Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1848)
- Date
- 1848-02-05
- Page
- Seite 48 (sequence 15)
- Language
- German
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48 zu pflanzen. — Doch wo der Jndifferenlismus den Leuten so über den Kopf gewachsen, wie in' der, Gemeinde Polen, da gehr Alles, da gilt Alles. — Das Provinzial-Schul- Kollegium hatte es im Winter vorigen Jahres dem dortigen israel. Korporations - Vorstande. anheimgestellt, einen Religionslehrer für die jüd. Gymnasiasten in Vorschlag zu bringen. Doch was geschah? Wie immer, legte man die Hände in den Schooß und ließ die Frist verstreichen. — Und wenn es unterdeß einer Schmarotzerpflanze (und dergleichen . giebt es leider überall') gelungen ist, sich an den gesunden Baum der Erkenntnis-, der in jedem deutschen Gymnasium grünet und blühet, hinaufzuranken und bis zu den Blättern und Blüthen zu gelangen, so war dies die Schuld des Korporations-Vorstandes, und nicht der Eltern der Schüler, welche von dem ganzen Vorgänge erst Kunde erhielten, nachdem die „Ueberw ei sun g des jüd. Rel- Unterrichtes, " durch das gedruckte Oster - Programm veröffentlicht war. — Dann war der Protest zu spät. — §,Die sogenannte Graben - Schule, eine der besten christl. Unterrichtsanstalten Posens, nimmt auch jüd. Kinder aus, aber nicht zu viel. Andere christl. Schulen, namentlich alle V o r b er e i tu n g s sch u l e n, sind von jüd. Kindernstark bevölkert, und manche so stark, daß man sie spottweise „Juden sch ule" zu nennen pflegt. — Alle jüd. Zöglinge dieser Schulen genießen entweder gar keinen Rel.- und hebr. Unterricht, oder sie genießen ihn nur sehr dürftig. Sie finden in P» Hunderte von Judenkindern, die in ihrem 12. und!3. Lahre noch keinen hebr. Buchstaben kennen. — Man möchte es kaum glauben! — Und doch ist es wahr, leider nur allzuwahr. — Erst, wenn die Knaben zu Jünglingen und die Mädchen zu Jungfrauen herangewachsen, fangen die Eltern an einzuschen, daß ihre Kinder bis jetzt nur den Namen nach Juden gewesen, und zu spät kommt dann die Frage: „Warum haben wir hier keine ordentliche jüdische Schule, in welche wir unsere Kinder von Jugend auf schicken könnten?" — — Und diese Frage, diese in der That sehr wichtige Frage, — sie ist schon oft genug dem Vorstande der Gemeinde vorgelegr worden.. Aber hat er sie beantwortet? Kann er sie beantworten? — Nein! gewiß nicht. — Giebt's hier einen Vorwand? Ist hier eine Ausflucht möglich? Nein! gewiß nicht. — Was aber denn ist der Grund, daß eine Gemeinde wie Posen noch immer keine öffentliche, gehörig organirsirte, allen Klndermzugängige und für alle Kinder ausreichende, Elementar- und Stetig i on sschu U aufzuw eisen hat, daß sie keine Schule hat, in welche ihre Söhne und Töchter zu schikken alle Eltern gezwungen werden könnten, wofern sie nicht nachwiesen, daß sie ihnen anderweitig gehörigen Rel.-und Elem. Unterricht zu Theil werden ließen? — Was ist der Grund, daß alle die großartigen Sessionen, Conferenzen, Berathungen rc. die schon über diesen Gegenstand seit 10—15 Jahren gehalten worden, Nichts, gar Nichts zu Stande bringen konnten, und Alles immer wieder beim Alten hat bleiben müssen?'") — Was ist der Grund — so fragst Duj, lieber Leser — daß die große und so wichtig thuende Gemeinde von Posen in Betreff des jüdischen Schulwesens noch immer hinter tzen kleinsten und ärmsten Provinzial-Gemeinden so weit zurücksteht und vor ihren jüngern Schwestern schamroth sich verbergen muß? — Was ist von diesem Allem der Grund? — Geh' hin und belehre Dich selbst. Geh' hin und sieh den großen Drachen, der wie ein Alp auf der Gemeinde sitzt, Alles gewaltsam niederdrückend, was nur um ein Haar aus dem breitgetretenen Alltagsgleise sich verrücken möchte, Alles im Keime erstickend und von Grund aus vernichtend, was nur Miene macht gegen das Tageslicht der bessern Uebcrzeugung emporzustreben z geh bin und schau das furchtbare Ungeheuer — genannt: — „In - dif—fe - rerr—tis -mrrs " _____ W. 14) Was hat sich nicht der wackere Rosenthal, alö er noch am Gemeinderuder stand, für Mühe gegeben, das dortige Schulwesen auf einen andern Fuß zu bringen. — Und das muß man sagen, hätte dieser Mann damals die gehörige Unterstützung gefunden, es würde heute um die Posener Schulen ganz anders gestanden haben. Miscellen zur Geschichte der Juden. Mitgetheilt von A. F. Rudolph. Im Jahre 1349, wo die Pest Deutschland verheerte, wurden auch die Juden aus Nordhausen mit Konfiskation ihrer Habe vertrieben, und zwar besonders auf Anftiften des Markgrafen Friedrich von Meißen, der nachfolgendes mit diplomatischer Genauigkeit abgedruckteö Schreiben an den Magistrat der Stadt erließ. Frydrich Marchio Misnensis. „Ihr Rathsmeister und Rath der Stadt Northausen wyffet, das wir alle unse Joden haben lassen bornen, also wyt alse unse Lande sin, umme die grosse Boßheyd, dy sy an der Chrystenheit Han gethan, wan sy die Ehrystenher't gar wollen tod Han, mit vergisst dy sy in alle Borne geworffen Han, deßen wir gmtzlich verkünd davon haben, daß das war ist.- Darumme raten wir uch, daß ir uwer Joden laßet toden, GOtte zu Lobe, daß dy Ehrystenheit noch icht geschwecht von Ihn wende. Was uch dorumme antreyt, das woln wir kan unzerme Hern/ dem Könige und gen alle Herrn abenennen, auch wißet, daß wyr Henrichen Schnezen unfern Voigt von Saltza zu uch senden, der. sol über (vorgenamae) uwer Joden klagen, umme dy vorgnannte Boßheyt, dy sy an der Ehrystenheit gethan haben, darumme byten wir uch vlyfetlichen, daß ir deme rechts helffet über sy, das woln wyr sonderlich umme uch verdienen, gegeben zu Ysenach an den Sonnabenden nach Sent - Walpurge Tage, unter unsermt Heymelichen Ungesiegel." Druck von I. H. Nagel. Verlag von C. L. Fritz sch e>