Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1848
- Issue
- 2 (8.1.1848)
- Date
- 1848-01-08
- Page
- Spalte 27-28 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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37 Studien. Mendelssohns und Wessely's Zeit. Mendelssohu's und Wessely's Zeit, init Hinblick ans die Gegenwart. V o n M o s. M endet so » in Hamburg. Daß wir M. und W. unser Wiederaufleben und unsere Empfänglichkeit für die moderne (Zivilisation zu verdanken haben, daß diese großen Geister, jeder in seiner Weise, die ihnen untergeordneten Köpfe, aus ihrem Geistesschlummer ausgerüttelt, und diese wiederum Geschmack und Gefühl unter alle Klaffen der Glaubensgenossen verbreiteten: daß endlich durch sie die Bildung erstarkte und ^die profanen Wissenschaften, selbst unter den Orthodoxen, so weit gediehen sind, daß es keiner jetzt mehr wagt, Mendelssohns Pentäteuch- Uebersctzung und Weffely's Sendschreiben in Bann zu thun und zu verketzern, das ist etwas so Vielbesprochenes und Bekanntes, daß es keine besondere Erwähnung kaum verdient. — Man glaube aber ja nicht, daß zu jener Zeit der wahren frommen Reformatoren, die e6, zu sein nicht einmal den Anspruch machten, die ganze Iudenheir völlig der Kenntniss der profanen Wissenschaften entbehrt hätte. Wohl fehlte es ihnen, sammt und sonders, an allen Elementarkenntniffen, selbst von ihrer Muttersprache hatten sie wenig Kunde. Ja, es gab sogar Einzelne, die bei allem talmudischen Scharfsinn, bei allem natürlichen Verstand, aus baaver Unkunde, eine Lieft Verachtung gegen alles außerhalb der Theologie Liegendes' hegten. Und wenn Maimuni in den RGA. seinen französischen Freunden sagt, daß er den profanen Wissenschaften' gleichsam nur mrDD*1?! ninplb , die Stelle der Dienenden anweise, was doch nichts Anderes heißen kann, als daß er die Theologie als Fachwissenschaft vorherrschend, die andern Wissenschaften aber nur als auxiliär betrachtete; so nahm ihn dieses N. Rafael Kohen, aus^Misverstand, sehr übel, und wollte sie unter keiner Gestalt gelten lassen. Wie aber Eine Schwalbe keinen Sommer macht^ so kann dieser Einzelne auch nicht als Wild des ganzen damaligen Rabbinerthums gelten. Wohl Haben sich in der Mendelssohn'schen Zeit, so manche, durch große talmudistische Gelehrsamkeit unb hohe Geisteskraft berühmte Rabbiner, in dln hohen Regionen.der Weltweisheit- Kritik, Geometrie, Astronomie u-ld Mathematik hinaufgeschwungen. Aber selbst in alten finstern Zeiten, wo alle profane Wissenschaften aus den Ghetti's gebannt waren, und dadurch die falsche spitzfindige Lehre auch der Bibel und dem Talmud .verderblich war, und nur der Talmud allein alle große und kleine Geister beschäftigt hatte, selbst in diesen Zeiten war es doch nur der Talmud, dem Israel sein Fortbestehen zu verdanken hatte. — Denn ein Volk lebt nur, so lange es von einem herrschendem Gefühle beseelt wird. Die so gering geachteten Juden, obzwar zerstreut, lebten dennoch durch ihren Talmud mehr, viel mehr, als manche nichtjüdische Völker. Das jüdische Volk wurde, während der langen Dauer ihres Exils, nur von Einer Idee beseelt, von seinem Talmud. Es lebt immer, 28 oft verwundet, selbst scheinlodt, aber sein Talmud erhält ihm Leben, das vermögen alle neuen Musen nicht; und selbst unlogisch , spitzfindig gelehrt, ist er doch die chinesische Mauer, der den Pfeilen der Reform-Schützen beharrlich widersteht. Und wenn in unsrer aufgeklärten Zeit Alles sich die Schulwissenschaften'angeeignet, so hat dieselbe doch, bis jetzt, nicht viele große Theologen aufzuweisen, die neben .ihrem Fache sich auch, wie in der damals finstern Zeit, in den realen höheren Zweigen des Wissens sich hervorgethan. Selbst die damals großen Talmudisten, die, im später» Alter, dem Talmud und seinen Lehren entsagten, und sogenannten Apiko rsim wurden, glänzten in andern Fächern der Intelligenz; was beginnt aber z. B. heut zu Tage ein solcher? — Den Talmud hat er gelästert und ihm entsagt, und kein anderes Thor der Weisheit steht ihm offen, in keiner andern Sphäre kann er sich bewegen. Wenn wir, als Beleg zum Obengesagten, einige Berühmtheiten der Mendelssohn'schen Zeit hier herrechnen, so soll es .keinesweges geschehen, um die Rabbiner-Reformer, oder wie sie sich sonst nennen, zu belehren; denn von diesen sagtSalomon: „Stießest du auch den Narren in einem Mörser u f. uv' Es ist wahrhaft lächerlich anzuschauen, wie sich Mancher unter, diesen auf der'Kanzel gebärdet! Von Bibel und Talmud hat sein matter Geist wenig ausgenommen; die Schriften der später» Ausbildner der Halacha kennt er kaum dem Namen nach; aber eine ganze Toiletten-Bibliothek hat er im Kopfe, einige salomonische Predigten weiß er auswendig,-nun steht er da oben, mit solcher naseweiser Begeisterung, die in falschen Pathos sich spreizend, Alles beurtheilen will und erzählt wie alle die alten Rabbiner nichts gewußt, und wie "Gott ihn, einen zweiten Moses, gesandt, um seine theure Gemeinde zu refocmiren! Wie gesagt, diese Unreifen, kann keine Kunst zur Reift bringen, aber den Gemeinden dieses oft wirklich theuren Rabbiners zu zeigen daß unsere Voreltern lange so dumm nicht waren, wie diese glauben, das ist vielleicht keine verlorene Mühe. Mögen einige recht orthodoxe Rabbiner von mittelalterlichem Schrot, die in der bezeichneten Mendelssohn'schen Periode gelebt, den Neigen eröffnen. 1. Jonatan Eybenschütz. R. Jonatan Eybenschütz, eine berühmte Erscheinung als Talmudist erster Größe, dessen unsterbliche Werke seinen merkwürdigen Geist bekunden, und der auch in der christlichen Welt durch seinen Streit mit R. Jakob Emden bekannt ist. Obschon sehr hochstehende Männer mit Leib und Seele sich dem Sabbatei-Zebi, selbst nach dessen Uebertritt zum Islam, ergeben hatten, so ist es doch unglaublich, daß E. diesem Wahn angehängt hätte, d.a zu seiner Zeit der Rausch bereits verflogen war. Wie mir mein sel. Vater, der zu jener Zeit gelebt, versichert hat, so entstand der Streit durch die merkwürdige Ehrenbezeugung, die dem E. bei seinem Antritt als Rabbiner geworden war. Dieselbe erregte nämlich den Neid des herrschsüchtigen R. Jakob, dee damals in Altona ganz zurückgezogen privatisirte. Die Waffen zu diesem Kampfe waren sehr nngleich. R. I.