Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1847)
- Date
- 1847-08-27
- Page
- Seite 279 (sequence 13)
- Language
- German
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279 aller Völker dem Talmud die ihm gebührende Achtung zollten, woher mag es kommen, daß die besten jüdischen Köpfe, selbst wenn sie sich von dem Talmud und seiner Lehre trennten, (von S( cher, Spinoza, bis auf Saloinon Maimoll) den Talmud noch unter gewisser Bedingung seinen Werth zuerkannten, während unsere neuen sich Rabbiner nennenden Glaubenshelden, die den Talmud gar nicht, oder nur stückweise kennen , sich in frevelhaften Spott über denselben auslassen? Ja noch mehr, sie prahlen mit der Kenntnis) einer Wissenschaft, die sie verdammen? — Wie früh sich der Geist unseres S. entfaltete, erhellt daraus, daß er als Knabe von il Jahren eine inhaltsschwere Derascha über min D^rp, vom Rabbiner Raphael Cohn, am Sonnabend hörte, und ihm dieselbe den Sonntag darauf schriftlich überreichte, wobei er die Derascha beim Vortrag nur spielend anhörte. Schnelle Auffassung war überhaupt emHauptzug seines Geistes. — In profanen Wissenschaften erhielt er wenig Unterricht; und doch brachte er es durch Bücher'und eignes Nachdenken in der Algebra, Chronologie und Astronomie, zu einer solchen Höhe, daß er manchem eingeschulten Professor dieser Wissenschaften nichts nachgab. Noch in seinen letzten trüben Tagen, verfaßte er eine merkwürdige chronologische Tabelle, auf die er selbst viel Werth legte, und das will viel bedeuten, denn so viel er alles Wissen liebte, brachte ihn keine Größe so leicht in Begeistrung, und von seinem eignen Werth hatte er gar keine Ahnung; indem er glaubte, sein Wissen besitze jeder. Daher fand man ihn oft in Gespräch über die subtilsten Dinge mit dein hohlsten Kopfe. Er war so sehr in seinem Thema cingedrungm, daß er gar nicht bemerkte, wen er vor sich hatte. Aber bei allem Nachdenken, bei aller Liebe zur Weisheit, und Geringschätzung irdischer Güter, erlaubte ihm sein freies und freiheitsliebendes Gemüth nicht, sich dem gelehrten Staude zu widmen, zumal ein einseitiges Rabbmcrlcbm mit einseitigem Wissen, wie cs die damalige Zeit von, dem Lamdan forderte, ihm nicht behagte/ Er ward daher Kaufmann, erwarb sich sogar ein ansehnliches Vermögen, und konnte über seine Zeit und über sein Vermögen nach eigenem Gutdünken und eigener Ueberzeuguug walten. Sein Geschäft und sein Wissen nahmen keineswegs seine ganze Zeit in Anspruch, oder besser, ergab sich nicht beiden ganz hin, daher blieb ihm noch Zeit, seiner Neigung zur Wohlthätigkeit zu genügen. Er war lange Jahre Vorsteher der Talmud-Toraschule; Schul-Syndikus., "und Mitglied mehrerer wohltätigen Vereine. Auch bei der sehr nutzbriugeuden Tor f-CH ebra war er eines der tätigsten Mitglieder, und in den heißesten Sommertagen besorgte cr selbst die Einkasscruug der Beiträge bei den Kontribuenten. Er war streng religiös, sein ganzer Umgang war fast nur mit den stabilen Orthodoxen, er hielt fest am Alten, und doch war er nichts weniger als Pietist; er schloß sich von keiner religiösen Handlung aus, aber freimüthig und rücksichtslos sprach er sich über das Veraltete ans, und kümmerte sich wenig darum, wenn ein unwissender Frömmling darüber eine sauere Miene machte. Daher erlaubte er sich auch so manches Vergnügen, das, wie die Lichtscheuen wähnen, einem Lamdan nicht zukomme. Die Hanptzierde seines Charakters war ein sanftes, ruhiges und kindliches Gemüth, ein offenes, edles, wohlwollendes Aßerz für Alle, die cs in Anspruch nahmen, und deren waren sehr viele, aber wahrlich seine linke Hand wußte nicht, was die Rechte gethan. Seine letzten Tage waren von bittern Leiden getrübt, aber kein Laut der Klage entfuhr seinem Munde. Und so entschlief er sanft und hingebend in dem 69. Jahre seines schönen Lebens, betrauert und beweint von der ganzen Gemeinde, die seine Leiche zur Ruhestätte begleitete. Nimm hin, theurer Heimgegangener, diese Worte eines Jugendfreundes an deinem stillen Grabe. Sie werden verhallen diese Worte; aber dein Andenken lebt fort in dem Herzen aller Redlichen , die dich kannten. Moses Mendelson< Oesterreich. Aus Muhren, 4. Aug. Wenn man mit einem Worteden Mittelpunkt der jüdisch-mährischen Interessen bezeichnen will, so nenne man Hirsch. Dieser Name beschäftigt jetzt ganz Mähren in allen Schichten der Gesellschaft. Greise Tatmudgelehrte und junge Aufgeklärte, starre Zöglinge der Preßburger Hochschule und elastische Studenten der Prager Jeschiba, beherzte Orthodoxe und furchtsame Reformer — Alles hat seine Aufmerksamkeit auf das neue Oberhaupt gerichtet. Der Gegenstand der Tisch- und Syuagogcngespräche bildet Hirsch. Kein Rabbiner dürfte so viel Enthusiasmus vorgefunden haben, als der mährische Laudrabbiner, dessen uugeheuchelte Frömmigkeit den mährischen Gemeinden viel Vertrauen einflößt. Allerdings mürbe der zweite Nachfolger Ben et's bereits von lorbeernurkränzten Veteranen des Talmuds auf das Schlachtfeld gelockt, um Mann gegen Mann zu fechten; allein unser Hirsch scheint — und dies mit Recht —- kein Freund talmudischer Duelle zu sein und er soll die.Aeußerung getlstm haben, daß talmudische Debatten uud pilpulartige Herausforderungen Glicht seine Sache waren. Dies allein ist bereits ein bedeutender Fortschritt für Mahren, das gesegnete Land preßburger Moremr's. Stark sind die Hoffuttttgen in Beziehung aus Schule uud Kultus, worin bereits sehr viel vorbereitet ist. So haben Prosinitz und Basen z einen geregelten Gottesdienst und die strebsame Gaueinde zu Ung a risch-Br o d geht in diesem Augenblicke damit um, das Synagogen-und Schulwesen > zeitgemäß mnzugesialten. Der dortige Rabbiner Ras eher und der tatkräftige Vorsteher.Hr.W. Fran-