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Der Orient · 1848-01-29 · Heft 5 (29.1.1848) · p. Seite 40

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 5 (29.1.1848)
Date
1848-01-29
Page
Seite 40 (sequence 15)
Language
German
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40 nenben sogenannten „Städtisch-Jüdischen Fceischule" giebt's dort nur Privatu nd .Winkel schulen, und zwar von d er Beschaffenheit, daß man sie weit eher mit den berüchtigten alten Chedarim, als mit den.Bildungsanstalten unseres Jahrhunderts vergleichen könnte. Man findet — so unwahrscheinlich es manchem Leser auch Vorkommen mag —- in den Posener Privatschulen heutzutage noch dieselbe Unordnung, denselben Geruch, dieselbe Disziplin und dieselbe Unterrichtmethode wie in den „Judenschulen von vor 40 und 50 Jahren," und sähe man nicht da und dort^ zwischen Chummesch und Siddur auch ein deutsches Lese - od. Schreibebuch hervorragen, und hörte man nicht dann und wann zwischen dem verworrenen Geschrei laut - Dawenender, oder „Chummesch mit Raschi" plärrende Chore auch den gellenden Singsang einiger buchstabirenden oder leierenden ABC-Schützen hervorkreischen- — so möchte man schwören, man befinde sich in den Lehrhäusern der alten polnischen „Rebbi's" und lebte in der Mitte oder wenigstens am Ende des vorigen Jahrhunderts. Wenn Eltern ihre Söhne und Töchter in solche Schulen schicken, so geschieht dies entweder aus' dem Grunde, weil ejl noch Viele mit ihrem Gewissen unvereinbar finden, ihre Kinder von christlichen Lehrern unterrichten zu Lassen, oder (was noch häufiger der Fall ist) es geschieht aus sogenanntem Rachmones (Mitleiden) gegen die armen jüdischen Schulmeister. ‘ Denn jedesmal, wenn ein neues Semester (]DT) beginnen soll, sieht man diese Herren von Haus zu Haus wallfahrten, um sich durch Bitten und Versprechungen, da von einem Vater, dort von einer Mutter, einen neuen Schüler oder eine neue Schülerinn zu verschaffen — oder wenigstens die alten Zöglinge für die Zukunft (d. h. für das nächste halbe Jahr) sich zu sichern. Und die Konkurrenz zwischen den Posener Schulmeistern ist ganz so wie die dortige merka n til isch e; denn es wird eben so wie Ln dieser, kein Mittel gescheut, wenn es gilt, seinen Rivalen aus dem Felde zu schlagen, um dessen Kundschaft für sich zu gewinnen. — Wie in P. Alles, so ist leider auch das Lehrfach zum schmutzigen Schacherwesen herabgewürdigt. Was aber einmal in diesen Pfuhl gerathen, wird sich nicht so leicht wieder daraus erheben können. Zu dem, wissen Sie, liebt man in P. Nichts so sehr als den 6tLtu8 quo, „Es bleibt Alles beim Alten" ist die Devise, welche siedort auf ihre Fahne geschrieben. Das Bild eines Krebses hätten sie darüber malen sollen; denn „S t i l l st a n d i st R ü ck s ch ri t t." Wohl giebt es auch dort einige Beffergesinnte, die, wo es sich thun läßt, gegen das so lieb gewonnene „Verharren im alten Schlendrian" allen Ernstes ankämpfen. Allein was sind Einige gegen eine Schaar von Tausenden? Und wenn diese Einigen, im Kampfe mit der Legion auch zuweilen den Sieg davon tragen, — dem Jndjsferentismus — das weiß Jeder — wachsen wie der Hydra immer neue Köpfe; er ist ein nicht zu vertilgender Drache, ein Koloß, durch Nichts zu stürzen,^ eine Riesenschanze, felsenfest und unersteiglich. — Doch halt — was säge ich da? Haben wir nicht schon von den alten mazedonischen Philipp gehört, daß keine Mauer so hoch, um nicht von einem mit Gold beladenen Esel erstiegen werden zu können? — Ja, auch die gewaltige Mauer des Posener Jndifferentismus könnte leicht erstiegen werden, oder würde von selbst zusammenstürzen, wenn dabei auf der Seite der Indifferenten ein einträgliches Geschäftchen, oder (wie der Frankfurter Trödcljude sagt) „a Pro fit che" zu machen wäre. Denn „Mammon! Mammon!" ist dir Losung. Merkur, dieser metallene Götze, sitzt auf den Thron — und seine erbärmlichen Vasallen tragen Ketten, goldne und silberne Ketten, di>e den Leib schmücken, den Geist aber und das Herz sklavisch gefesselt hallen. — Ein schauerliches Bild — nicht wahr? Aber es ist treu nach der Natur gezeichnet. — Wenden wir uns nun nach dieser kurzen Abschweifung, die uns aus leicht zu ersehenden Gründen nothwendig geschienen, zu der Eingangs dieses Artikels bereits gedachten sog. Städtisch-Jüdischen Frei sch ule. Dieses Bildungsinstitut, vor einigen Jahren aus der Kombination dreier einzelnen (einklassigen) Frei- oder Arm e nschulen4) hervorgegangen , unterscheidet sich zwar, im Innern wie im Äußern, wesentlich von den ober» skizzirten Privat- und Winkelunterrichtsanstalten, Läßt aber dessenungeachtet noch recht viel zu wünschen übrig, indem es noch Lange nicht den Anforderungen entspricht, welche man heutigen Tages an die jüdischen Schulen stellt, und zu stellen wohl berechtigt ist. (Forts. folgt.) 4) Diese Frei- oder Armenschulen hatten wohl schon e. 20 Jahre vorher in P. bestanden, sich aber in ihrem innern Wesen immer nur insofern von den jüdischen Chedarim unterschieden, als in ihnen auch Deutsch u. Polnisch gelehrt worden. Personalchronik und Miseellen. Strasburg. Hier ist der Kantor des Pragers Tempels, Hr. Pereles, als minist, 6-«MejLnt, mit,einem fixen Gehalt von 2,500 Franks angestellt worden. Sein Gesang fand allgemeinen Beifall. Dresden. Dr. Frankel halt wöchentliche Vorträge über die Entwickelung der religiösen Idee im Judenthum vor einem Kreise Erwachsener. Sie finden sehr großen Werfall. * Leipzig. Die „Mannheimer Abendzeitung" bringt einen sehr energischen Artikel über die Zustände der Juden in Sachsen, auf den wir zurückkommcn werden. Druck von I. H. Nagel. Verlag von C. L. Fritzsche.

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