Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1848)
- Date
- 1848-05-20
- Page
- Seite 168 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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- 168 - gebunden und gehemmt und zu einer polizeilichen Zwangsanstalt gemacht, sic konnte daher weniger ihre segensreiche Wirksamkeit entfalten. Für die verschiedenen Konfessionen und kirchlichen Gemeinschaften ist daher volle Selbstständigkeit und Gleichstellung zu erstreben. — Die Eintracht ist die sicherste Stülpe des Gemeinwohls. Die (Sintract>t Deutschlands wird im innersten Grunde durch die konfessionellen Zerwürfnisse gestört. Die konfessionellen Zerwürfirisse entstehen, indem die verschiedenen Konfessionen ihr gemeinsames, religiös-sittliches Ziel aus dem Auge verlieren. Durch Hervorhebung des gemeinsamen religiös-sittlichen Geistes und durch Anerkennung der jeder Konfession eigenthümlichen Vorzüge sind die konfessionellen Zerwürfnisse und Mißverständnisse zu beseitigen und zugleich die in allen Konfessionen wünschens-- werthcn und nothwendigen Reformen zu befördern. — Die protestantische Kirche hat den Staat als eine ihrer Hauptstützen betrachtet. Die Gegenwart lehrt, wie schwankend und ungewiß diese Stütze sei. Die Kirche muß in sich selbst die Kraft des Bestehens und Wirkens haben und hege)!. Die Freunde der Kirche müssen daher, ohne auf fremde Hilfe zu warten, die kirchlichen Angelegenheiten, zumal in einer flüsstgcn Zeit der Neubildungen, vertreten unb zu einem erwünschten Ziele zu führen suchen. Das Volk ist zum großen Theile den kirchlichreligiösen Angelegenheiten entfremdet; wir müssen darnach streben, die Religion zur nothwendigen Sache jedes Gebildeten und jedes schlichten Herzens.zu machen. — Zur Geltendmachung dieser heilsamen und zeitgemäßen Ansichten haben sich die Unterzeichneten vereinigt, einen bcsondern Verein unter dem Namen: ,,Kirchlicher Verein für alle Religionsbekenntnisse" zu begründen. Sie sind überzeugt, daß sie dadurch ebenso für die- Freiheit und Einheit Deutschlands, wie für die Beruhigung und Verständigung der Gemüther wirken. Daher hoffen sie auch, unter vielen ihrer Mitbürger eine-freudige Theilnahme zu finden. G r u n d z ü g e des „K i r ch! i ch e n V c t c t n ö fit r alle R c l r g i o n s b e k e n n t n i s se". 1) Name: Der Verein nennt sich ,,Kirchlicher Verein", weil er die allgemein kirchlichen Angelegenheiten der verschiedenen Religionsbekenntnisse zum Gegenstände seiner Thätigkeit macht. 2) 3loccf: Fortbildung des religiösen und kirchlichen Lebens. Insbesondere: Verwirklichung der Selbstständigkeit Mid Gleichstellung aller Konfessionen, Beseitigung der konfessionellen Mißhelligkeiten und Mißverständnisse und Förderung der kirchlichen Reformen. 3) Standpunkt: Unbedingte Rationalität auf Grund des religiös-sittlichen Geistes. , 4) Wirksa m k e i t: Der Verein wirkt durch Vor- , Verlag von C. L. Fritzsche. träge und Besprechungen in allgemeinen Versammlungen^ so wie durch Schriften. 5) M i t g l i e d e r flnb Männer und Frauen, welche ben Zweck und Standpunkt des Vereins theiten, ihren Namen in das Mitgliederverzcichniß eintragen und sich zu einem freiwilligen monatlichen Geldbeiträge verpflichten. 6) A u s sch u ß: Der Verein erwählt einen Ausschuß, in welchem alle Religionsbekenntnisse möglichst vertreten sind. Der Ausschuß wählt den Vorstand, bereitet die allgemeinen Versammlungen vor, entscheidet über die Vcreinsschriften und vertritt überhaupt den Verein. Archidiak. Dr. Fischer, Lie. Dr. Fricke, Dr. H a l t a n s, Pred. Ielline k, Rektor I. K e l l, Pf. R a u ch , G. R u s, Fcrd. S e r n a u , AI. Simon, Diak. an der Nikvlaikirche, Adv. Karl. Herm. Simon, Prof. Dr. Theile, Dr. Zestermaun, Pred. Dr. Zille. III. Ausruf an die Mit^li der aller Religionsbckenntniffe. Liebe Brüder! Religiosität und Sittlichkeit zu fördern, ist die gemeinsame Aufgabe aller Religionsbekeuntnisse. In der Anerkennung ihres gemeinsamen Zweckes sollten sich daher die Glieder der verschiedenen Bekenntnisse vereinigen , um gemeinschaftlich für die Erlangung ihrer gemeinsamen Rechte und für die Erfüllung ihrer gemeinsamen Pflichten zu wirken. Wir wollen einig sein, um stark zu werden im Geist; wir wollen stark sein, um thatkräftig und allgemein dahin zu streben, daß Gottes Gesetz, das Gesetz der Liebe, in aller Sinn gegeben und in aller Herz geschrieben werde. Fern von uns ist jede Bekehrungösucht! Wir leben * und handeln in der Anerkennung der Wahrheit, daß Gott die Person nicht ansieht, sondern in allerlei Volk, wer ihn fürchtet und recht thnt, der ist ihm und daher auch uns angenehm. Jeder von uns soll sich mit Freuden des Guten in seinem Bekenntnisse bewußt sein, aber eben so freudig soll er auch das Gute in den andern Bekenntnissen anerkennen. Seien wir verschieden in der kirchlichen Form und Gestaltung, einigen wir uns aber in der Kraft, des Heiligetiden Geistes l Das Band tco Friedens und der Liebe umschlinge alle Religionsbekenntnisse! Wir wollen durch gegeuseitigeö Geben und Nehmen, durch brüderliches Zusammenwirken heranwachsen zur Einheit im Geist! Mit dieser Gesinnung haben in Leipzig Mitglieder verschiedener Bekennttiisse einen Kirchlichen Verein für alte Religionsb e k e u n t u i s s e gegründet. Leipzig, den 30. April 1848. Der einstweilige Ausschuß des Kirchlichen Vereins für alle Religionsbekenntnisse zu Leipzig.___ Druck von I. H. Nagel.