Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1848
- Issue
- 15 (8.4.1848)
- Date
- 1848-04-08
- Page
- Spalte 237-238 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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237 Studien. ■ Literarische Miseellen. 238 nothig hat, ich habe Beine und du Augen.. Ich-werde dich tragen und du sollst mein Leiter sein, deine Augen werden meine unsicher» Schritte leiten, meine Füße werden wieder gehen, wohin du .willst, also werde, ohne daß je unsere Freundschaft entscheide, wer von uns ein nützlicheres Amt erfülle, für dich gehen und du für mich sehen." Lafontaine legt daselbst diese Fabel dem Confucius bei, der dadurch den asiatischen Völkern die Nützlichkeit der Gegenseitigkeit vor Augen "stellte. Indeß kommt dieselbe Fabel mit Veränderung der Anwendung auch im Talmud vor. Sie lautet (Sanhedrin ‘ 91) wie folgt: Kaiser- Antoninus sagte zu Rabbi Juda Ha-Nasi, Körper und Geist könnten sich einander die Schuld zuschiebcn und jeder sich de.r göttlichen Strafe entziehen. Der Körper sagt, die Seele ist die Urheberin der Sünde; denn seit ihrer Trennung von mir, liege ich wie ein bewegungsloser Stein im Grabe. Die Seele hingegen sagt, daß der Körper den Keim der Sünde in sich trage, denn seit unserer Teennung von einander fliege ich rein und schuldlos wie der Vogel in der Luft. Rabbi erwiderte: Ein König besaß einen herrlichen Garten, dem er, damit die Wächter selbst ihn m'cht berauben, einen Blinden und einen Lahmen als Wächter gab. Da sprach der Lahme zu seinem Gefährten, wenn ich deine gesunden Glieder hätte, um zu diesen herrlichen Bäumen zu gelangen; dieser erwiderte: leihe, mir deine Augen und ich borge dir meine Füße. Der Lahme setzte sich nun auf des Blinden Rücken und leitete ihm zum Baume hin, den sie auch aller seiner herrlichen Früchteberaubten. Als der König kam und die Zerstörung gewahrte, fragte er nach dem Thätcr; beide jedoch entschuldigten sich, der Eine mit seiner Blindheit und der Andere daß er lahm sei, der König jedoch vereinigte sie mit einander und ließ sie so ihre Schuld büßen. Auf ähnliche Weise sagte Rabbi zu Antoninus, wird einst der Herr Körper und Seele vereinen und sie bestrafen. — Dieselbe Fadel kommt auch im Ialkut in einer andern nicht minder lehrreichen Beziehung vor: Als die Egypter Israel nach dem Schilfmeere verfolgten, ließ der Herr das Roß mit den Reiter versinken. Warum beide? Was konnte wohl ersteres dafür? In der Zukunft wird der Herr das Roß und den Reiter vor Gericht fordern. Hier muffen wir uns in die talmudische Auffaffungsweise hinein denken. Unter dem Reiter haben wir den Herrscher, als Lenker und Leiter des Staates zu denken, unter Ersterem die Diener als Werkzeige und Ausführungsnüttel. Run wird der Reiter gefragt: warum er die Unschuldigen verfolgte? Dieser jedoch erwiederte, daß er es ohne das Roß, ohne die vielen Helfershelfer, die ihm bei der Begehung einer jeden bösen That zu Gebote standen gewiß nicht hätte thun können. Auch dieses wird nun 'zu Rede gestellt, das sich aber hiermit entschuldigt, daß es alles aus Antreiben seines Herrn thun mußte. Der Herr aber läßt sie beide in Verbindung bestrafen, so wie sie die Sünde in Verbindung begangen. Ganz so wie bei' dem Blinden und Lahmen. Kenner desChinesischen, inwiefern die obenmitgethcitte Lcrsontaine'sche Fabel von Confucius herrührt, können hier- Bescheid geben, ob dieses Religionsbuch-den talmudischen Gelehrten Vorgelegen, ob und was sie davon in ihren Lehren ausgenommen haben. — Voltaire, der seinen bcsondern Widerwillen gegen alles Jüdische, wo sich nur Gelegenheit dazu darbot, an den Tag legte, verschmähte es dennoch nicht, seinem schönen Werke Zadig eine jüdische Erzählung ohne Quellenangabe zu Grunde zu legen.' M. Zipfer, Rabbiner. . Literarische Miseellen. Nach den Bemerkungen Dr. Gold ent hal's gegen Dr. Geiger im Literaturblatt v. 25. März scheint die Ableitung von weniger fest zu. stehen als seine Bedentung, a r a b i sch e S p r a ch e. Ich glaube darü- " ber Auskunft geben zu kennen. An den nordöstlichen Grenzen Arabiens nach Mefopatamien und Persien hin wohnte der große Stamm O'D md). Dieser Name, oder vielmehr daS Gentilicinrn davon f lieferte den Pnsern das Wort für A r a b e r, a r a b i s ch und arabische Sprache überhaupt: in dein das specifisch semitische Jo in die entsprechende indogermanische tenuis überging, der Spiritus lenis aber,, wie der weiche Gaumenlaut in Rüg (Rhages in Mc-, dien) — neupersisch Raj, Rai, \S) — im Gentilieium zum sanften Zischlaute wurde. Während so das persische Organ den verallgmtemerteu Namen des nächsten und größten arabischen Stammes durch Veränderungen sich anbcquemte, blieb derselbe im Aramäischen und Jüdischen, bei gleich erweiterter Bedentung seinem Ursprünge natürlich getreuer. Bei den Syrern heißt Arab e r und a r a b i sch überhaupt (f. B er n fl e i u 's Lex. syr. zu seiner Ausgabe von Kirsch' syr. Chrestomathie u. tv W.), und das y im talmudischen nyvD ist nur eine ltnetymologische Steigerung des von wie das Wert in altostaramäischer Form lauten würde. Unser jüdisches hingegen schließt sich unmittelbar an die arabische Form an und leistet dadurch für seine Herkunft desto stärkere Gewähr. Prof. Fleischer. * * *) Was der Herr Verfasser hier von einer Entlehnung aus dem „Sagenbuche des R. Nissim" behauptet, beruht auf einem Irrthum. Voltaire und R. Nissim haben aus einer bekannten muhammedanischen Sage ihren Stoff genommen. D. R«