Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1847
- Issue
- 48 (26.11.1847)
- Date
- 1847-11-26
- Page
- Spalte 765-766 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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765 Studien. Parabeln und Sentenzen kn der Hagada. «60 liefert und die, ungkachtet der verschiedenartigen Mischung-rn, die ihr im Verlaufe von mehren Jahrhunderten beigegeben worden, dennoch in ihrer Grundtendenz und ihrem ursprünglichen Charakter nicht zu verkennen ist, war die von Hillel und Schammai, einige Zeit vor, der christlichen Aera, aus den vereinzelten systemlosen Lehren ihrer Vorgänger gestiftete und von ihren Schülern und, Nachfolgern weiter ausgebildete pharisäische Schule. Nimmt man die, von den Evangelisten so fabelhaft ausgeschmückte und sehr mystische Lebensgeschichte des christlichen Relrgionsstifters) wie z. R. Geburt und Göttlichkeit seiner Person, hier und da auf übernatürliche Weise vollbrachte Heilung und noch andere theils auch zwecklose Wunderthaten, — was freilich Basis der christlichen Religion, aber ganz fremdartige Elemente im Gebiete des Judenthums sind, -- hinweg, so enthalt-en die vier Evangelisten fast gar nichts, das nicht eben so gu^ im Judenthume gelehrt werden kann und. auch gelehrt worden ist. Erst die Apostel begannen, nach dem Tode ihres Meisters, die mosaischen Gesetze einzeln aufzuheben, um desto leichter Proselylen * unter den Griechen und andern Völkern, da auch sie das Sprüchwort, „nemo profeta in sua patria" erfahren, machen zu können; welchen Weg auch, die ihre Stelle später einnehmenden Kirchenväter befolgten, bis endlich Päbste und Concilien einer¬ und der Rabbimsmus anderer Seits die tiefe Kluft immer erweiterten und noch darüber eine hohe, unübersteigliche Scheidewand zogen. Hier mögen nun einige Beispiele aus der, Mt, ■ 5,-6. 7. vorkommenden Bergpredigt, der Quintessenz des Evangeliums folgen, die unsere Behauptung aufs klarste darstellen werden. Nachdem zuerst einige moralische Lehren aus dem Jesaja und den Psalmen angeführt, ferner Erlänterungev über manche der Zehngebote gegeben werden, daß nämlich unter Mordthat nicht blos wirkliche Ermordung, sondern jede seinem Mitmenschen zugefügte Beleidigung, und unter Ehebruch nicht blos physischesondern jede auch moralische Untreue, wie das Gelüste im Herzen gemeint sei, Lehren, die schon das zehnte Gebot in sich involvirt und die die pharisäische Schule nicht minder einschärft, wie z. B. pD'pon N3.1 p^?n )b päran 'ZO und .Iw' ^>Ndr DTO'- lly )rw , nr DD3 wird auf einmal Vers 32 ungeachtet der Vers 17 gegebenen Versicherung, weder das jAV4) Wenn wir hier von Akkomodation des ursprünglichen ^Dyristenthums an das Heidenthum sprechen, so können wir darüber mehre Belege angeben und erwähnen wir außer der Aufhebung der Beschneidung (Apostgesch. 15) noch die Feier des Sonntags, die vor Christo von der heidnischen Welt begangen wurde. Wenn daher Maimonides über den Götzendienst 9, 4 von Edomitern spricht, die den Sonntag siiern, so sind darunter nicht Bekenner des Cyristenthums, sondern die heidnischen Römer gemeint; so heißt es auch im Traktat Soferinr 17, 5: Daß die Aufseher des Tempels an jedem Tage gefastet, ausgenommen Sonntag; damit die Heiden sich nicht daran stoßen, möchtendaß die Juden gerade an deren Freudentagcn sich kasteien, — was doch aus die damalige 'christliche Gemeinde sich nicht beziehen kann. — Gesetz noch die Propheten aufzulöftn; daß eher Himmel und Erde vergehen mögen, als ein Jota des Gesetzes, gegen die im mosaischen Gesetze ertheilte Erlaubniß der Ehescheidung losgezogen und derjenige, der sich scheidet, als mittelbaren, der aber eine Geschiedene heirathek, als unmittelbaren Ehebrecher bezeichnet. Jndeß findet dieser Ausspruch in dem dort gegebenen Beisatze, „es sei denn um Ehebruch", in welchem Falle also die Scheidung erlaubt ist, seine Rechtfertigung und stimmt ganz mit dem überein, was schon einige Zeit früher die Schammäische Schule über Ehescheidung gelehrt: „Es darf niemand seine Frau verabschieden, außer bei erwiesener Untreue". Glttin 90 a. „R. Elieftr sagt: wer seine erste Frau verabschiedet, entweiht den heiligen Altar, R. Me>r sagt, es heißt 5 M. 24, 3: „Oder dieser andere Mann stirbt", weil er des Todes würdig ist; denn der Erste trieb die Bosheit aus dem Hause (nach erwiesener Untreue), und dieser andere führte sie ein", ibid. b. — Nun kommt eine Einschärfung gegen die Ablegung des Eides vor, daß nicht blos ein Meineid, sondern jeder Eidschwur beim Göttlichen sträflich und entweihend sei, und heißt es Vers 37: „Eure Rede aber sei : ja, ja; nein, nein". Auch dieser Ausspruch stimmt ganz mit den Lehren der pharisäischen Schule überein und fügen wir hier, mit Hinweisung auf die Schebuot 39a verkommenden Eideseinschärsungen, noch folgende Stelle bei: R. Jose Sohn des R. Juda sagt: dein Ja soll gerecht sein, so auch dein Rein. Siehe Baba Mrzia49a. — Vers38heißt es: Ihr habt gehört, daß da gesagt ist : Aug um Auge; Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollet dem Uebet; sondern so dir Jemand einen Streich ' giebt auf den rechten Backen,.dem biete auch den andern dar". Hier.aber hat die pharisäische Schule die milde Interpretation angenommen, die blos eine Geldstrafe in diesem biblischen Ausspruche erkennt: Aug um Aug, das heißt, eine Abschätzung des Auges in. Geldeswerth; R. Simon, Sohn Jochai sagt: Ware hier das Aug selbst gemeint, wie könnte ein Blinder, der einen andern geblendet, bestraft werden. Hiskia sagt: es heißt Aug um Aug, aber nicht <Aug und Leben für Aug; es könnte sich aber leicht ereignen, daß du dem Verbrecher mit dem Auge zugleich das Leben nimmst. * Baba Kama 84 a. Was aber den Schluß oben citirter Stelle anbelangt, daß man seinem Schläger auch den andern Backen hinreiche, eine Lehre die mehr Bewunderer als Nachahmer zu haben scheint, so ist dieses eine biblische Redeweise, wie z. B. Jesaja 50,6: Ich gab mei nen Rücken den Schlagern und meine Wangen dem Rupfer preis". Klaget. 3, 30. „Daß er seinen Backen dem Schläger darreiche und sich mit Schmach sättigen lasse". Das falsche Citat in Vers 43, den Feind sollst du hassen, ist allgemein bekannt, als solches auch oft schon gerügt worden(i und können wir ohne weiteres darüber Weggehen. 5) Die Idee Shakespeares im Kaufmann von- Venedig, also nicht originell. 6) Vielmehr empfiehlt der Talmud die Nächstenliebe selbst