— eigentlich unbedeutende — Angriffe 'wird erst das Publikum zur Einsicht gelangen, wie sehr es sich, der Schwäche in solchen Ceremonien wegen, auf dem religiösen Gebiete den Anweisungen seiner geistlichen Häupter zu subordiniren habe. — Diese drei Bräuche sollen hiermit zuvörderst bis auf ihre Quellen prüfend verfolgt und dann die Schädlichkeit derselben für die. heutige Z eit erwiesen werden. 1) Das Kleiderzerreißen als Trauereeremoniel (Keriah) schreibt sich bei den Hebräern geschichtlich seit Jakobs Zeiten her und war — wie es sich ergiebt — als Ausdruck der Verzweifelung, keine durchgehends eingeführtc Sitte, blos bei außergewöhnlichen, plötzlich eingetretenen Unglücksfällen a l l e r A r t, der Willkür Übertassen. So sindet man diese Sitte in der alten Zeit (Gn. 37, 34; Hiob 1, 20; Nicht. 11, 25; 2 Kön. 5, 7; ib, 18, 37 u. a. m). Diese fand aber nicht Statt bei den Todesfällen 2 Kön. 4, 20u.21; Id. 25, 25; Nicht. 20, 23; 2 Sam. 19, 1; ferner nicht bei dem im hohen Alter hinübergefchlummertenJakob (Gn. 50,1); Ahron Rum. 20, 19); Moses (Deut. 34, 8). Der dafür gelieferte talmudische Beweis beschränkt sich deswegen auf lEHDn Nb (Moöd Katan 415), welchem aber iripn riBTtil ."1^^ entgegen ist, welches Gegentheil an bü'Mtn auch nicht b efohle n ist, daher auch Sifte Kohen (Jore Deal) 340) es als :mn ^2^2 bemerkt. — Bei der damals stattgehabten Keria ist wahrscheinlich jedesmal das ganze Kleidungsstück zerrissen worden, welche Hypothese in den Ausdrücken : mJD Ntt y">pu (anstatt so auch in cnnp Djnp'l (2 Kön. 2) Wahrscheinlichkeit sindet. 2) Die siebentägige Trauer, njOT. Von diesem Brauch sindet man sehr wenig Bewährung in der h. Schr., blos Gn. 50, IO (vor der Beerdigung) und Hiob 2, 13. Der Talmud mußte daher seinen "po weither von D3\Tl TDDm herbringen (Moed Katan 20) und . ' ' 2) endlich die 30tägige Trauer oder sindet Verlag von C. 8. Fritzsche. man nur als Lalldeöiraüer Gn. 50, 3; Num. 20, 29 und Deut. 34, 8. Zur Zeit, des Talmuds, wo eine asiatische ganz eigmihümliche Weltanschauung das Volk beherrschte, die Begriffe von Gott und seinen Eigenschaften, Sein und Nichtsein, Belohnung und Bestrafung am Horizonte des Exils seltene Erscheinungen waren: mußte dem Volke durch Lehren von: , -opn ünn ,'niDtw 'unt>. die auferlegten Gebote von □wty , njtfttf , nynp der Tod und seine Folgen auf das Gräßlichste dargeftettt werden, um es vielleicht dadurch zu zügeln und in Schranken der Sittlichkeit zu halten. . Die heutige Zeit hingegen, ihre Lehren und Begriffe von der Liebe Gottes, den: Leben und dem Tode, Diesseits und Jenseits, stehen schlechterdings im strengsten Widerspruche mit den zu Geboten erhobenen erwähnten drei Dinge. Denn die besondere Handlung der nynp trägt an sich öas Gegräge eines erlittenen unwiederbringliche»! Verlustes, und rauben Ulld kürzen dem Leidtragenden die kostare Zeit zur Tröstung, zur Zerstreuung, lassen die geschlagene Wunde gewaltsam bluten und benehmen ihm dadurch gewissermaßen den heiligen Glauben an das Jenseit, das wahre, ewige Leben, die Vereinbarung mit Gott. — Würde num sich nicht gegen einen menschlichen König schon schwer versündigen, wenn er eine ganze Familie zu hohern Zwecken auserkohrcn, solche in einer entfernten Gegend ausbilden ließe und diese bei Abrufung eines Mitgliedes derselben sich vorsätzlich die Kleider zerreißen und um dicsell Vorfall zu betrauern auf einige Zeit absperren möchte? Müßte nicht der Abberufene vor seinem königlichen Herrn, dieses Benehmen erfahrend, darüber erröthen, daß seine einstweilen zurückgebliebene zum selben Zwecke bestimmte Familie, kein Vertrauen zu den besten Absichten und Wohlthatcn ihres mächtigen Herrn haben? Nach den Wahrheiten der Religion schneidet ja auch der Tod nur die irdische Laufbahn ab und bezweckt, daß die hienieden geläuterte Seele sich würdig der Gottheit anschließe. — Ist aber auch der Mensch vermöge seiner Konstitution zu schwach, im Augenblicke des zeitiger: Abschiednehmens eines theuern Gliedes seiner Familienkette mit dem erhabenen Gedanken des höhern unerforschlichen Willen Gottes sich zu trösten; zollt er im Drange des Augenblickes dem Andenken des Daheimgegangenen heiße Thränen: so ist er damit blos seinem Gefühle gefolgt. Gebote zur vorsätzlichen Abhärmung aber sind für die heutige aufgeklärte. Zeit gleichsam Waffen gegen die Lehren der h.. S., der Natur, der Vernunft, und bekunden gleichsam , als wenn der Todte auf ewig verloren ginge? — Der König David hingegen giebt durch sein exemplarisches Verhalten beim Tode feines Kindes Beispiele des festen Glaubens und zeigt dadurch, wie man sich mit Liebe in Gottes unersorschlichen Rathschtuß fügen müsse (2 Sam. 12, 20). Philippsohn. Bntfchowrtz (in Mähren), im Juli. Hier erstand eine neue israelitische Schule, wenn auch nur als deutsche Ucbersetzung eines Cheder nach altem Styl. Auch der Rabbiner hat sich moderniflrt. — Druck von I. H. Nagel.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.