Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1848
- Issue
- 21 (20.5.1848)
- Date
- 1848-05-20
- Page
- Spalte 333-334 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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333 334 Studien. Die Bolksbibel des Rabb. Sachs. Stunden/er sieht den Engel, vernimmt deutlich und klar die Botschaft, die ihm den Willen des Allerhöchsten verkündet — doch zaget und,zittert er nicht. — Freudige Hoffnung strahlet auf seinem Antlitze/himmlische Begeisterung belebt sein ganzes Wesen, denn er eilet ja in die Arme seines himmlischen Vaters, seines Beschützers und Leiters. Klar wie die Sonne, liegt sein ganzes Leben vor seinem Blicke. Er har wohl Vieles gelitten, viele innere und äußere Stürme ausgehalten; doch diese mußten ja sein, um die schädlichen Dünste und Nebel zu vertreiben, in die eine mißliche Erziehung ihn eingehüllt, um die drückende Arhmosphäre seiner jugendlichen' Verhältnisse zu einigen und einen heitern Himmel ihm zu schaffen. Nun, nachdem er aus allen Kämpfen und Stürmen siegreich und geläutert hervorgegangen, blickt er freudig von der gewonnenen Höhe auf das stürmische Gewitter herab, und athmet wohlthuende Edenluft. Hehr und verklärt sehen wir ihn hier auf seinem letzten Lager ruhen, in dem köstlichsten, ehrwürdigsten Gewände des Greises, mit der Silber- ‘ kröne auf dem Haupte, wie mit dem Glanzstrahl des ruhigen Gewissens auf seinem Antlitze, wie mit dem Tugendpanzer auf der Brust. Doch Eines noch har er mit sich abzumachen, eine schwere Pflicht ist ihm zu erfüllen noch übrig. Er läßt der Welt zwölf Söhne, zwölf Familien zurück, von verschiedener Beschaffenheit des Gemüthes, von Eigenschaften und Leidenschaften, die von jeher ihm die größten Sorgen, das größte Leid verursacht hatten. Sollen diese in Zukunft. in Ruhe und Frieden neben einander bestehen, soll an ihnen die göttliche Verheißung, daß er ihnen ein Gott, und sie ihm ein Volk sein sollen, in Erfüllung gehen; sollen sie lange in den ruhigen und ungestörten Besitze des ihnen zugesagten Landes verbleiben: so muß ihr künftiges Verhältniß durch eine feierliche letzte Anordnung genau und nachdrücklich bestimmt werden. Daher ruft er seine Kinder zusammen, und Alles, was er seit seinem Aufenthalte in Goschen über dieses Verhältniß nachgedacht, alle göttlichen Eingebungen, die in Stunden der Begeisterung ihm hierüber geworden, was er aus den ihm wohlbekannten Neigungen und Anlagen seiner Kinder schließen konnte, kurz womit er sich ganze siebzehn Jahre herumtrug, das sprach er da in diesem wichtigen, heiligen, das menschliche Gemüth tief ergreifenden Augenblicke klar und deutlich aus. Da scheute und schonte er nichts, sondern sprach frei den Tadel, das Lob, die Vorherbestimmung aus, wie sie es verdienten, wie er es mit seiner heiligen Seherkraft voraussah. Und wo er nichts roraussah, da flehete er, da segnete er. — „Und als Jakob vollendet hatte .zu segnen, zu befehlen, nachdem er auch die so schwere Pflicht erfüllt hatte, zog er seine Füße ins Bett und verschied". Gott mein Vater und meiner Kinder Vater, ich gelobe es dir, auch ich will in meinem Leben so über meine Kinder wachen, über ihre Zukunft Nachdenken und ihre Zukunft ihnen anö Herz legen. Auch ich will in meinem Leben an die Stunde denken, die mich von ihnen trennt, und mich darauf vorbereiten. Ich will jeden Tag mir vorführen, die Gedanken und meinem Herzen einprägen die Worte, die ich in jenem feierlichem Augenblicke zu ihnen sprechen soll. Und kommt sie einmal, diese verhängnißvolle Stunde — o, daß du mir dann Kraft und Geistesgegenwart genug verleihen mögest, Herr Zebaot! — dann will ich meine Kinder zusammenrufen, und mit ihnen überschauen den Theil des Lebens, den wir mit einander verlebt, und ihnen den Schleier, der ihre Zukunft deckt, zum Theil lüften; so weit ich es aus ihrem Charakter, ihren Leben und Wirken mit Sicherheit prophezeien kann. Kommt meine Kinder, ich will euch noch den letzten Beweis meiner Liebe geben: Ich scheide von euch und ihr werdet nun ohne mich das Leben führen, das wir bisher mit einander geführt. So selbstständig ihr nun geworden, so wenig ich auch in der letzten Zeit mit meiner Kraft, meinem Vermögen euch beistehen konnte, so stand ich doch mit meiner Liebe, meiner Erfahrung, meiner Belehrung euch zur Seite, so weit ich es nur konnte. Doch ich gehe zu meinen Vätern, und ihr habt keinen warnenden, keinen belehrenden Vater mehr zur Seite; daher empfanget da6 Vermächtniß, das ich euch hinterlasse. Es sind nicht Reichthümer, nicht Güter, nicht Ehrenstellen, diese würden euer Glück, eure Ruhe nicht begründen. Aber ich will von einem Schatze euch sagen, der ewig nicht versiegt, und ewig beglückt. Das, was ich längst schon für euren Geist, euer Herz euch gegeben, das will ich nun euch besser gebrauchen und anwenden lehren. Wozu das, was ihr euch angeeignet, euch führen kann, das will ich euch nun zeigen: Du Rüben, du mein Erstgeborner, hättest wohl oft eine bessere Aufmerksamkeit, eine bessere Behandlung verdient, aber — du hast, ich muß es dir wiederholen, den Erwartungen nicht entsprochen, die ich von dir gehegt, hast in dir deinen jüngern Geschwistern nicht das nachahmungswürdigste Beispiel ausgestellt; doch ich merke Neue auf deinem Gesichte, dieses Wort, diese Stunde haben den erwünschten Eindruck auf dein Gemüth nicht verfehlt, und ich scheide nun getrost und versöhnt und mit der Zuversicht von dir, daß du nach meinem Tode dich mehr deiner kleinen, unmündigen Geschwister annehmen und bei deinen Kindern alles dasjenige reichlich ersetzen werdest, was du bei dir vernachlässigt hast. Du, Simon und Levi! Ihr habet ein elendes schändliches Leben geführt: Ihr habt der warnenden Stimme eures Vaters kein Gehör gegeben, habt durch sträfliche Vergehungen euren und eures Vaters Namen befleckt, habt mit geheuchelter Frömmigkeit, Tücke und Bosheit verübt, und durch euern Ehrgeiz, Schmach und Schande euch zugezogen. Wenn ihr so fortsahret, o dann habt ihr eine traurige Zukunft zu erwarten. Ihr verdientet jetzt schon meinen Fluch, meine Verachtung; doch euch nicht — ihr könnet, ihr werdet euch bessern — aber euren Leidenschaften will, muß ich in dieser Stunde noch fluchen. Seht auch ich habe in meiner Jugend mir manches Ungebührliche zu Schulden kommen lassen; aber die traurigen Erfahrungen, die ich nachher gemacht, die harten, inner» und äußern Leiden die darauf folgten, haben mich eines Bessern