Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1847)
- Date
- 1847-08-27
- Page
- Seite 273 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berichte, Studien und Kritiken Acliter Das Abonnement auf ein Jahr ist 5 Lblrf Manabonnirt bei allen löbl. Postämtern und allen solid. Buchhand-, lungm auf ein Jahr. für jüdische Geschichte und Literatur. Herausgegeben von Dr» Julius Fürst. Jahrgang. Von dieser Zeitschrift erscheinen wöchentlich das üiteraturblatt mitgerechnet, zwei Bogen, und zwar an jedem Dienstag regelmäßig. M 3Ä» _ Leipzig, den %7. August 184V» Inhalt. Deutschland. Breslau. Das Neue Judengesetz. Autonomie des Volkes. Die schlimmen Aussichten fürdasObervorfteher-Kollegium und dessen Friedensvorschläge. 'Geiger. Mi tt e l fr a n k e n. Monatsbericht. Berlin. Klassifikation der Reformerthiere. Berlin. Gesetz über die Verhältnisse der Juden. (Schluß.) Berlin. „Mein Verhältnis; zum AW." Anzukändigende Vorlesungen. Hamburg. Nekrolog auf R. Simon Beit. — Oesterreich. Aus Mahren. Lanvrabbiner Hirsch. Ungarisch- Brod. — Glossen von Peter Kago. (Fortsetzung.) —-- Personalchronik und Miscellen. Amerika. Kingston. — LB« d. Or. Deutschland. Breslau, 12. Aug. So ist denn endlich das preußische Judengesetz, das erhoffte und gefürchtete mit seinen Vorzügen' und Mängeln aus den: Zustande langer Schwangerschaft hercmsgetreten l Und es hat viel Leben in das Volk gebracht, aber sicherlich nirgends in so hohem Grade als in unserer Gemeinde. Welche Gebirgsmassen von Verlegenheiten und Rathlosigkeit thnrrrien sich bei dem Herannahen der neuen Ordnung auf! Denken Sie sich eine Horde Naturmenschen, die bisher in dem Zustande völliger Ungebundenhcit und anarchischer Aufgelöstheit gelebt, wobei es jedem Häuptling möglich war, seine Laune als Gesetz und Richtschnur auszuzwingen, aber eben so jedem Einzelnen unbenommen blieb, dem Häuptling den Gehorsam zu versagen, und daher denn auch schreiende Willkür und Trotz an der Tagesordnung war. Plötzlich ergehet cm diesen an ' Ordnungslosigkeit gewöhnten und darin verliebten Stamm eine höhere Aufforderung, sich selbst eine streng gegliederte Verfassitng zu geben, Gesetz und Ordnung gemeinsam zu berathen, Häuptlinge nach einer gewissen Norm zu wählen, denen Gehorsam geleistet werden soll, ein Budget für die Bedürfnisse des Gemeindewesens zu bestimmen und Tausend Dinge, vor denen sie früher die größte Abneigung hatten. Wenn Sie sich einen solchen Zustand denken, so haben Sie ein mattes Bild von der Gährung und Rathlosigkeit in unserer Gepicmde. Welche wundervolle Kontraste kommen da zum Vorschein! Diejenigen , die früher, auf ihr verbrieftes Recht pochend, >cr Mehrzahl ins Gesicht gelacht, sie als Plebs, als Kanaille behandelt, kriechen zu Kreuze; denn sie fürchten den gerechten Zorn der bis in ihr Innerstes und Heiligstes tief verletzten Mehrzahl. Fortan soll nicht mehr der Mammon, die Geldaristokratie, die Wahlen entscheiden, KultnSbeamte, Rabbiner, Rabbinatsaffesseren berufen, Synagogen ordnung einführeu, Reformen aufdrängcn, sondern das Volk, mit seinem gesunden unblasirten Sinn, mit seiner Anhänglichkeit au alter Sitte und Religiosität. Und das Volk hat auch das beste Bewußtsein von seinem Rechte und seiner Macht. Es wird sich Vertreter wählen , die mehr auf fein Gewissen und seine Bedürfnisse Rücksicht nehmen werden, es wird sich..keinen Vorstand gefallen lassen, dem es in dem Anfall einer Laune erlaubt sein darf, zum Hehn alter Anwesenden an heiliger Stätte das Haupt zu entblößen, e§ wird nicht gleichgiltig sein gegen die Wahl von Geistlichen, die mit seinem Heiligsten ungestraft ein schnödes Spiel treiben dürfen. So viel ich den Besprechungen des eigentlichen Volkes abgelauscht, ist eö sehr eifersüchtig ans die ihm nach dem neuen Gesetze zuerkannten Privilegien. Bei der neuen Wahl der Repräsentanten wird sich als Resultat Herausstellen, ob die hiesige Gemeinde in Bausch und Bogen zu dm unmäßigen Reformsüchtigen gehört, die lüstern wärm nach Verwirklichung der Beschlüsse der frommen Rabbinerversammlung, - 35*