Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1847)
- Date
- 1847-09-24
- Page
- Seite 312 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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312 hervorgegangen, dem mehr daran liegen wird, daß die verfallenen Gemeindeinstitute in Flor kommen, als daran, ob dieser oder jener Pfaffe das Primat behaupten soll, ein solcher Vorstand, geleitet von einem ebenfalls aus dem Volke erwählten Repräsentanten-Kollegium, wird sich die hierarchischen Uebergriffe und Einmischungen vom Leibe zu halten wissen, er wird bei seiner Thätrgkeit eingedenk bleiben, daß die Gemeinde nicht da ist der Rabbiner willen , sondern die Rabbiner sind da für die Gemeinde. Jedenfalls gehen wir einer bessern Zukunft entgegen, die schlimmsten Zeiten haben wir bereits hinter uns. i d. Bret'laA, 11. Sptbr. Ein Plan eigenthumlicher Art zur Versittlichung der ärmeren jüdischen Kinder durch Erziehung derselben zn Landbebauern und Professionisten in einer sogenannten „Kolonie ugrieole" liegt dem Ober-Vorsteher-Collegium zu Breslau vor. Einer unserer Mitbürger nämlich hat irn vorigen Jahre eine Reise nach Frankreich unternommen. Dort hat er zu Mcttray bei Tours a. d. Loire die berühmte Colonie agricole besucht, welche die Herren de Metz und de la Bretignere im Jahre 1839 unter den größten Opfern daselbst begründet haben; ein Institut, welches bereits nicht nur von ganz Frankreich, sondern auch von dem gebildeten Publikum aller Länder als eins der trefflichsten ist anerkannt worden, und dessen Erziehungs-System in seinen /Resultaten an das Wunderbare grenzt. Er hat nun die Idee gefaßt, diese Erziehungsmethode auf die Kinder armer Israeliten anzuweuden, um ihnen von frühester Jugend an Geschmack einzuflößen an dem Landbau, an Handwerken , überhaupt an einem harten Leben, welches die größte Anstrengung aller physischen Kräfte erfordert, Indem er der Ansicht ist, daß nur auf diesem Wege, indem eine möglichst große Anzahl von Juden sich dem Ackerbau und denjenigen Handwerken widmen, welche Anstrengung erfordern, das wahre, weil inneres Heil für die mosaischen Glaubensgenossen erreichbar sei. ' D e st er r e i ch. Nikolsbuug, im Sptbr. (Anstalt für israelitische Taubstumme zu Nikolsbu rg.) Wir hatten Gelegenheit der Prüfung in dieser von dem edlen Menschenfreunde Herrn Hirsch Ko lisch gegründeten Anstalt vor einigen.Tagen beizuwohncn und halten es für eine Pflicht einige Worte über dieselbe zu sprechen. Einen herzergreifenden Anblick bot gleich der Anfang dar, als die kleinen Waisen der Natur ihre Hände inbrünstig zu Gott erheben, und Einer der Taubstummen ganz deutlich und verständlich ein passendes Gebet vertrug und die übrigen dasselbe halblaut nachsprachen. Hierauf begann die Prüfung aus dem Sprech- und Sprachunterrichte, aus der Religion, aus dem Lesen aller deutschen und hebräischen Schriftgcittnngen, aus der Naturgeschichte und aus dem Rechnen , wobei alle an die Zöglinge gerichteten Fragen mit Beseitigung aller Geberden nur in der Tonsprache gestellt und von denselben in der Ton- und Schriftsprache beantwortet wurden. In wie weit der sehr gebildete und wackere Lehrer Herr Joel Deutsch auf das geistige Verständniß der erlernten Gegenstände sein Hauptaugenmerk zu richten bemüht war, kann daraus entnommen werden, daß die Zöglinge nicht nur die von dem Lehrer, sondern auch von dem hochwürdigen Herrn bischöflichen Prüfungskommissär, und hiesigemDomdechant Anton Fr i ed l und dem hochwürdigen Herrn Gymnasiat-Präsekten und Hauptschuldirektor Ubald Kahl an sie ' in der Tonsprache gerichteten Frage in jeder Beziehung vollkommen beantworteten. Wer allen drei Prüfungen seit dem Entstehen dieser Anstalt wie ich, beigewohnt hat, wird den geistigen Fortschritt dieser Kinder mit freudigem Staunen bemerkt haben und gewiß mit mir in der Behauptung übereinstimmen, daß die Zöglinge dieser Anstalt in jeder Hinsicht vollsinnige Kinder, die eben einen dreijährigen Unterricht genossen haben, noch übertreffen. - N. D. Perfonalchronik und Miseellen. London. Der Oberrabbiner von England, Dr. Adler, hat die jüdischen Inhaber von Prostitutionsha'usern mit dem ^Kirchenbann belegt. Ein Journal meint, dadurch werde in einer Stadt, wie London, der Prostitution eben so wenig Eintrag geschehen, als durch die ungenügenden Bestimmungen der Sponer'schen Bill. * » * Königsberg. Man erinnert sich, daß im vergangenen Winter eine jüdische Trauung, die der Rabbiner von Coeslin, Dr. Jolowicz, an sich selbst vollzog, hier vieles Aufsehen erregte und daß der Königsberger Rabbiner damals gegen die Gültigkeit der Ehe protestirte. Der Staatsanwalt in Ehesachen beim Oberlandesgericht' in Coeslin nahm darauf Gelegenheit, durch den hiesigem Staatsanwalt ein Gutachten über die Zulässigkeit der Ehe vom hiesigen Rabbinat einzufordern. Dieses Gutachten mußte günstig ausfallen, und somit benachrichtigt ein vor wenigen Wochen hier angelangtes Reskript des Kultusministeriums die hiesigen Geistlichen, die damals protestirten, daß die Ehe gültig sei und daher von allen gerichtlichen Schritten abgestanden werde. Ein solcher Fall, wäre nach dem neuen Judengesetze, das Eivileye einführt unmöglich. iLeipz. Z.) Verlag von C. L. Fritz sch e« Druck von I. H/ Nage l.